Sonntag, 17. Dezember 2017

Wunderbares Geheimnis

"Dieser Mensch", begann der Doktor, "ist nur eine unverstandene Chiffre in dem Buch der Weissagung, das der Welt eine große Freude verkündet. Das Buch will verstanden sein. [...]
(Johann Peter Hebel, Spaziergang an den See, 1820)


Der Mensch ist ein chiffriertes System, ein Geheimnis, dessen Wert darin besteht, dass es unauslotbar bleibt und in seinen Tiefen immer nur dort etwas zu erkennen ist, wo man gerade die Fackel hinhält. An Modellen und Theorien haben wir alles abgegrast, da kommt nichts neues mehr - auch Gedankengänge kommen irgendwann an ihr Ende und dann wiederholt man nur noch mit unterschiedlichen Begriffen.
 Wir sehen ihn aus Erde und Atem belebt durch Gott. Wir sahen ihn zusammengebaut aus göttlichen und animalischen Elementen. Wir ermittelten ihn aus der Evolution erwacht und emporgestiegen, oder meinten ihn durch Unwissenheit und Anhaftung sich zusammenballend und formend, sich zersetzend und wieder vergehend.
 Wir haben mit der Welt begonnen, um ihn zu erklären, wir haben mit ihm begonnen, um die Welt zu erklären. Wir haben ihn mit Erbsünde verdorben, um ihn dort wieder herauszukasteien. Wir haben ihn gänzlich schuldfrei gesprochen, dass er gar keine Verantwortung mehr habe, sondern nur noch ein gerittener Esel sei. Wir haben ihn mit Dämonen besetzt, die man ihm austreiben muss, und ihn für Dinge schuldig gesprochen, an denen er gar nicht beteiligt gewesen war oder an denen er beteiligt sein werden wird, kurz: Karma.
 Wir haben seine Natur schlecht genannt und abgetrennt vom Geist. Wir haben ihm empfohlen, der Welt zu entsagen, sich selbst Schmerzen zuzufügen und sich zu hassen. Wir haben ihm verordnet, dass er nicht fühlen darf, was er fühlt, nicht denken darf, was er denkt, nicht sein soll, was er ist. Wir haben ihm geboten, wen er lieben darf und wen er hassen soll, und ob seine Liebe und Zuneigung überhaupt richtig ist.
 Wir haben ihn in seine Stoffe und Teile zerlegt, in seine Symptome und Areale, um dann festzustellen, dass er ein zusammenwirkendes System ist, ein Geflecht aus Beziehungen. Wir haben ihn berechnet, in Gleichungen und Algorithmen aufgelöst, wir haben ihn überfüttert, abgelenkt und verunsichert, damit er träge und gehorsam wird. Wir haben ihn auf Ansichten verpflichtet, die gar nicht seine eigenen sind, ihn in Blut, Rasse und Nation gleichgeschaltet und zum Vernichten ausgebildet, zum Selbstvernichten.
 Wir haben ihn geliebt. Wir haben ihn unter Schmerzen geboren und an der Brust gestillt. Wir haben ihn auf unseren Händen getragen, wir haben ihn in die Arme geschlossen. Wir haben an seinem Bett Wache gehalten, wir haben Sorge gehabt. Wir haben ihn gelehrt, was wir selber zu wissen glauben, und einen Weg gewiesen. Wir haben echtes Interesse an seiner Entwicklung gehabt, haben seine Gaben und Fähigkeiten gesehen, seine Kreativität und Begeisterung, seine Güte, Opferbereitschaft und Hingabe. Wir haben ihn gepflegt, ihn zu Grabe getragen, um ihn getrauert und ihn vermisst. Wir sind in seine Tiefen und Abgründe eingetaucht, seine Leidenschaften und Bindungen, seine Schönheit und Sinnlichkeit, seine Finsternis und Destruktivität, sein einzigartiges, unveräußerliches Wesen, das wunderbare Geheimnis.

Das ist der Mensch: das so gewordene Wesen. Geboren, aus Gutem und Bösem zusammengeflochten, unwissend und unschuldig, mit aller Möglichkeit zu lernen, zu erkennen, zu lieben, sich zu formen, Weg zu bahnen und erfüllt zu werden, wenn er geliebt und gefördert wird. 
 Das ist das Leben: der so gegangene Weg, die Schule des Charakters, mit allem Guten und allem Schlechten. Er ist nicht verdammt, hier oder dort zu enden. Aber stellen muss er sich, in sich blicken und nichts mehr verlagern auf Teufel, Dämonen oder andere Menschen, Hirten, Befehlshaber oder Regenten. Sondern das ist Lernen, echte Bildung und Selbstliebe, dass man ernsthaft in sich schaut, Gedanken und Gefühle ausmacht, tief nachsinnt, Erfahrungen sammelt, das Gute bewahrt, Sinnlichkeit genießt, für Leib, Seele und Geist verantwortlich ist und dankbar für alles. Und wo Erkenntnis ist, da wird Liebe.
 Und der Gott, den man ehrt? Ist er ein guter Geist, ist ihm an der Freiheit, Bildung, Erfüllung und Erlösung seiner Kinder gelegen, an Erkenntnis, tiefer Liebe und Beziehung, dann bewahre ihn. Ist ihm an Unterwerfung, blinden Gehorsam, Zerstörung und Ausrottung gelegen, an Angst, Erniedrigung und Kränkung, dann lass ihn.
 Auch das ist zu erkennen, tief ins Herz des Menschen geschrieben. Ein wunderbares, unergründliches Geheimnis. 




  

Montag, 20. November 2017

Das Firmament

Er ging an einen stillen Ort. Ungewöhnlich, verließ er nachts das Haus, hatte seine Frau und seinen kleinen Sohn, der so hübsch war wie sie, eine Zeit lang betrachtet, wie sie schliefen, ruhig und tief, war aus dem Zimmer geschlichen, im Dunkeln mehrmals irgendwo angestoßen, hatte sich angezogen und war gegangen.
 Mehr wie gelenkt ging er und verließ das kleine Dorf, in dem sie wohnten, die hübschen, beschaulichen Häuser und Straßen, zu den weiten Feldern, die sich wie ein dunkler Teppich erstreckten bis zu den schwachen Lichtern des nächsten Ortes, kilometerweit, finster und still. Er suchte eine Erfahrung, eine Anschauung, ein Ende seiner Gedanken, der Theorien und des Philosophierens, den Unterschied von Alleinsein und Einsamkeit. Der Überdruss ließ ihn gehen und das Gewohnte verlassen. Man muss einen Raum finden, in dem man sich loslösen kann, stillewerden, vergehen, wahr werden ... Sind nicht viele aus den Gesetzmäßigkeiten, aus den Bestimmungen herausgetreten, sei`s auch nur eine Weile, um die wahre Fügung zu erkennen, die Natur der Dinge, den großen Geist, den ewigen Gott; in Wüsten und Wäldern, auf Bergen und in Tiefen, auf Meeren und am Firmament? Er ging auf den Acker. Er hatte nach einigen Träumereien über entlegene und mystische Orte verstanden, dass der Raum direkt vor der Haustür lag, erahnt bei einem Blick aus dem Fenster. Einige Meter nur, und doch verließ man eine Welt und trat in eine andere ein. Es hat mit der Betrachtung zu tun, mit der Wahrnehmung, mit der Gewichtung von Aufmerksamkeit und Ignoranz. Uns geschieht das ständig, wir sind eigentlich nie in der faktischen Realität, sondern unser Geist, unsere Empfindungen, unsere Sinne schweifen umher wie Windböen. Hätte dies ein Ende und wir wären nur noch Realität, nur noch eine Tatsache, wir würden wohl tot umfallen, oder eher noch einfach erstarren. Wie man nicht an den Geist glauben kann, dachte er, ist mir unbegreiflich.
 Er setzte sich auf den Ackerboden, schloss die Augen und atmete tief ein. Weit entfernt war leise das Rauschen der Autobahn zu hören und er genoss es, noch dieses Treiben der Welt, noch diese Betriebsamkeit und Geschäftigkeit der Menschen zu vernehmen, und sich selbst jetzt und hier daraus ausgestiegen zu fühlen. Letztendlich geht dies nur im Innern, wusste er. Dort muss es geschehen. Der Gang nach draußen, ins Feld, in die Wüste, auf den Berg, ist das Abbild der Sehnsucht; eine Schule, um das zu verinnerlichen, wonach das Herz sich sehnt, sodass einmal selbst aus einem gefesselten oder zerfallenen Leib noch die Augen leuchten und ein Vertrauen und ein Frieden unter den Ketten ausharrt, bis sie fallen.
 Er legte sich, öffnete die Augen wieder und schaute hoch in das endlose Meer aus tiefer Dunkelheit und Sternen. So hoch und so tief zugleich, voller schimmernder Zeichen, Anordnungen und Bilder. Er war fasziniert gewesen, als ihm jemand vor Jahren mal erklärt hatte, dass man mit dem Blick in die Sterne in die Vergangenheit schaute. Es hatte ihn in einer Art und Weise fasziniert, die man wohl das Gefühl der Erhabenheit nannte. Und die Erhabenheit kehrte nun wieder, trat ihn vor Augen und vereinnahmte ihn. Das war eine wunderbare Gabe, die sie innehatte: zwanglos vollkommen zu vereinnahmen, wie die Liebe. Und wenn er nun wieder richtig gewichtete, die Aufmerksamkeit und die Ignoranz, nur nach oben sah und den schwarzen Horizont vergaß, dann war er in diesem Sternenmeer, dann fiel er in den Himmel.
 Und er verstand: Wir erklimmen dort gar nichts. Wir erlösen uns nicht, wir retten uns nicht. Der gleiche Himmel, dieser wunderschöne Himmel, schickt zuweilen Blitze und Donner, heftige Stürme und Sturzfluten, Hagel und Schnee, und bleibt erhaben über all unser Ungemach, über all unsere Tränen, all unsere Schwierigkeiten. Nur wenn dort Liebe ist, können wir leben; vollkommene Liebe. Vor diesem erhabenen, wandelbaren, schweigsamen Himmel, vor diesem Gesetz sind wir wieder wie am Anfang, wie das Neugeborene ausgeliefert und hingegeben an Liebe oder Zorn. Rachamim, hatte er gelernt, das ist hebräisch und heißt zugleich Mutterschoß und Erbarmen. Beides habe ich erlebt, dachte er. Wie in deinem Schoß das Leben wuchs, wie sich ein Werdegang an deinem Bauch abzeichnete, bis an das Herz, und mit jedem Tag ein Band dichter geflochten wurde aus Liebe, Sorge und Vorstellung. Wie alle Untersuchung, alle Forschung und Wissenschaft, alle Darstellung und Betrachtung des Sichtbaren nie sein Geheimnis offenbaren können, das Zusammenwirken aller Teile zu einem System. Das gilt für alles: Man zerlegt und zerstückelt die Natur auf der Suche nach dem kleinsten festen und unveränderlichen Teilchen und weiß dann immernoch nichts vom Leben und kommt nur dorthin, wo man auf die Knie gehen müsste. Man hat sogar den ganzen Menschen zerfleischt auf der Suche nach der Seele und dem Geist, um dann einzusehen, dass dies gar kein Stoff, gar keine Substanz ist, sondern ein Prozess und eine Beziehung. Heiliges Geheimnis.
 Erbarmen, das hatte er oft erlebt, doch als sein Sohn geboren wurde, war es Fleisch und Blut geworden. Denn das ganze Kindlein rief nach Barmherzigkeit und Liebe, eine andere Sehnsucht gibt es im Menschen nicht. Was der neugeborene Mensch als erstes erfährt ist Ausgeliefertsein, Hingegebensein. Die Hingabe aber geht von Liebe aus. Setzt die Hingabe nicht die Liebe voraus, so ist sie keine. Hingabe aus Angst gibt es nicht. Hingabe aus Erniedrigung gibt es nicht. Hingabe aus Bedrohung gibt es nicht. Der Eindruck der Minderwertigkeit ist sekundär, die Angst der Existenz ist sekundär, das Geworfensein in die Welt ist sekundär, rückblickend. Das Erste aber und Natürliche im Menschen ist die Einforderung der Liebe, des Erbarmens und der Pflege durch Hingabe des ganzen Wesens; das absolute Vertrauen, der absolute Glaube: da werden Hände sein, die mich halten. Da werden Augen sein, die mich sehen. Da wird an meinem Weg gelegen sein, an meiner Bildung, meinem Charakter, meinen Gaben, meinen Bewährungen, meinen Taten und Werken; an mir wird dort gelegen sein.
 Es heißt, der Geist entwickle sich aus der Materie, um das belebte Wesen zu organisieren. Doch die Materie, die Gestaltungen und Körper müssen Information haben, die in sie gegeben wurde, um zu funktionieren. Information aber kann nicht erprobt werden, sie muss richtig sein, damit das System funktioniert. Sie wird nicht aus der Natur heraus geschrieben, sondern ist Gedanke und Einrichtung aus dem Geist.
 Ein Geist, der ex nihilo den Raum ausspannte, ihn gestaltete, einrichtete und die Gestalten in Bewegung setzte zu einer Harmonie aus Bedingtheiten; feinabgestimmte Beziehungen in einem expandierenden Universum. Alldas, so heißt es, aus Kreativität, aus Idee und Liebe zur Umsetzung, zur Erschaffung. Und dieser nur kann eine Gestalt beleben, weil er Leben ist, und gibt ihr Atem ein; In-spiration.
 Und hier liege ich nun, blicke zu diesem unbeschreiblichen Firmament, sehe genaue Planung und Kreativität darin, einen Künstler, der Meisterwerke schafft, dort oben wie hier unten: die Setzung, Bahnen und Beziehungen der Planeten. Das Licht der Sterne aus der Vorzeit. Die Wolkengebilde und ihre Vergänglichkeit. Die Morgenröte und der Abendhimmel. Die zitternden Blitze und der grollende Donner. Der Regen und der Schnee, Stürme und Winde. Die Formationen der Berge. Die wilden und tiefen Meere. Die Vielfalt und Farben der Tiere und Pflanzen. Die Schönheit der Frauen. Der Zauber der Geburt. Das Geheimnis des Lebens. Die eigene Innenwelt. Der Geist.
 Und ich muss von seiner Liebe ausgehen als alles, was mich trägt, was mich hält, was mich leitet, was mich heilt ... alles, wonach ich mich sehne.

Er lächelte, stand auf vom Ackerboden und ging nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn.
 Bevor er einschlief dachte er noch: Jetzt hast du wieder nur philosophiert ...   

Freitag, 3. November 2017

Er ist meine Heimat

Dass Er unsere Heimat sei, das sagt die Schrift, denn es heißt: Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist. Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. (Kol 3,2.3)
 Und dass wir die seine werden sollen, ein Haus, in das er einkehrt (und er lebt und wirkt darin), das sagt die Schrift ebenfalls: Wisst ihr etwa nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist ... (1. Kor 6,19), und: Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. (Gal 2,19)
 Das ist ein guter Ort, in den sein geliebter Sohn uns hereingeführt hat, wie wir ja glauben, durch den Vorhang und vorbei an Engeln mit flammenden Schwertern, zur wahren Heimat im Ewigen. Und ich darf glauben, dass das, worin er mich wohnen lässt, der wunderschöne Garten, das himmlische Haus, auch in mir errichtet wird: ein Ort, in dem der Geist wohnt; und nichts trennt uns mehr. Wir werden sein, sagt Jesus, wie die Engel im Himmel, nicht gestaltet aus Erde, sondern aus Geist, und da ist nichts mehr zu hoch, nichts mehr zu tief, nichts mehr zu fern, sondern alles wird uns offenbar, was wir jetzt noch aus Vertrauen bekennen und was man uns ausreden will.
 Lass dir nichts nehmen! Auch das ist alles bereits geschrieben und muss so sein. Lass solche das ihre tun, damit du das deine seist: ein Licht der Welt, unbeirrbar, voll Hingabe und Hoffnung, Sohn und Tochter Gottes, wie es heißt: Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der heiligt und die geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder zu nennen, und spricht: "Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen." (Hebr 2,11.12), und: Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Offb 21,7)
 Diese Zweifler und Widersprecher aber sehen nicht richtig. Und wie sollten wir kein Verständnis dafür haben, da es uns doch genauso ging: Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verschlossenheit ihres Herzens. (Eph 4,18)
 Denn wir sind, seit der Mensch sich abwandte von Gott, eingeschlossen unter Gestalten, gekleidet in Verweslichkeit. Der Tod kehrte in uns und um uns ein: denn wir sind Erde und müssen zu Erde werden, ein unablässiges Werden und Vergehen von Gestalten, und uns wurde alles dunkel und die ganze Schöpfung seufzt.
 Auch ihr wart tot in euren Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Regenten, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist in den Kindern des Ungehorsams, schreibt Paulus. So öffnet er der Gemeinde die Augen, dass der Tod nicht nur den Leib regiert, sondern auch den Geist, den ganzen Menschen, und er unter diesem Gesetz der Welt nicht mehr das ist, was er aus Gott sei, das Ebenbild.
 Daraus speisten sich theologische und philosophische Ideen, Irrlehren, vor denen so oft gewarnt wurde, dass sie schon da seien und noch kommen würden. Und weil Geduld eine Tugend ist, fiel es vielen schwer und sie hörten drauf: Hier sei der Christus, dort sei der Christus, dies müsse man essen, jenes solle man feiern, solches Ritual erlöse, dieses sei ein rechtes Opfer, das sei biblisch, jenes stehe geschrieben, nicht heiraten, nicht genießen, nicht leben, nicht hinterfragen, die Ungläubigen hinschlachten, oder aber allen Glauben als einerlei sehen, sich besaufen mit Geist, rumzappeln und umfallen, das wahre Gotteslob, und so weiter und so fort; je fetter das Kreuz, je weicher der Samt, je prunkvoller, größer, lauter die Kirche, desto heiliger. 
 Man trennte Gott ab, verbarg ihn wieder hinter Feuer, wieder hinter Steinen, wieder hinter Kult und Ritus, und viele Menschen verhungern am ausgestreckten Arm, weil sie niemand lehrt. Und niemand darf zu Gott kommen, sondern Menschenverehrung und Hörigkeit, das soll es sein. Und wie der Herr es gesagt hat, so kam es: Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. (Lk 12,51), und wir haben unzählige Richtungen, Trennungen und Spaltungen, die man heute eine bunte Vielfalt nennen will; was soll man auch sonst sagen? Es ist alles geworden, wie es soll, und alles wird fernerhin werden, wie es soll.
 Frieden aber, Eintracht und Liebe, Schulung und gute Lehre (an jeden, soviel er eben verstehen kann), das sind Lichter in der Dunkelheit und man muss denen so dankbar sein für alles, was sie gaben. Denn die Kirchengeschichte graust viele Menschen und stößt sie ab, und wen sollte es wundern? So das Evangelium an die Heiden ging, die Griechen und Römer - das ist Edom, das ist Esau, das ist ein Beherrscher und Unterdrücker, Babylon und Ägypten, wie die Schrift es nennt - so wurde der christliche, weiße und kultivierte Mann zum Bewahrer und Verkünder, der es schafft, auf intelligente und belesene Weise primitiv zu sein. Das formte das Bild der Kirche bis heute.
 Wir müssen aber alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, heißt es, und alles, was noch verborgen und geheim ist, wird einmal ans Licht kommen. Und dieses Licht ist vollkommen.
 Sollte das Angst machen? Nein, man braucht keine Angst zu haben. Das ganze Evangelium ist ja die Botschaft, sich nicht mehr ängstigen zu müssen. Aber Erkenntnis kommt eben wie ein Feuer, das entfacht wird, und hat weder Lehrplan noch Dogma, sondern Erfahrung und tiefes Nachsinnen. 
 Diese Offenbarwerdung, dieses Gericht wird eine Heilung sein von allem, was hier bindet, was hier verfinstert, was hier quält. Doch besser hier schon durch Einsicht und Lehre, anstatt einmal durch schmerzliche Selbsterkenntnis. Denn was wir hier schon in uns selbst verlassen und aufgeben lernen, das braucht uns dann nicht mehr durchs Feuer genommen zu werden (1. Kor 3,12-17); und wie sehr wir hier schon die Liebe lernen, braucht es dann keine Unterweisung mehr darin. Es gibt eine geschenkte Erkenntnis hier, oder eine zugefügte Erkenntnis dann einmal. Das meint das Feuer, das meint Weinen und Zähneknirschen, das meint das Wehklagen, denn man erntet, was man gesät hat. Es braucht nicht so sein. Dieses Leben ist eine Schule für Körper, Seele und Geist, man möge ganz in Gottes Wesen Zuflucht suchen und sein Herz zur Heimat des Heiligen Geistes machen.
 Das verlorene Paradies, welches der Mensch tief im Innern manchmal erahnt oder vermutet, und alle möglichen Wege unternimmt, dorthin zu gelangen, es ist hier. Wir sehen aber das, was wir daraus gemacht haben und haben bei uns selbst keine Hilfe und Besserung, so sehr wir uns auch bemühen, uns den Weltfrieden und die Menschlichkeit einzureden, so sehr wir uns auch eine Zeit lang durch Moral, Katechismus oder irgendeinen Imperativ bezähmen können. Da ist Unterjochung, keine Lehre, da ist Unterlassen, keine Heilung. Wir glauben aber an einen Arzt, an den Hirten und Bischof unserer Seelen. (1. Petr 2,25)
 Was oft gelehrt wurde war Justiz: Makel und Makellosigkeit, Verfehlung und Perfektion, Bestrafung und Belohnung, dergleichen. Was die Schrift lehrt ist ein Prozess: Krankheit und Heilung, Verfinsterung und Erleuchtung, Unwissenheit und Einsicht, Tod und Leben. Der Lehrmeister auf diesem Weg aber ist kein Mensch, sondern der Geist Gottes, und Hingabe ist alles, was wir geben können, ein offenes, aufrichtiges Herz. Dieser lehrt und leitet uns, und er beschämt und peinigt nicht, sondern seine Wegweisungen und Mahnungen sind immer liebevoll, klar und deutlich. Es gilt unterscheiden zu lernen, was aus Liebe ist und was aus Machthunger, Selbstherrlichkeit und Heuchelei. Und damit wir`s wissen, ist uns auch das gegeben (1. Kor 13) und ist uns in Fleisch und Blut lebendig geworden im Sohn, das ist Jesus, unser Herr, die Liebe Gottes.
 Der Geist offenbart uns alles zu seiner Zeit und hilft, dass wir das, was uns zugesprochen ist und was wir glauben, auch in uns selbst wahr wird. Denn wenn ich selbst nicht werde, was ich sage, was soll dann das Gerede? Doch er hat Geduld. Wie wir auch einem Zweijährigen nicht zumuten und abverlangen, was wir einem Fünfjährigen zumuten und abverlangen, einem Fünfjährigen nicht, was wir einem Zehnjährigen, und einem Zehnjährigen nicht, was wir einem Zwanzigjährigen zumuten und abverlangen, so erzieht und lehrt auch der Geist und Gott betrachtet den Einzelnen nach seinem Vermögen, nicht nach Paragraph. So heißt es: Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. (1. Kor 13,11.12) 
 Offenbarung und Erfahrung sind nicht unterschieden, wie manche es auftrennen; ein Christ ist immer Mystiker. Denn der Geist zeigt und lehrt uns immer beides, Gott und den Menschen, denn es gibt keine Selbsterkenntnis ohne Erkenntnis Gottes, und keine Erkenntnis Gottes ohne Selbsterkenntnis. Das ist der Sohn, in dem beides verborgen und geöffnet ist: Gott und Mensch. Und diesen Sohn verkündet der Geist, heißt es, nicht sich selbst. So lässt er uns in die Tiefen sehen, in die eigenen und die Gottes, und wir schauen uns selbst, wie wir sind in unserem Wesen und unseren Werken, in Neigung, Gesinnung und Tat, und lernen, uns nicht mehr selbst zu entschuldigen, zu beschwichtigen und zu belügen, über unser Ungemach zu jammern und in Selbstmitleid zu zerfließen, sondern all unsere Dunkelheit anzusehen. Ist Gott barmherzig und liebt uns, und all seine Urteile sind gut und recht, dann brauchen wir uns davor nicht zu fürchten, sondern können alles, was wir sind, ihm hingeben. Das sagte Jesus: Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. (Joh 12,46)
 Was nun der Geist in uns selbst sehen lässt zur Verantwortung und Überwindung, das lässt er uns bei anderen Menschen sehen zur Barmherzigkeit, Geduld, Vergebung und Liebe. Denn die Schule des Herzens ist nicht die Eigenschau, nicht ein Sichversenken, sondern der Mensch, der vor mir steht. Denn er, der Mensch, spiegelt mir, ob ich Gott lebe, nicht ich selbst in meiner Kammer. Und er ist ein unerbittlicher Spiegel, legt allen Widerspruch zwischen Bekenntnis und Person offen und verzeiht nicht leicht; eine gute Schule! Geduld, Langmut und eine Liebe, die alle Anfeindung durchhält, das können wir lernen. Und wir lernen, Geister zu erkennen und zu unterscheiden, und uns betrügt und täuscht keiner mehr, denn wir haben ihn offen vor Augen und alles, was ihn bewegt, nötigt und treibt. Ebenso lernen wir, uns ruhig kritisieren und berichtigen zu lassen, ohne Wut und Widerstand, denn Gott spricht auch durch andere Menschen zu uns und lehrt uns.
 Ist da am Anfang noch Unmut über diese böse Welt, worauf manche ganze Predigten und Seminare verarbeiten, so erlernen wir tiefes Mitgefühl und ein unerschütterliches Vertrauen in die Wege Gottes. Denn auch die Tiefen Gottes offenbart uns der Geist. Davon aber hier nichts mehr. Manches muss man selbst schauen.

Nur, dass er unsere Heimat ist und er wird einmal wieder sein alles in allem (1. Kor 15,28)

Und das will ich sagen, wenn mein Tag kommt:
Ich danke Dir, mein Herr, ich danke Dir für alles. 

Amen.


   

Donnerstag, 5. Oktober 2017

So hoch

Irgendwann werde ich das alles überwunden haben, dachte er. Dann werde ich mich wieder erheben von der Erde und fliegen, wie in Kindertagen.
 In den Kindertagen war es so: wenn er sich abends ins Bett legte, in dem kleinen hübschen Kinderzimmer, das ganz oben und am Ende des Flurs lag, von Dachschrägen eingekeilt (arbeitendes, knarzendes Gebälk), dann stellte er sich vor, wie es ihn aus der Decke hob und er durch das Fenster ins Freie schwebte, alles unter sich sah, und dann über die Straßen, Gärten und Dächer hinweg davonflog, ohne Flügelschlag, getragen wie eine Wolke, leichter als alles auf der Welt. Er stellte es sich nur vor und es war so; die Fantasie regierte die Sinne und es spielte im kindlichen Gemüt keine Rolle, ob man von einer unsichtbaren Macht bewegt wurde und ausgeliefert war, oder noch selbst die Beherrschung hatte. Man lieferte sich gerne aus.
 Irgendwann würde das nachlassen und er würde nicht mehr fliegen, sondern meistens fallen. Höhe würde beunruhigen und verunsichern, Angst langsam an den Beinen zum Bauch und zum Rumpf hochkriechen, die den Körper ständig für den bevorstehenden Fall zusammenzog und lähmte. Die Fantasie würde immer seltener ein ersehnter Begleiter in den Schlaf sein, eine Befreiung des Geistes, als eher eine Versammlung verworrener Bilder in der Nacht, Unterbewusstsein. Und er würde denken, welch eine dumme Psychologie es sei, dass man träumte zu fallen, wo man als Kind unbeschwert geflogen ist; eine Seele wie aus einem Bilderbuch oder einem schlechten Roman. Aber was sollte er machen, er hatte Höhenangst. Und in seinen Träumen waren es keine Höhen, die man von Balkonen im zweiten oder dritten Stock herunterblickte, sondern Höhen von Wolken, ebenso faszinierend wie unmenschlich, und Abgründe, die man lange fiel, so hoch.
 Und vielleicht war es ja so simpel mit der Psyche. Du kommst zur Welt und bist frei von allem, natürlich, denn es ist ja noch nichts geschehen. Dann nimmt die Schwermut dich ein, hängt sich wie ein Gewicht an dich und zieht dich hinab. Oder was ist es? Was ist passiert? Er wollte glauben, die Welt, die Menschen hätten ihm das zugefügt: Ich war nur Geist. Dann kommen sie und sagen mir, was ich bin, was ich nicht bin, was ich zu sein habe und was nicht. Sie bauen mein Skelett, sie ziehen Nerven, Gefäße, Fleisch und Haut über meine Knochen, strecken und drücken mich, je nachdem, wie groß oder klein ich werden soll. Sie sagen mir, wie ich aussehe, wie ich mich kleide, wie ich spreche, wie ich wirke, wem ich ähnlich bin und wie sehr, was man daraus schlussfolgern kann, was ich einmal sein werde, und so weiter und so fort. Sie sagen mir sogar, was ich gemeint habe, wenn ich etwas rede, als würde ich undeutlich sprechen. So erschaffen sie mich. Und wenn auch an ihrem guten Willen, an ihren besten Absichten kein Zweifel besteht (oder?), so muss ich doch meinen Geist retten! Denn glaubt man dieses oberflächliche Zeug und nimmt es sich zu Herzen, dann härtet sich auch das zur Materie, was uns eingehaucht wurde, um über sie erhaben zu sein; und dann fällt man wie ein Stein.
 Erhabenheit aber, das wird er wohl einmal lernen, errettet ihn aus diesen Stricken, aus all dem, worin man ihn verflechten will, wo und wie man ihn haben will. Und sie hilft, sich aus dieser Kreatur herauszuschälen, den alten Menschen abzusterben, aus Fleisch und Blut herauszusteigen, und alldas Bewegungen und Bindungen der Natur sein zu lassen und zu akzeptieren, mit ungetrübten, klaren Augen.
 Erhabenheit, aber aus Liebe. Liebe aber ist aus Erkenntnis, Erkenntnis aber ist aus dem Geist, der Geist aber ist aus Gott. Gott aber ist die Liebe.

Lass, ich wünsche es dir, all das los, was du anderen nachtragen willst.
Lass niemanden mehr daran schuld sein, was du an dich hast herantragen lassen.
Jeden Tag kannst du sterben, deinen Einbildungen, diesen Trugschlüssen und Abziehbildern absterben, aus dem Grabe auferstehen und zurücklassen, was das alles auch immer gewesen sein mag.

Und da ist keine Höhe so hoch ... Er wird dich erheben von der Erde und dich tragen, wie in Kindertagen. 

Montag, 14. August 2017

Toro

Sie werden Dich töten, das ist klar. Doch es liegt in Deiner Natur zu fechten, Du kannst gar nicht anders. Und wenn sie dann noch ihre Tücher vor Dir schwenken und Dir den Staub der Arena zuwedeln, wird Dein Blut heiß und Du rast.
 So berechenbar bist Du, so mächtig und so berechenbar, folgst wie ein treuer Hund. Und so unberechenbar sind Deine Gegner, diese schlanken Tänzer in ihren prächtigen Kleidern, die das Publikum anbetet und die sich ja sogar selbst Mörder nennen, aber Du verstehst ja nichts. Du gehorchst Deiner Natur und somit gehorchst Du ihnen; was Du bist verwenden sie gegen Dich.
 Würde einer von ihnen wirklich Kreatur gegen Kreatur antreten, mit dem, was die Schöpfung euch gegeben hat, Du würdest ihn zerschmettern, ihn zerstoßen mit Deinem Haupt. Das mag Dein ganzer Stolz sein, bis zum bitteren Ende, ich bilde es mir gerne ein. Deswegen foltern sie Dich ja mit ihren Messern und Spießen, um Dich zu erschöpfen, weil sie sonst unter Deiner Gewalt zerbersten würden. Deswegen brauchen sie ja die jahrelange Ausbildung, üben sich erst an Deinen Kindern, weil ihnen die Tatsachen sonst die Knochen brechen würden.
 Manch einem Deiner Brüder ist es ja gelungen: in einem Moment der Unaufmerksamkeit haben sie das Gesetz der Natur durchgesetzt und den Mörder getroffen, ihm vor Augen geführt, was er ist, was er wäre, wenn es gerecht zuginge.
 Doch mache Dir nichts draus! Sie werden den Matador, den Geschlagenen, bejubeln und feiern wie einen Helden, wie einen Märtyrer, wenn Du ihn tötest. Er wird seine hässlichen Narben zeigen, wenn er nackt in der spanischen Sonne liegt, unbelehrt, und sich für einen Ritter halten, der mit dem großen Drachen, mit dem Satan gekämpft hat. Und niemandem wird es in den Sinn kommen, wer der Satan ist.
 Dich werden sie töten, das ist klar, so oder so. Am besten, Du stündest nur da, ganz still, in Deiner edlen Schönheit, und würdest ihnen die Show stehlen, wegen der sie gekommen sind, aber das kannst Du nicht, Du verstehst ja nichts.
 Du wirst nicht aufhören. Sie werden nicht aufhören. Es bleibt nur, dass, unsichtbar und doch vor aller Augen, vor der geilen Menge, vor den Toreros, in Hitze, Staub und Blut, das Recht auf Deiner Seite ist und Du von Anfang an Deinen traurigen Sieg errungen hast. 

Sonntag, 30. Juli 2017

Regen

Seit Tagen schüttete sich der Himmel aus. Die Ampel, an der er wartete, war ein verquollener roter Fleck hinter einer Wasserwand, die, von den Scheibenwischern zur Seite geschoben, direkt wieder nachgoss. Innen beschlug es ständig, es war wie in einem Gewächshaus, und er nickte nur stirnrunzelnd, wenn manche der Patienten, zu denen er fuhr, ihm sagten, dass ihnen kühl sei, während ihm der Schweiß im Kragen staute und ihm die Lippen salzte.
 Es dauerte und er geriet in Träumereien, stellte dann den Motor ab, löste den Gurt, stieg aus, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, breitete die Arme und ließ den Regen auf sich niedergehen. Nahezu unmittelbar war er vollkommen durchnässt. Und in Sekunden der Besinnung fragte er sich, was er da eigentlich mache, wissend, dass es bereits zu spät war, denn so eine Pose musste man halten und konnte sie nicht abbrechen. Die hübsche Frau im Wagen hinter ihm, die er im Rückspiegel zwischen den Wasserschwällen gesehen hatte, wird wohl denken, dass er sie nicht mehr alle habe, aber das war nun auch egal; die Unbeschwertheit folgte der Haltung nach und bald vergaß er alles, als würde es vom Regen weggespült.
 Dann hörte er eine Tür sich öffnen und zuschlagen, und sie würde ihn gleich fragen, ob er nun fertig sei mit seinem Was-auch-immer und endlich weiterfahre, oder dergleichen. Doch sie sagte nichts, sondern er vernahm nur plätschernde Schritte neben sich und fühlte, nur einen Hauch, eine Hand die seine streifen und bleiben, Millimeter neben seiner. Sie stand da auch so.
 "Das habe ich als Kind gemacht", sagte er, "In der Schule standen wir im überdachten Gang zur Aula und haben gewartet, dass die Lehrerin aufschließt. Es hat geschüttet und ich bin auf den Schulhof gerannt und habe die Arme ausgebreitet und mich vollregnen lassen ... und manche haben es nachgemacht und die Lehrerin hat gerufen, wir sollten zurückkommen; nasse Kleidung, Erkältung, blabla, und so weiter. Und wir haben da gestanden, alles ignoriert und es genossen ... Warum macht man das später nicht mehr?"
 Sie sagte nichts.
 Sie wird nichts sagen, dachte er.
 Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der verquollene rote Fleck wurde gelb, dann grün. Und er fuhr weiter.

Freitag, 14. Juli 2017

Ähren

Worüber wehklagen? Worüber ängstlich und sorgenvoll werden?
 Eines Tages werden wir das alles zu Staub zerfallen sehen und vom Wind davongeweht, wie in Frühlingsstürmen, die die Ähren auf den Feldern durchpusten.
 Und dann werden jene, die Frieden, Liebe und Gerechtigkeit ersehnt haben es im Überfluss bekommen: Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.
 Und jene, die es nicht wollten, sondern Unfrieden, Hass und Unrecht, sind vergangen. Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Es ist ja nicht so, dass das nicht zuhauf gelehrt und geschrieben worden wäre, nicht wahr?!

Soll man also stumm ertragen und nicht gegen das Böse aufstehen?
 Wie sagte Paulus immer: "Das sei ferne!" - Immer sollen wir aufstehen!
 Zum Beispiel: allen Menschen mit Liebe, Friedfertigkeit und Sanftmut begegnen, soweit es an uns liegt. Das ist der Kampf gegen das Böse.
 Das klingt naiv und dumm. Nein. Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne Hass mit Hass und Gewalt mit Gewalt überwinden; als würde man seine Wohnung mit Dreck putzen.
 Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne die Welt noch irgendwie zur Einheit hinschlachten und einen Weltfrieden zurechtbomben. Von unserer Heuchelei ganz zu schweigen, eine Gerechtigkeit einzufordern, die wir in uns selbst nicht wahrmachen.
 Das Problem ist das Herz des Menschen, von Anfang an. Und nach dem Herzen werden wir einmal beurteilt werden, nicht nach dem Werk. Ein Werk wird nur durch die Gesinnung gut.
 Dem Hilfsbedürftigen mag das Herz egal sein, wenn ihm geholfen wird; das spielt keine Rolle, das Herz wird angeschaut werden. Und wo immer wir sind und was wir tun, ob an einem Podium, an einem Altar, in einer der unzähligen Talkshows, auf großen Konferenzen, im Supermarkt, im Auto, im Haus oder am Stammtisch, und wir reden von Recht und Unrecht, von Frieden und Gerechtigkeit und alledem, es wird das Herz angeschaut und durchforscht vom Geist, ob es Liebe war.
Und die Liebe, das muss klar sein, lässt sich nicht durch gute Absicht, Höflichkeit oder Enthaltung und Neutralität ersetzen, wie manche glauben.

Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Dann ist unser Geschwätz, unsere Selbstgerechtigkeit, unser Undank diesem schönen Leben gegenüber, unsere Folter und Selbstzerstörung, unsere Überheblichkeit und unser Narzissmus, unser Zorn und unsere Bosheit, das alles ist dann vorbei.

Darüber kann man wehklagen: über den Menschen.