Montag, 14. August 2017

Toro

Sie werden Dich töten, das ist klar. Doch es liegt in Deiner Natur zu fechten, Du kannst gar nicht anders. Und wenn sie dann noch ihre Tücher vor Dir schwenken und Dir den Staub der Arena zuwedeln, wird Dein Blut heiß und Du rast.
 So berechenbar bist Du, so mächtig und so berechenbar, folgst wie ein treuer Hund. Und so unberechenbar sind Deine Gegner, diese schlanken Tänzer in ihren prächtigen Kleidern, die das Publikum anbetet und die sich ja sogar selbst Mörder nennen, aber Du verstehst ja nichts. Du gehorchst Deiner Natur und somit gehorchst Du ihnen; was Du bist verwenden sie gegen Dich.
 Würde einer von ihnen wirklich Kreatur gegen Kreatur antreten, mit dem, was die Schöpfung euch gegeben hat, Du würdest ihn zerschmettern, ihn zerstoßen mit Deinem Haupt. Das mag Dein ganzer Stolz sein, bis zum bitteren Ende, ich bilde es mir gerne ein. Deswegen foltern sie Dich ja mit ihren Messern und Spießen, um Dich zu erschöpfen, weil sie sonst unter Deiner Gewalt zerbersten würden. Deswegen brauchen sie ja die jahrelange Ausbildung, üben sich erst an Deinen Kindern, weil ihnen die Tatsachen sonst die Knochen brechen würden.
 Manch einem Deiner Brüder ist es ja gelungen: in einem Moment der Unaufmerksamkeit haben sie das Gesetz der Natur durchgesetzt und den Mörder getroffen, ihm vor Augen geführt, was er ist, was er wäre, wenn es gerecht zuginge.
 Doch mache Dir nichts draus! Sie werden den Matador, den Geschlagenen, bejubeln und feiern wie einen Helden, wie einen Märtyrer, wenn Du ihn tötest. Er wird seine hässlichen Narben zeigen, wenn er nackt in der spanischen Sonne liegt, unbelehrt, und sich für einen Ritter halten, der mit dem großen Drachen, mit dem Satan gekämpft hat. Und niemandem wird es in den Sinn kommen, wer der Satan ist.
 Dich werden sie töten, das ist klar, so oder so. Am besten, Du stündest nur da, ganz still, in Deiner edlen Schönheit, und würdest ihnen die Show stehlen, wegen der sie gekommen sind, aber das kannst Du nicht, Du verstehst ja nichts.
 Du wirst nicht aufhören. Sie werden nicht aufhören. Es bleibt nur, dass, unsichtbar und doch vor aller Augen, vor der geilen Menge, vor den Toreros, in Hitze, Staub und Blut, das Recht auf Deiner Seite ist und Du von Anfang an Deinen traurigen Sieg errungen hast. 

Sonntag, 30. Juli 2017

Regen

Seit Tagen schüttete sich der Himmel aus. Die Ampel, an der er wartete, war ein verquollener roter Fleck hinter einer Wasserwand, die, von den Scheibenwischern zur Seite geschoben, direkt wieder nachgoss. Innen beschlug es ständig, es war wie in einem Gewächshaus, und er nickte nur stirnrunzelnd, wenn manche der Patienten, zu denen er fuhr, ihm sagten, dass ihnen kühl sei, während ihm der Schweiß im Kragen staute und ihm die Lippen salzte.
 Es dauerte und er geriet in Träumereien, stellte dann den Motor ab, löste den Gurt, stieg aus, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, breitete die Arme und ließ den Regen auf sich niedergehen. Nahezu unmittelbar war er vollkommen durchnässt. Und in Sekunden der Besinnung fragte er sich, was er da eigentlich mache, wissend, dass es bereits zu spät war, denn so eine Pose musste man halten und konnte sie nicht abbrechen. Die hübsche Frau im Wagen hinter ihm, die er im Rückspiegel zwischen den Wasserschwällen gesehen hatte, wird wohl denken, dass er sie nicht mehr alle habe, aber das war nun auch egal; die Unbeschwertheit folgte der Haltung nach und bald vergaß er alles, als würde es vom Regen weggespült.
 Dann hörte er eine Tür sich öffnen und zuschlagen, und sie würde ihn gleich fragen, ob er nun fertig sei mit seinem Was-auch-immer und endlich weiterfahre, oder dergleichen. Doch sie sagte nichts, sondern er vernahm nur plätschernde Schritte neben sich und fühlte, nur einen Hauch, eine Hand die seine streifen und bleiben, Millimeter neben seiner. Sie stand da auch so.
 "Das habe ich als Kind gemacht", sagte er, "In der Schule standen wir im überdachten Gang zur Aula und haben gewartet, dass die Lehrerin aufschließt. Es hat geschüttet und ich bin auf den Schulhof gerannt und habe die Arme ausgebreitet und mich vollregnen lassen ... und manche haben es nachgemacht und die Lehrerin hat gerufen, wir sollten zurückkommen; nasse Kleidung, Erkältung, blabla, und so weiter. Und wir haben da gestanden, alles ignoriert und es genossen ... Warum macht man das später nicht mehr?"
 Sie sagte nichts.
 Sie wird nichts sagen, dachte er.
 Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der verquollene rote Fleck wurde gelb, dann grün. Und er fuhr weiter.

Freitag, 14. Juli 2017

Ähren

Worüber wehklagen? Worüber ängstlich und sorgenvoll werden?
 Eines Tages werden wir das alles zu Staub zerfallen sehen und vom Wind davongeweht, wie in Frühlingsstürmen, die die Ähren auf den Feldern durchpusten.
 Und dann werden jene, die Frieden, Liebe und Gerechtigkeit ersehnt haben es im Überfluss bekommen: Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.
 Und jene, die es nicht wollten, sondern Unfrieden, Hass und Unrecht, sind vergangen. Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Es ist ja nicht so, dass das nicht zuhauf gelehrt und geschrieben worden wäre, nicht wahr?!

Soll man also stumm ertragen und nicht gegen das Böse aufstehen?
 Wie sagte Paulus immer: "Das sei ferne!" - Immer sollen wir aufstehen!
 Zum Beispiel: allen Menschen mit Liebe, Friedfertigkeit und Sanftmut begegnen, soweit es an uns liegt. Das ist der Kampf gegen das Böse.
 Das klingt naiv und dumm. Nein. Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne Hass mit Hass und Gewalt mit Gewalt überwinden; als würde man seine Wohnung mit Dreck putzen.
 Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne die Welt noch irgendwie zur Einheit hinschlachten und einen Weltfrieden zurechtbomben. Von unserer Heuchelei ganz zu schweigen, eine Gerechtigkeit einzufordern, die wir in uns selbst nicht wahrmachen.
 Das Problem ist das Herz des Menschen, von Anfang an. Und nach dem Herzen werden wir einmal beurteilt werden, nicht nach dem Werk. Ein Werk wird nur durch die Gesinnung gut.
 Dem Hilfsbedürftigen mag das Herz egal sein, wenn ihm geholfen wird; das spielt keine Rolle, das Herz wird angeschaut werden. Und wo immer wir sind und was wir tun, ob an einem Podium, an einem Altar, in einer der unzähligen Talkshows, auf großen Konferenzen, im Supermarkt, im Auto, im Haus oder am Stammtisch, und wir reden von Recht und Unrecht, von Frieden und Gerechtigkeit und alledem, es wird das Herz angeschaut und durchforscht vom Geist, ob es Liebe war.
Und die Liebe, das muss klar sein, lässt sich nicht durch gute Absicht, Höflichkeit oder Enthaltung und Neutralität ersetzen, wie manche glauben.

Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Dann ist unser Geschwätz, unsere Selbstgerechtigkeit, unser Undank diesem schönen Leben gegenüber, unsere Folter und Selbstzerstörung, unsere Überheblichkeit und unser Narzissmus, unser Zorn und unsere Bosheit, das alles ist dann vorbei.

Darüber kann man wehklagen: über den Menschen.

Donnerstag, 8. Juni 2017

Hymne

Du bist unergründlich. Ein ewiger, unauslotbarer Geist, der alles lenkt und leitet. Da ist keiner, der dich erfassen kann, und in deine Tiefen steigen. Sondern du blickst in alle Tiefen und Abgründe, wie es heißt: Finsternis lag auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.
 Wie habe ich dich gesucht! Seit ich denken kann, habe ich nur dich gesucht, mein Herr. Als habe ein Engel an meiner Wiege gestanden und mir Sehnsucht in das Herz geschrieben. Seither ist dein guter Geist bei mir und du hast mich nie verlassen, niemals hast du mich verlassen. Ob ich dich ignorierte, dich verleugnete, mit dir stritt oder kämpfte, du hast mich niemals in Unklarheit oder Zorn schlafengehen lassen, sondern in der Dunkelheit die Einsicht in meinem Herzen entzündet wie eine Kerze, oder meine Untreue zu einem schmerzenden Feuer, wie es heißt: Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich`s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen; und: ein zerschlagener und gedemütigter Geist ist ein Opfer, das Gott gefällt.
 Lass mich lernen, was ich anderen vorbete, damit es nicht leere Worte sind: Alles, was du willst, mein Herr, ist gut und recht, und deine Geheimnisse sind heilig und gehören dir allein; da ist nur Glaube und Vertrauen.

Du bist mein Ein und Alles.

Dienstag, 2. Mai 2017

Das Lob der Frau, oder: wie man atmet

Meiner Liebsten.

Schatz, weißt Du, wie wir Menschen atmen?
 Es ist so, dass die Muskulatur des Rumpfes die Lungenflügel weitet und diese sich mit Luft füllen, sehr verkürzt erklärt, ähnlich einem Blasebalg. Wenn Du mal Ruhe hast und ganz ruhig atmest und darauf achtest, kannst Du es spüren, wie zuerst die Rippen sich heben, dann die Luft durch Nase oder Mund hineingesogen wird; und umgekehrt, wie beim Ausatmen zuerst die verbliebene Luft aus dem Atemkanal geht und der Rumpf sich dann langsam zusammenkauert und den Rest herausschiebt. Doch bleiben wir beim Einatmen; man nennt es "Inspiration" in der Physiologie, und vielleicht behälst Du dieses Bild im Hinterkopf.

König Salomo schrieb: Eshet chayil mi yimtzah; das heißt: Wer eine tüchtige Frau findet;
 und weiter: die ist vielfach edler als die schönsten Perlen. Das Herz des Mannes hängt an ihr und ihm mangelt es nicht an Nahrung. Sie tut ihm Liebes und kein Leid ihr Leben lang. (Spr 31,10-12)
 Manche zucken nun schon zusammen bei dem alten Rollenbild, das hier durchschimmert und um das man ja weiß; wie auch immer ... Lesen wir im Ersten Buch Mose die Anfänge, so finden wir zwei Verhältnisse des Menschen erzählt: ein natürliches Verhältnis, von Gott geschaffen, und ein gestörtes Verhältnis aus dem Sündenfall, die Trennung von Gott. Und Mose erzählt es so:
 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe schaffen, ein Gegenüber (Gen 2,18) Und er ging hin und machte die Tiere der Erde und des Himmels und brachte sie zu dem Menschen, damit er sie anspräche und ihnen Namen gäbe und schaue, ob unter den Tieren ein passendes Gegenüber sei; doch da war keines. Und so, heißt es, ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. Wir könnten hier auch "Flanke" sagen, aber mit Luthers Übersetzung ("Rippe") hatte es sich eben so durchgesetzt in fast allen Übersetzungen und Auslegungen, und ist manchen heute ein Symbol für ein krankes Frauenbild, das die verirrte Kirche ja lange vor Luther schon hatte und es gehegt und gepflegt hat, wie ein liebes Kind.
 Was die Erzählung sagt ist, dass Gott vom geschaffenen Menschen nimmt, aus der Flanke, und einen Stützpfeiler bildet; wie es dort heißt: Und Gott der HERR bildete eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Es war als Einheit gedacht: Gott schuf nicht einen Menschen und noch einen Menschen und brachte sie zusammen, sondern er schuf aus dem Menschen sein Gegenüber. So heißt es: Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein.
 Die Frau vom Manne, alles Leben aber aus der Frau: Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. (Gen 3,20)
 Magst Du nun das Bild nehmen, dass ich Dir zeichnen wollte, dann ist es so: die Flanken, die Stützpfeiler (wie Du willst), tragen das Gebilde; der Thorax, die Muskulatur, hält den Menschen aufrecht, sonst würde er zusammenferchen und einknicken, könnte nicht einatmen, nicht ausatmen, hätte keine Inspiration, keine Ruhe, und würde verkümmern; da wäre keine Liebe, keine gute Hand, kein Trost, keine Sinnlichkeit, keine Leidenschaft, keine Erkenntnis, was es bedeutet, jemanden mehr zu lieben als sich selbst. Alldas wurde uns dort ins Herz gegeben, will die Bibel sagen, und nahezu alle Menschen sehnen sich danach, wie nach der Harmonie und dem Paradies (Gen 3,23.24)
 Doch es kam, was wir Sündenfall nennen. Die Schlange, der Teufel, verleitete die Menschen zum Ungehorsam gegen Gott, denn Gott hatte gesagt, sie sollten nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen; ich will nicht alles ausbreiten, Du kennst die Geschichte ja. Warum aber geht die Schlange zuerst zu der Frau? Weil der Mann auf seine Frau hört, ganz einfach, weil sein Herz an ihr hängt, wie geschrieben ist: Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. (Hld 6,6)
 So wurden sie aber einander entfremdet, wie sie Gott nun entfremdet waren, erkannten, dass sie nackt waren, bloßgestellt vor Gott und voreinander, schämten sich und verhüllten sich mit Feigenblättern, und alle Harmonie war gestört und ist gestört bis heute. Das sagt Gott mit dem Fluch: die Schlange wird in den Staub verstoßen, der Satan regiert die Welt und treibt sein Unwesen, die Frau muss unter Schmerzen Leben hervorbringen, der Mann wird als Herr über sie gestellt und muss harte Arbeit tun für das tägliche Leben, und letztlich muss man hier sterben (Gen 3,14-19); den Garten, den Ort bei Gott, mussten sie verlassen.
Dies nun ist das gestörte Verhältnis, wenn wir bei dem Mann und seiner Frau bleiben: er soll ihr Herr sein, sie verlangt nach ihm, und alles, was da kam, Erniedrigung, Gewalt, Unterdrückung, Schändung, Verstümmelung, und all diese Übel bis heute, sind ein Fluch und die Abkehr des Menschen von Gott.

Was machen wir nun, meine Liebste? Nun, wir nehmen es wahr und können sehen, so wie immer, dass uns alles in der Schrift erzählt und gesagt ist, und brauchen mit diesem Fluch nichts weiter zutun zu haben, bis auf Weniges, das wir noch aushalten müssen. Die Arbeit kennen wir, die Schmerzen kennst Du, unter denen Du so tapfer unseren lieben Sohn geboren hast; die Schlange kennen wir auch, in unseren Herzen und in dieser Welt; sterben müssen wir wohl und wieder zu Erde werden.
 Die Trennung von Gott aber, das ist nicht mehr unsere Sache, dank seiner Liebe und Gnade, seinem geliebten Sohn, das ist Jesus, unser Herr. Wenn es Dir aber doch mal so scheint, als wäre er weit entfernt, als höre er Dich nicht oder spreche nicht zu Dir: habe Geduld. Es ist so seine Art, dass er manchmal schweigt und sich zurückhält, um unseren Glauben und unser Vertrauen zu stärken. Du weißt aber, dass er immer da ist, immer, und er hört alles, ob Du`s aussprichst oder es Dir nur durchs Herz geht; denk daran.
 Und ich weiß, dass Du gut darin bist, Geduld zu üben und nicht aufzugeben, denn Du hast soviel Geduld mit mir gehabt und hast sie noch, obwohl es nicht leicht ist mit mir; und hast soviel Liebe und Sanftmut und Treue, und ich habe noch nicht begriffen, womit ich es verdient habe. Du bist eines seiner unergründlichen Geheimnisse, inspirierst mich und raubst mir den Atem, beruhigst mich und machst mich aufrichtig. Und ich mag mal die Nerven verlieren, aber niemals die Faszination.
 Was soll ich Dir sagen? Ich liebe Dich und will immer bei Dir sein. Und all meine Gedanken, meine Sorgen, meine Gebete sind zuerst bei Dir und unserem Lieben, bevor sie irgendwohin schweifen. Und was auch immer ist, was Du mir erzählen willst, was Du in meine Schulter weinen musst, ich will mich an mein Versprechen erinnern, wenn ich nachlässig werde; das ist: ich gehe einen Pfad mit Dir, auf leichten und harten Wegen, durch wunderschönen Sonnenschein und tiefe Finsternis, durch alles, was da kommt, und weiche nicht von Deiner Seite und helfe Dir mit allem, was ich bin und habe. Erinnere mich daran!

Das gestörte Verhältnis aber, die Herrschaft und die Unterordnung, wird nur durch Erkenntnis und Liebe bezwungen, wie alles nur durch Erkenntnis und Liebe bezwungen wird; wie es heißt: Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. (Gal 3,26-28)
 Lass uns dies lernen, immer mehr, denn darum geht es.

"Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein". Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde. Darum auch ihr: ein jeder habe lieb seine Frau wie sich selbst; die Frau aber ehre den Mann. (Eph 5,31-33)

Es ist mir eine Ehre. 

Donnerstag, 20. April 2017

Sommergewitter

Wolken zogen auf. Der Sommerhimmel und sein später Nachmittag wurden nach und nach von trägen Massen bedeckt, deren Rücken noch das Sonnenlicht erhellte, deren Bäuche aber schon schwarz waren; und der Wind ging, pustete durch die Bäume, dass Zweige, Blätter und Staub wie Kometenschweife von ihnen wehten, dann in kleinen Wirbeln tanzten und sich irgendwo verloren. Manches ging mit einem Prasseln nieder und wurde über den Asphalt geschliffen, aber man konnte mit Augen und Ohren nicht mehr ausmachen, ob es Blätter und Zweige waren oder schon der Regen. Denn das vermischte sich und wie alles andere, nahm er auch dies nicht zusammenhängend wahr, sondern eher wie einen Wechsel von Erscheinungen, der Wandel aus Licht und Schatten, Strahlen und Finsternis; weniger mit den Sinnen, als eher sinnlich.
 Er stand auf dem Balkon, ein Junge, und während sein Blick noch wie betäubt den tanzenden Blättern folgte, sammelten sich dicke dunkle Flecken auf der Straße und den Bürgersteigen wie Tintenkleckse, und machten aus dem Prasseln nun endlich doch Regen. Eine angenehme Gänsehaut trennte sein vom Sommer aufgeheiztes Inneres fein und säuberlich von der Außenwelt und bewirkte diesen seltenen Moment, wo man ganz in seinen Empfindungen zuhause ist und die Gedanken kurz schweigen.
 Nur kurz. Denn seltsam, dachte er dann, die Straße, die Bäume und Fassaden der Häuser, alles, was seinen Platz auf dem Erdboden hatte, war erleuchtet wie vom Sonnenschein, der Himmel aber war tiefschwarz, so schwarz, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte, glaubte er. Und ein erhabenes Gefühl stieg in ihm auf. Das Gefühl auf dem Gipfel eines Berges, an der Küste und unten nur das weite Meer, oder unter einem endlosen Sternenhimmel; oder bei einem Gewitter.
 Der Wind ging stärker, schaukelte ein verlassenes Vogelnest in der Krone eines Ahorns, und spielte auf den Dachziegeln und in den Regenrinnen gespenstische Geräusche. Irgendwo aus diesem schwarzen Gewölbe drang ein Grollen auf ihn zu, so schien es ihm, und der Himmel vor seinen Augen war ihm wie der Rachen eines riesigen Tieres, in dem weiße Zähne blitzten; noch weit entfernt, aber grell und scharf, gingen sie irgendwo nieder und schlugen in einen Körper ein, um ihn zu zermalmen. Lichter flackerten in der Schwärze, das Prasseln stieg zu einem Rauschen an und der Regen fiel in Strömen zur Erde. Die Böen wiegten die Wasser wie schwere Vorhänge hin und her, vor und zurück. Die Blitze waren schon näher gekommen und stießen krachend herunter, dass er zusammenfuhr, wie es ist, wenn man vor lauter Erwartung noch mehr erschrickt als wenn`s ohne Erwartung geschehen wäre. Kleine Wasserfälle flossen von dem Glasdach über ihm und begossen die Geranien seiner Mutter. Das Schauspiel des Himmels ging noch eine Weile und brachte alles in ein faszinierendes Chaos, ein Wirrwarr. Er liebte das.
 Da bist du also, dachte er. Er hatte in letzter Zeit viel über den Satan nachgedacht und beim Propheten Jesaja von dem schönen Morgenstern gelesen, dem gefallenen Engel, dem Unterdrücker aller Völker, der Gott gleich sein wollte und in die Abgründe geworfen wurde. Und er hatte am Mittag so still bei sich gedacht: Wenn es dich gibt, dann zeige es doch mal.
 Das muss nichts miteinander zutun haben, wird er später einmal verstehen; doch dort auf dem Balkon war er erstmal beeindruckt von dem Szenario. - Jahre vorher, als kleiner Junge, hatte er beim Spielen im Garten eines sonnigen Tages mal gedacht: Gott, wenn es dich gibt, dann lass es doch Morgen einmal regnen. Es hatte nicht geregnet, sondern die Sonne strahlte schön wie am Tage zuvor.
 Das muss nichts miteinander zutun haben, verstand er damals bereits; er lachte nur und freute sich über das schöne Wetter.

Samstag, 15. April 2017

Wen ihr ehrt ...

"Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!"
 Diese und andere legendäre Sätze hört und liest man vor allem in diesem Jahr sehr oft. Am 31. Oktober wird der Augustinermönch Martin Luther seine berühmten 95 Thesen vor fünfhundert Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben und damit zu einem Pionier und zum bekanntesten Gesicht der Reformation werden.
 Er wird nach und nach mit allem brechen, was bisher herrschte: eine Kirche, die ihre Aufgabe und die Botschaft, die sie tragen sollte, längst vergessen hatte, die zum Bild des Antichristen geworden war, weil man sich dort selbst zu Gott machte, über Heil und Unheil verfügte und es verkaufte wie Waren auf dem Markt. Er wird selbst zur Ware werden, die heute Bücher, Plakate, Spielfiguren und Musicals schmückt; ein Ersatzpapst einer Kirche, die sich rühmt, keinen Papst zu haben, sondern allein Christus als ihren Herrn und ihr Haupt.
 Er wird die Freiheit des Gewissens vor sich selbst und vor Gott entdecken, die Gerechtigkeit aus Glauben, den Glauben an Jesus Christus. Er wird vom guten Pfad abkommen, die Freiheit des Gewissens versaufen und mit Gewissenlosigkeit tauschen, mit dem Glauben alles rechtfertigen: die schlimmsten Texte und Beleidigungen, die Zustimmung zu grausamsten Folterungen und Bestrafungen Andersdenkender, wie es einst der verhassten Mutterkirche vorgeworfen wurde, obgleich er einmal gesagt hatte, man dürfe niemanden zum Glauben zwingen.
 Man wird sagen, es sei eben eine harte und grobe Zeit und Sprache gewesen, damals bei dem Luther, und er habe eben ein Maul gehabt und vieles gar nicht so gewollt und gemeint. Doch liest man bei anderen Christen jener Zeit nicht solche Texte, nicht solche Worte; in der antiken, biblischen Zeit unseres Herrn und unserer Apostel, die an Härte und Grausamkeit nichts fehlen ließ, lesen wir nicht solche Texte, nicht solche Worte. Und wenn die ganze Welt so redete, so sollte es doch beim Christen anders sein, oder nicht? Und was wir wollen oder nicht, was wir anrichten oder nicht, dem Christen sollte es doch klar sein, oder nicht?
 Von der Freiheit des Gewissens wird man viel reden und es als Errungenschaft der Reformation preisen. Von der Gerechtigkeit (allein) aus Glauben wird man viel reden; dass es der Glaube an Jesus Christus ist, der eine und einzige Weg, davon wird man weniger reden; dass Glaube ohne Werke tot ist, dass die Werke Christi Liebe, Sanftmut, Barmherzigkeit, Treue, Unbestechlichkeit, Wahrhaftigkeit und dergleichen Tugenden sind, gegen jedermann, den Nächsten, dass der Herr nicht bloß die böse Tat, sondern schon den bösen Gedanken beurteilt, davon wird man weniger reden.
 Er, Martin Luther, wird eine großartige Bibelübersetzung schreiben. Nicht die genaueste, aber mit Sicherheit die schönste in deutscher Sprache; das größte Werk seines Lebens. Er wird den einzig guten Maßstab zur Auslegung der Schrift an die Hand geben, das ist Jesus Christus selbst, und wird selbst dagegen verstoßen, indem er manche Texte vorzieht und hervorhebt, andere zurückstellt und gar als "stroherne Epistel" herabsetzt, obwohl so viel Gutes und Wahres darinsteht.
 Die Übersetzung wird man ehren, als Meilenstein deutscher Literatur und wegen ihres enormen Einflusses auf die deutsche Sprache und Kulturgeschichte; und manche werden sie sogar dadurch ehren, dass sie sie lesen und aus ihr lernen.

Es geht nicht um Luther. Gott hat diese beeindruckende Persönlichkeit gebraucht in einer Zeit, wo es vonnöten war, um das Wesentliche wieder auszugraben, das von so viel Prunk und Schund zugeschüttet war. Gleichsam ist er ein schillerndes und tragisches Beispiel dafür, was Macht, Einfluss und Rausch mit einem Menschen machen, und wie sogar jemand, der so wunderbare Texte schrieb und so frei war, vom guten Weg abkommen und Knecht werden kann - der Fürsten und vor allem seiner selbst.
 Wir sollten Acht haben, dass es uns nicht genauso geht und wir etwa für die Anerkennung von Oberen und der Gesellschaft die Lehre Gottes drangeben, nicht wahr? Dass die Freiheit des Gewissens nicht die Freiheit vom Gewissen werde; dass die Rechtfertigung nicht "allein" aus Glauben komme, noch dazu aus irgendeinem Glauben, sondern dass er uns nach Gesinnung, Worten und Taten beurteilen wird; dass er nicht eine religiöse Variante sei, ein "christliches Sinn-Angebot", sondern er ist der Weg zu Gott und die Versöhnung mit ihm.
 Wollen wir die Reformation feiern und ihr gedenken, so sollten wir uns eine Frage stellen, die damals alles entschied, heute alles entscheidet, und ferner alles entscheiden wird: Wen ehren wir?

Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen. 
(Offb 4,11)