Dienstag, 17. April 2018

Webstuhl

Gott sitzt am Webstuhl meines Lebens
Und seine Hand die Fäden hält
Er wirkt und webet nicht vergebens
Wenn ihm ein Muster wohlgefällt

Mir will es manchmal seltsam dünken
Wie er die Fäden so verwirrt
Doch niemals seine Arme sinken
Wenn er das Weberschifflein führt (...)

Das ist aus einem alten evangelischen Lied.
 Ich finde es so zutreffend, denn wir Menschen sind nicht aus einem Guß. Wir sind auch nicht "aus einem Holz geschnitzt", wie man so sprichwörtlich sagt;
 sondern wir sind zusammengeflochten: aus Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Vorstellungen, Erfahrungen, aus Licht und Dunkelheit, aus Leben und Tod. - Ein wunderbares, faszinierendes und verworrenes Geflecht aus Lebensgeschichte.
 Ich möchte gerne, dass ihr immer daran denkt: nichts in eurem Leben ist fehl am Platz. Das mag brutal klingen, wenn man daran denkt, was manche Menschen ertragen müssen, aber es gehört tatsächlich alles dazu, auch das Traurige, auch das Schlimme, auch das Dunkle manchmal. Alles Geschehene, alles Widerfahrene ist eingeflochten, wunderschön, rührend, traurig, intensiv, bedrückend, schmerzend, erhebend, belebend ... Das große ganze Bild können wir nicht sehen. Wir können immer nur auf dem Weg, auf dem wir sind, manchmal vielleicht innehalten, den Schleier etwas lüften und erkennen, wie wundersam alles miteinander zusammengebunden ist.
 Ich fand es schön, in der letzten Zeit daran zu denken: wir alle, die wir hier sitzen, sind zusammengeflochtene Lebensgeschichte. Manchmal lösen sich gewisse Verbindungen wieder, jemand geht (diesmal bin ich es) und das Muster ändert sich. Aber was dort zusammengebunden wurde, gehört in das ganze Bild, in die Geschichte; ich kann nicht sagen, das habe nichts mit mir zutun. Ihr seid in mein Leben verwobene Geschichte und in meine Geschichte verwobenes Leben.

Es war mir eine große Freude, euer Kollege zu sein.
Ich danke euch für alles und ich werde euch sehr vermissen.


Donnerstag, der 12. April 2018 

Samstag, 3. März 2018

pubertas

Gereizt, betört, einander angezogen
Und verstrickt
Und verwoben
Und kennengelernt ... abgestoßen
Das Interesse verloren
Das Begehren verflogen
Alles gelogen
Alles umsonst
Was soll´s

Donnerstag, 1. März 2018

Bette Dich

Ich hoffe, Du gehst bald und Du gehst leicht. Obwohl man Dich hier vermissen wird; nicht nur Deine Angehörigen. Denn Du, was soll man groß sagen, Du bist ein guter Mensch und hast ein liebevolles, einfaches und ehrliches Herz. Und wir halfen Dir gerne.
 Das Leben ist Dir schwer geworden. Morgens, beim Aufstehen, scherztest Du oft, Du wollest den ganzen Tag im Bett bleiben, weil es dort so schön sei. Wozu auch aufstehen? Doch wusstest Du lauter wohlmeinende Augen nach Dir sehen, die Augen des Sohnes, den Du noch hast, und unsere. Also hast Du Dich, gutwillig wie Du bist, motivieren lassen, weil Du wusstest, dass es guter Wille war: Um des guten Willens willen also aufstehen und die Alltage durchharren: zurechtmachen müssen, Medikamente einnehmen müssen, essen und trinken müssen, sich pflegen müssen, lauter Notwendigkeiten, alle Tage, Alltage ...
 Wir beide haben uns gut verstanden. Wir haben viel gelacht, manchmal geschwiegen, oft die gleichen Wortwechsel wiederholt, weil Dein Gedächtnis manches nicht mehr so gut festhalten konnte. Jede Laune hast Du verziehen, und Dir konnte man ohnehin wegen nichts böse sein; die Sympathie aller war Dir sicher.
 Ich hoffe, man quält Dich hier nicht lange und Du versuchst nicht, die Form zu halten. Du bist doch schon ausgezehrt. Dein Sohn, der andere, den Du schweren Herzens bereits aus diesem Leben entlassen musstest, er ist der Horizont Deines Blickfeldes, das weiß ich. Geh einfach! Es ist ganz leicht, will man glauben: atme aus und nicht wieder ein.
 Was macht´s, wenn Du im Wind vergehst? Der Lebensabend hat Dich bereits unterrichtet, dass es nicht die eigene Kraft ist, die Dich hier zusammenhält. So auch dann wird es nicht Deine Kraft sein, die Dich verwandelt und Dich bewahrt, dass nichts verlorengeht.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Wunderbares Geheimnis

"Dieser Mensch", begann der Doktor, "ist nur eine unverstandene Chiffre in dem Buch der Weissagung, das der Welt eine große Freude verkündet. Das Buch will verstanden sein. [...]
(Johann Peter Hebel, Spaziergang an den See, 1820)


Der Mensch ist ein chiffriertes System, ein Geheimnis, dessen Wert darin besteht, dass es unauslotbar bleibt und in seinen Tiefen immer nur dort etwas zu erkennen ist, wo man gerade die Fackel hinhält. An Modellen und Theorien haben wir alles abgegrast, da kommt nichts neues mehr - auch Gedankengänge kommen irgendwann an ihr Ende und dann wiederholt man nur noch mit unterschiedlichen Begriffen.
 Wir sehen ihn aus Erde und Atem belebt durch Gott. Wir sahen ihn zusammengebaut aus göttlichen und animalischen Elementen. Wir ermittelten ihn aus der Evolution erwacht und emporgestiegen, oder meinten ihn durch Unwissenheit und Anhaftung sich zusammenballend und formend, sich zersetzend und wieder vergehend.
 Wir haben mit der Welt begonnen, um ihn zu erklären, wir haben mit ihm begonnen, um die Welt zu erklären. Wir haben ihn mit Erbsünde verdorben, um ihn dort wieder herauszukasteien. Wir haben ihn gänzlich schuldfrei gesprochen, dass er gar keine Verantwortung mehr habe, sondern nur noch ein gerittener Esel sei. Wir haben ihn mit Dämonen besetzt, die man ihm austreiben muss, und ihn für Dinge schuldig gesprochen, an denen er gar nicht beteiligt gewesen war oder an denen er beteiligt sein werden wird, kurz: Karma.
 Wir haben seine Natur schlecht genannt und abgetrennt vom Geist. Wir haben ihm empfohlen, der Welt zu entsagen, sich selbst Schmerzen zuzufügen und sich zu hassen. Wir haben ihm verordnet, dass er nicht fühlen darf, was er fühlt, nicht denken darf, was er denkt, nicht sein soll, was er ist. Wir haben ihm geboten, wen er lieben darf und wen er hassen soll, und ob seine Liebe und Zuneigung überhaupt richtig ist.
 Wir haben ihn in seine Stoffe und Teile zerlegt, in seine Symptome und Areale, um dann festzustellen, dass er ein zusammenwirkendes System ist, ein Geflecht aus Beziehungen. Wir haben ihn berechnet, in Gleichungen und Algorithmen aufgelöst, wir haben ihn überfüttert, abgelenkt und verunsichert, damit er träge und gehorsam wird. Wir haben ihn auf Ansichten verpflichtet, die gar nicht seine eigenen sind, ihn in Blut, Rasse und Nation gleichgeschaltet und zum Vernichten ausgebildet, zum Selbstvernichten.
 Wir haben ihn geliebt. Wir haben ihn unter Schmerzen geboren und an der Brust gestillt. Wir haben ihn auf unseren Händen getragen, wir haben ihn in die Arme geschlossen. Wir haben an seinem Bett Wache gehalten, wir haben Sorge gehabt. Wir haben ihn gelehrt, was wir selber zu wissen glauben, und einen Weg gewiesen. Wir haben echtes Interesse an seiner Entwicklung gehabt, haben seine Gaben und Fähigkeiten gesehen, seine Kreativität und Begeisterung, seine Güte, Opferbereitschaft und Hingabe. Wir haben ihn gepflegt, ihn zu Grabe getragen, um ihn getrauert und ihn vermisst. Wir sind in seine Tiefen und Abgründe eingetaucht, seine Leidenschaften und Bindungen, seine Schönheit und Sinnlichkeit, seine Finsternis und Destruktivität, sein einzigartiges, unveräußerliches Wesen, das wunderbare Geheimnis.

Das ist der Mensch: das so gewordene Wesen. Geboren, aus Gutem und Bösem zusammengeflochten, unwissend und unschuldig, mit aller Möglichkeit zu lernen, zu erkennen, zu lieben, sich zu formen, Weg zu bahnen und erfüllt zu werden, wenn er geliebt und gefördert wird. 
 Das ist das Leben: der so gegangene Weg, die Schule des Charakters, mit allem Guten und allem Schlechten. Er ist nicht verdammt, hier oder dort zu enden. Aber stellen muss er sich, in sich blicken und nichts mehr verlagern auf Teufel, Dämonen oder andere Menschen, Hirten, Befehlshaber oder Regenten. Sondern das ist Lernen, echte Bildung und Selbstliebe, dass man ernsthaft in sich schaut, Gedanken und Gefühle ausmacht, tief nachsinnt, Erfahrungen sammelt, das Gute bewahrt, Sinnlichkeit genießt, für Leib, Seele und Geist verantwortlich ist und dankbar für alles. Und wo Erkenntnis ist, da wird Liebe.
 Und der Gott, den man ehrt? Ist er ein guter Geist, ist ihm an der Freiheit, Bildung, Erfüllung und Erlösung seiner Kinder gelegen, an Erkenntnis, tiefer Liebe und Beziehung, dann bewahre ihn. Ist ihm an Unterwerfung, blinden Gehorsam, Zerstörung und Ausrottung gelegen, an Angst, Erniedrigung und Kränkung, dann lass ihn.
 Auch das ist zu erkennen, tief ins Herz des Menschen geschrieben. Ein wunderbares, unergründliches Geheimnis. 




  

Montag, 20. November 2017

Das Firmament

Er ging an einen stillen Ort. Ungewöhnlich, verließ er nachts das Haus, hatte seine Frau und seinen kleinen Sohn, der so hübsch war wie sie, eine Zeit lang betrachtet, wie sie schliefen, ruhig und tief, war aus dem Zimmer geschlichen, im Dunkeln mehrmals irgendwo angestoßen, hatte sich angezogen und war gegangen.
 Mehr wie gelenkt ging er und verließ das kleine Dorf, in dem sie wohnten, die hübschen, beschaulichen Häuser und Straßen, zu den weiten Feldern, die sich wie ein dunkler Teppich erstreckten bis zu den schwachen Lichtern des nächsten Ortes, kilometerweit, finster und still. Er suchte eine Erfahrung, eine Anschauung, ein Ende seiner Gedanken, der Theorien und des Philosophierens, den Unterschied von Alleinsein und Einsamkeit. Der Überdruss ließ ihn gehen und das Gewohnte verlassen. Man muss einen Raum finden, in dem man sich loslösen kann, stillewerden, vergehen, wahr werden ... Sind nicht viele aus den Gesetzmäßigkeiten, aus den Bestimmungen herausgetreten, sei`s auch nur eine Weile, um die wahre Fügung zu erkennen, die Natur der Dinge, den großen Geist, den ewigen Gott; in Wüsten und Wäldern, auf Bergen und in Tiefen, auf Meeren und am Firmament? Er ging auf den Acker. Er hatte nach einigen Träumereien über entlegene und mystische Orte verstanden, dass der Raum direkt vor der Haustür lag, erahnt bei einem Blick aus dem Fenster. Einige Meter nur, und doch verließ man eine Welt und trat in eine andere ein. Es hat mit der Betrachtung zu tun, mit der Wahrnehmung, mit der Gewichtung von Aufmerksamkeit und Ignoranz. Uns geschieht das ständig, wir sind eigentlich nie in der faktischen Realität, sondern unser Geist, unsere Empfindungen, unsere Sinne schweifen umher wie Windböen. Hätte dies ein Ende und wir wären nur noch Realität, nur noch eine Tatsache, wir würden wohl tot umfallen, oder eher noch einfach erstarren. Wie man nicht an den Geist glauben kann, dachte er, ist mir unbegreiflich.
 Er setzte sich auf den Ackerboden, schloss die Augen und atmete tief ein. Weit entfernt war leise das Rauschen der Autobahn zu hören und er genoss es, noch dieses Treiben der Welt, noch diese Betriebsamkeit und Geschäftigkeit der Menschen zu vernehmen, und sich selbst jetzt und hier daraus ausgestiegen zu fühlen. Letztendlich geht dies nur im Innern, wusste er. Dort muss es geschehen. Der Gang nach draußen, ins Feld, in die Wüste, auf den Berg, ist das Abbild der Sehnsucht; eine Schule, um das zu verinnerlichen, wonach das Herz sich sehnt, sodass einmal selbst aus einem gefesselten oder zerfallenen Leib noch die Augen leuchten und ein Vertrauen und ein Frieden unter den Ketten ausharrt, bis sie fallen.
 Er legte sich, öffnete die Augen wieder und schaute hoch in das endlose Meer aus tiefer Dunkelheit und Sternen. So hoch und so tief zugleich, voller schimmernder Zeichen, Anordnungen und Bilder. Er war fasziniert gewesen, als ihm jemand vor Jahren mal erklärt hatte, dass man mit dem Blick in die Sterne in die Vergangenheit schaute. Es hatte ihn in einer Art und Weise fasziniert, die man wohl das Gefühl der Erhabenheit nannte. Und die Erhabenheit kehrte nun wieder, trat ihn vor Augen und vereinnahmte ihn. Das war eine wunderbare Gabe, die sie innehatte: zwanglos vollkommen zu vereinnahmen, wie die Liebe. Und wenn er nun wieder richtig gewichtete, die Aufmerksamkeit und die Ignoranz, nur nach oben sah und den schwarzen Horizont vergaß, dann war er in diesem Sternenmeer, dann fiel er in den Himmel.
 Und er verstand: Wir erklimmen dort gar nichts. Wir erlösen uns nicht, wir retten uns nicht. Der gleiche Himmel, dieser wunderschöne Himmel, schickt zuweilen Blitze und Donner, heftige Stürme und Sturzfluten, Hagel und Schnee, und bleibt erhaben über all unser Ungemach, über all unsere Tränen, all unsere Schwierigkeiten. Nur wenn dort Liebe ist, können wir leben; vollkommene Liebe. Vor diesem erhabenen, wandelbaren, schweigsamen Himmel, vor diesem Gesetz sind wir wieder wie am Anfang, wie das Neugeborene ausgeliefert und hingegeben an Liebe oder Zorn. Rachamim, hatte er gelernt, das ist hebräisch und heißt zugleich Mutterschoß und Erbarmen. Beides habe ich erlebt, dachte er. Wie in deinem Schoß das Leben wuchs, wie sich ein Werdegang an deinem Bauch abzeichnete, bis an das Herz, und mit jedem Tag ein Band dichter geflochten wurde aus Liebe, Sorge und Vorstellung. Wie alle Untersuchung, alle Forschung und Wissenschaft, alle Darstellung und Betrachtung des Sichtbaren nie sein Geheimnis offenbaren können, das Zusammenwirken aller Teile zu einem System. Das gilt für alles: Man zerlegt und zerstückelt die Natur auf der Suche nach dem kleinsten festen und unveränderlichen Teilchen und weiß dann immernoch nichts vom Leben und kommt nur dorthin, wo man auf die Knie gehen müsste. Man hat sogar den ganzen Menschen zerfleischt auf der Suche nach der Seele und dem Geist, um dann einzusehen, dass dies gar kein Stoff, gar keine Substanz ist, sondern ein Prozess und eine Beziehung. Heiliges Geheimnis.
 Erbarmen, das hatte er oft erlebt, doch als sein Sohn geboren wurde, war es Fleisch und Blut geworden. Denn das ganze Kindlein rief nach Barmherzigkeit und Liebe, eine andere Sehnsucht gibt es im Menschen nicht. Was der neugeborene Mensch als erstes erfährt ist Ausgeliefertsein, Hingegebensein. Die Hingabe aber geht von Liebe aus. Setzt die Hingabe nicht die Liebe voraus, so ist sie keine. Hingabe aus Angst gibt es nicht. Hingabe aus Erniedrigung gibt es nicht. Hingabe aus Bedrohung gibt es nicht. Der Eindruck der Minderwertigkeit ist sekundär, die Angst der Existenz ist sekundär, das Geworfensein in die Welt ist sekundär, rückblickend. Das Erste aber und Natürliche im Menschen ist die Einforderung der Liebe, des Erbarmens und der Pflege durch Hingabe des ganzen Wesens; das absolute Vertrauen, der absolute Glaube: da werden Hände sein, die mich halten. Da werden Augen sein, die mich sehen. Da wird an meinem Weg gelegen sein, an meiner Bildung, meinem Charakter, meinen Gaben, meinen Bewährungen, meinen Taten und Werken; an mir wird dort gelegen sein.
 Es heißt, der Geist entwickle sich aus der Materie, um das belebte Wesen zu organisieren. Doch die Materie, die Gestaltungen und Körper müssen Information haben, die in sie gegeben wurde, um zu funktionieren. Information aber kann nicht erprobt werden, sie muss richtig sein, damit das System funktioniert. Sie wird nicht aus der Natur heraus geschrieben, sondern ist Gedanke und Einrichtung aus dem Geist.
 Ein Geist, der ex nihilo den Raum ausspannte, ihn gestaltete, einrichtete und die Gestalten in Bewegung setzte zu einer Harmonie aus Bedingtheiten; feinabgestimmte Beziehungen in einem expandierenden Universum. Alldas, so heißt es, aus Kreativität, aus Idee und Liebe zur Umsetzung, zur Erschaffung. Und dieser nur kann eine Gestalt beleben, weil er Leben ist, und gibt ihr Atem ein; In-spiration.
 Und hier liege ich nun, blicke zu diesem unbeschreiblichen Firmament, sehe genaue Planung und Kreativität darin, einen Künstler, der Meisterwerke schafft, dort oben wie hier unten: die Setzung, Bahnen und Beziehungen der Planeten. Das Licht der Sterne aus der Vorzeit. Die Wolkengebilde und ihre Vergänglichkeit. Die Morgenröte und der Abendhimmel. Die zitternden Blitze und der grollende Donner. Der Regen und der Schnee, Stürme und Winde. Die Formationen der Berge. Die wilden und tiefen Meere. Die Vielfalt und Farben der Tiere und Pflanzen. Die Schönheit der Frauen. Der Zauber der Geburt. Das Geheimnis des Lebens. Die eigene Innenwelt. Der Geist.
 Und ich muss von seiner Liebe ausgehen als alles, was mich trägt, was mich hält, was mich leitet, was mich heilt ... alles, wonach ich mich sehne.

Er lächelte, stand auf vom Ackerboden und ging nach Hause zu seiner Frau und seinem Sohn.
 Bevor er einschlief dachte er noch: Jetzt hast du wieder nur philosophiert ...   

Donnerstag, 5. Oktober 2017

So hoch

Irgendwann werde ich das alles überwunden haben, dachte er. Dann werde ich mich wieder erheben von der Erde und fliegen, wie in Kindertagen.
 In den Kindertagen war es so: wenn er sich abends ins Bett legte, in dem kleinen hübschen Kinderzimmer, das ganz oben und am Ende des Flurs lag, von Dachschrägen eingekeilt (arbeitendes, knarzendes Gebälk), dann stellte er sich vor, wie es ihn aus der Decke hob und er durch das Fenster ins Freie schwebte, alles unter sich sah, und dann über die Straßen, Gärten und Dächer hinweg davonflog, ohne Flügelschlag, getragen wie eine Wolke, leichter als alles auf der Welt. Er stellte es sich nur vor und es war so; die Fantasie regierte die Sinne und es spielte im kindlichen Gemüt keine Rolle, ob man von einer unsichtbaren Macht bewegt wurde und ausgeliefert war, oder noch selbst die Beherrschung hatte. Man lieferte sich gerne aus.
 Irgendwann würde das nachlassen und er würde nicht mehr fliegen, sondern meistens fallen. Höhe würde beunruhigen und verunsichern, Angst langsam an den Beinen zum Bauch und zum Rumpf hochkriechen, die den Körper ständig für den bevorstehenden Fall zusammenzog und lähmte. Die Fantasie würde immer seltener ein ersehnter Begleiter in den Schlaf sein, eine Befreiung des Geistes, als eher eine Versammlung verworrener Bilder in der Nacht, Unterbewusstsein. Und er würde denken, welch eine dumme Psychologie es sei, dass man träumte zu fallen, wo man als Kind unbeschwert geflogen ist; eine Seele wie aus einem Bilderbuch oder einem schlechten Roman. Aber was sollte er machen, er hatte Höhenangst. Und in seinen Träumen waren es keine Höhen, die man von Balkonen im zweiten oder dritten Stock herunterblickte, sondern Höhen von Wolken, ebenso faszinierend wie unmenschlich, und Abgründe, die man lange fiel, so hoch.
 Und vielleicht war es ja so simpel mit der Psyche. Du kommst zur Welt und bist frei von allem, natürlich, denn es ist ja noch nichts geschehen. Dann nimmt die Schwermut dich ein, hängt sich wie ein Gewicht an dich und zieht dich hinab. Oder was ist es? Was ist passiert? Er wollte glauben, die Welt, die Menschen hätten ihm das zugefügt: Ich war nur Geist. Dann kommen sie und sagen mir, was ich bin, was ich nicht bin, was ich zu sein habe und was nicht. Sie bauen mein Skelett, sie ziehen Nerven, Gefäße, Fleisch und Haut über meine Knochen, strecken und drücken mich, je nachdem, wie groß oder klein ich werden soll. Sie sagen mir, wie ich aussehe, wie ich mich kleide, wie ich spreche, wie ich wirke, wem ich ähnlich bin und wie sehr, was man daraus schlussfolgern kann, was ich einmal sein werde, und so weiter und so fort. Sie sagen mir sogar, was ich gemeint habe, wenn ich etwas rede, als würde ich undeutlich sprechen. So erschaffen sie mich. Und wenn auch an ihrem guten Willen, an ihren besten Absichten kein Zweifel besteht (oder?), so muss ich doch meinen Geist retten! Denn glaubt man dieses oberflächliche Zeug und nimmt es sich zu Herzen, dann härtet sich auch das zur Materie, was uns eingehaucht wurde, um über sie erhaben zu sein; und dann fällt man wie ein Stein.
 Erhabenheit aber, das wird er wohl einmal lernen, errettet ihn aus diesen Stricken, aus all dem, worin man ihn verflechten will, wo und wie man ihn haben will. Und sie hilft, sich aus dieser Kreatur herauszuschälen, den alten Menschen abzusterben, aus Fleisch und Blut herauszusteigen, und alldas Bewegungen und Bindungen der Natur sein zu lassen und zu akzeptieren, mit ungetrübten, klaren Augen.
 Erhabenheit, aber aus Liebe. Liebe aber ist aus Erkenntnis, Erkenntnis aber ist aus dem Geist, der Geist aber ist aus Gott. Gott aber ist die Liebe.

Lass, ich wünsche es dir, all das los, was du anderen nachtragen willst.
Lass niemanden mehr daran schuld sein, was du an dich hast herantragen lassen.
Jeden Tag kannst du sterben, deinen Einbildungen, diesen Trugschlüssen und Abziehbildern absterben, aus dem Grabe auferstehen und zurücklassen, was das alles auch immer gewesen sein mag.

Und da ist keine Höhe so hoch ... Er wird dich erheben von der Erde und dich tragen, wie in Kindertagen. 

Montag, 14. August 2017

Toro

Sie werden Dich töten, das ist klar. Doch es liegt in Deiner Natur zu fechten, Du kannst gar nicht anders. Und wenn sie dann noch ihre Tücher vor Dir schwenken und Dir den Staub der Arena zuwedeln, wird Dein Blut heiß und Du rast.
 So berechenbar bist Du, so mächtig und so berechenbar, folgst wie ein treuer Hund. Und so unberechenbar sind Deine Gegner, diese schlanken Tänzer in ihren prächtigen Kleidern, die das Publikum anbetet und die sich ja sogar selbst Mörder nennen, aber Du verstehst ja nichts. Du gehorchst Deiner Natur und somit gehorchst Du ihnen; was Du bist verwenden sie gegen Dich.
 Würde einer von ihnen wirklich Kreatur gegen Kreatur antreten, mit dem, was die Schöpfung euch gegeben hat, Du würdest ihn zerschmettern, ihn zerstoßen mit Deinem Haupt. Das mag Dein ganzer Stolz sein, bis zum bitteren Ende, ich bilde es mir gerne ein. Deswegen foltern sie Dich ja mit ihren Messern und Spießen, um Dich zu erschöpfen, weil sie sonst unter Deiner Gewalt zerbersten würden. Deswegen brauchen sie ja die jahrelange Ausbildung, üben sich erst an Deinen Kindern, weil ihnen die Tatsachen sonst die Knochen brechen würden.
 Manch einem Deiner Brüder ist es ja gelungen: in einem Moment der Unaufmerksamkeit haben sie das Gesetz der Natur durchgesetzt und den Mörder getroffen, ihm vor Augen geführt, was er ist, was er wäre, wenn es gerecht zuginge.
 Doch mache Dir nichts draus! Sie werden den Matador, den Geschlagenen, bejubeln und feiern wie einen Helden, wie einen Märtyrer, wenn Du ihn tötest. Er wird seine hässlichen Narben zeigen, wenn er nackt in der spanischen Sonne liegt, unbelehrt, und sich für einen Ritter halten, der mit dem großen Drachen, mit dem Satan gekämpft hat. Und niemandem wird es in den Sinn kommen, wer der Satan ist.
 Dich werden sie töten, das ist klar, so oder so. Am besten, Du stündest nur da, ganz still, in Deiner edlen Schönheit, und würdest ihnen die Show stehlen, wegen der sie gekommen sind, aber das kannst Du nicht, Du verstehst ja nichts.
 Du wirst nicht aufhören. Sie werden nicht aufhören. Es bleibt nur, dass, unsichtbar und doch vor aller Augen, vor der geilen Menge, vor den Toreros, in Hitze, Staub und Blut, das Recht auf Deiner Seite ist und Du von Anfang an Deinen traurigen Sieg errungen hast.