Mittwoch, 28. September 2016

Vesper

Es dämmerte und Grillen zirpten irgendwo an bewachsenen Hängen, die, Gefälle um Gefälle, tiefer ins Tal sanken, von Serpetinen durchschlungen und Laternen beleuchtet, die in der Ferne eine schwache Lichterkette zogen. Es war angenehm kühl und die restliche Abendröte strich die pastellnen Häuser und Wege in ein seltenes Orange.
Fast fand er es schön. Dann bellte ein Hund auf einem Hinterhof und er schrak zusammen, beugte sich vor, um zu lauschen, ob irgendwo Menschen seien, doch die Ruhe war nach dem Gebell noch tiefer als zuvor. Er schaute auf die Uhr, immer wieder, aber die Ziffern sagten ihm nichts mehr, sie verschwammen vor seinen Augen zu einem Irgendwann und hätte sein Herz nicht so gepocht, er hätte gemeint, gar nicht da zu sein, wie in einem Traum alles durch einen Schleier zu betrachten, ohne beteiligt zu sein, alles fast wie ein echter Ort, aber irgendwie anders und ohne verstreichende Zeit. Und er trat von einem Bein aufs andere, versuchte, den Boden zu spüren und sich zu vergewissern, dass es eine Gegenwart gab und wünschte fast, der Hund würde ununterbrochen weiterbellen, um ihn zu einem realen Menschen zu machen. Er hatte angenommen, man werde vor dem großen Moment, vor seinem Schicksal an all das Gute und Schöne denken, an die höhere Sache, an das Paradies und den Willen Gottes, doch er konnte nicht. Es wollte kein guter Gedanke in seinen Geist kommen und nichts Schönes in seine Seele, und hätte er nur diesen Anblick des Abendhimmels in sein Herz gelassen, er wäre wohl umgedreht und gegangen.
Das Handy zitterte in seiner Hosentasche und er zuckte wieder zusammen, war so plötzlich ins Jetzt geholt, dass sein Verstand nacheilen musste.
Als er annahm, sprach jemand zu ihm und er hörte, ging hin und her und sah sich um.
"Bist du da?"
"Ja..."
"Gut. Ist noch jemand da? Bist du allein?"
"Keiner da, ich bin allein."
"Gut. Geh zum Eingang und horche. Wenn er anfängt zu reden, dann gehst du rein. Warte bis sie nicht mehr singen und er redet!"
"Ja... okay"
"Geh! Der Barmherzige sei mit dir!"

Er musste sein Ohr gegen die Tür drücken, um etwas zu hören. Gerade verklang die Musik und es raschelte drinnen und er drückte sich noch mehr gegen das Holz, ob noch ein Lied käme und nicht alles so unmittelbar geschehe, dass er gerade am Eingang angekommen sei und nun direkt hineingehen müsse. Doch so war es. Er öffnete die Tür und hörte, dass jemand Stufen hinaufging. Ein Flügel der Zwischentüren stand offen und er verbarg sich hinter dem anderen, lauschte, und sein Herz klopfte in seinen Ohren. Ein junger Mann war an das Pult getreten, nicht der Pastor, ein anderer, ein Referent, der den kranken Geistlichen für die Vesper vertrat und nun in die kleine Gemeinde aus älteren Männern und Frauen blickte.
"Mein Herz hält dir vor dein Wort: "Mein Antlitz sollt ihr suchen." Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz. Psalm 27, Vers 8. Wir feiern diese Andacht im Namen des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.", sprach er und es raunte "Amen" durch die Reihen. Das Blut stieg ihm in den Hals.
"Brüder und Schwestern, bald feiern wir Ostern. Wisst ihr, was das heißt? Wisst ihr, was das bedeutet? Es bedeutet, wir feiern, dass Gott eine neue Welt schaffen wird, dass er uns neu schaffen wird, dass er den Tod und die Hölle überwunden hat, um uns und alles neu zu machen. Wir kennen die heiligen Evangelien: Tod und Auferstehung Jesu Christi. Und wie leicht geht uns das über die Lippen? Wie leicht sagen wir das und wissen: Bald ist wieder Ostern. Sollten wir nicht innehalten, wenn wir daran denken, anstatt es einfach so über uns kommen zu lassen und einfach nur zu tun, was man eben so tut oder tun muss?" Jetzt lugte er hinter dem Türflügel hervor, um den Sprecher zu sehen. Ein junger Mann, ganz in schwarz, mit dichten schwarzen Haaren vor einer Gruppe grauer Häupter.
"Bald feiern wir Ostern. Der lebendige Gott hat sich seinen geliebten Kindern, uns, hingegeben, um uns zu erlösen und uns mit ihm zu versöhnen. Nun, wir sagen das, wir kennen das, aber was heißt das? Warum Erlösung? Warum Versöhnung? Wir zitieren das wie Kalendersprüche und bevor wir zu tief darüber nachsinnen, verweisen wir oft lieber auf ein Apfelessen im Garten Eden, was keiner versteht, oder sagen, letztlich sei es ein Geheimnis, Ratschluss Gottes, und so weiter, und wälzen in die Theologie, was eigentlich in unser Herz gehört! Dort aber, im Herzen, tut es möglicherweise weh und deshalb scheuen wir uns davor. Wenn wir aber dann in der Welt sehen, warum wir Erlösung, warum wir Versöhnung brauchen, dann sind wir schockiert und weinen. Zu Recht! Hoffentlich bewegt es uns so sehr, dass wir erkennen, was wir nötig haben, was alle Menschen nötig haben." Er hatte seine Hand in die Jacke und an den kühlen Griff der Waffe gelegt, doch sein Herz ging jetzt ruhiger.
"Denn wenn wir in diese Welt schauen und in unser Herz, wenn wir ehrlich sind, dann sehen wir, was uns so fehlt, woran es so sehr mangelt und wodurch wir uns selbst zugrunde richten. So viel Böses in der Welt, so viel Hass und Zorn und Gewalt! Und man meint, der Mensch habe das Gute verlassen und er sei letztlich auch von allem Guten verlassen. Blieben wir dort stehen, so müssten wir ja verzweifeln. Kein guter Gedanke käme in unseren Geist und nichts Schönes mehr in unsere Seele! Wie der Herr Jesus sagte: In der Welt habt ihr Angst. Was für ein böser Traum! Und deshalb mögen wir`s nicht anschauen und lassen es lieber einen bösen Traum sein und uns weiter treiben", der Prediger blickte in der Gemeinde umher.
"Wir können aber nicht richtig Ostern feiern, ohne alldas anzuschauen und in unserem Herzen zu bewegen! Denn dort, an Ostern, am Kreuz, wird alles offenbart, sowohl der Mensch wie auch Gott. Und wir hören den Menschensohn, wie unser Herr sich selbst nannte, wir hören ihn am Kreuz all das sagen, was uns auf der Seele liegt und das Herz schwer macht, wenn wir leiden, wenn wir unsere eigene Dunkelheit oder die Bosheit dieser Welt sehen: da sagt er: Mich dürstet!; wonach dürstet es ihn? Nach Wasser? Das sicher auch, aber es dürstet ihn nach Erlösung, nach Gott, nach seinem geliebten Vater. Denn auch das sagt er, wir kennen es alle: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Aber Gott hört nicht! Stellt euch vor, als ihr noch Kinder ward, und ihr seid in Not und ruft nach euren Eltern, aber sie hören euch nicht. Wie gut, wenn ihr es euch nicht vorstellen könnt! Aber manche können es sich vorstellen, denn sie sind in so einem Abgrund, in solch einer Finsternis gefangen und kennen Gott nicht, denn sie haben ihn nie kennenlernen dürfen." Jetzt kam er hinter der Tür hervor.
"Sondern sie rufen wie Hiob: Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?" Er sah ihn und nickte ihm zu.
"Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe mit den Königen und Ratsherren auf Erden." Er machte ihm Zeichen hereinzukommen und er trat ein wenig vor.
"Wie bitter muss das sein, wenn du dorthin und nur bis dorthin gekommen bist und den Tag deiner Geburt verfluchst und Gott nicht kennst? Wenn er dir verborgen ist, wie hinter einer brennenden Säule, wie hinter einem dichten Nebel, und du nicht weißt, ob er dich liebt oder hasst, ob er dich retten oder verderben will. Und deshalb müssen wir Ostern anschauen und Jesu Worte hören! Denn der Herr Jesus kannte seinen Vater, trotz aller Schmerzen und allem Kummer, und wusste, dass es nur eine kleine Weile ist. Da spricht er über seinen Peinigern: Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun; denn er kennt die Menschen und weiß, was Gott lange vorher gesehen hat: Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf. Da spricht er zum Schächer neben sich, von dem keine gute Tat mehr kommen kann, sondern nur noch Glaube: Amen, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein; denn wer auch immer zu Gott ruft, den wird er hören und wird ihn annehmen und seine Seele gesund machen! Da gibt er der Mutter einen neuen Sohn und sagt: Frau, siehe, dein Sohn!, und: Siehe, deine Mutter!; und die Mutter muss um ihren Sohn nicht mehr weinen, den sie an böse Hände verlor." Er sah ihn einen Moment lang an, wie er dort neben einer der hinteren Bänke stand.
"Alldas sollten Zeichen für uns sein, Wegweiser Gottes, die uns durch diese Finsternis führen und dann sehen wir Licht. All diese Worte sind Fackeln, die uns den Weg leuchten wollen! Sagt er nicht auch am Kreuz: Siehe, ich mache alles neu!? Nicht später sagt er das, sondern am Kreuz, im tiefsten Leid. Und wir wissen auch, dass jener Satz, den ich begann, noch weitergeht: In der Welt habt ihr Angst, doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Und er sagt nicht: Ich werde die Welt überwinden, sondern er sagt: Ich habe die Welt überwunden. Und wir wollen uns umschauen und den Kopf schütteln und sagen: "Ja, wo denn? Was denn?" Was ist hier neu gemacht oder was wurde hier überwunden? Der Mensch ist unverbesserlich und es scheint immer ärger zu werden mit der Welt und alles Gute scheint wie unter Dornen gestreut.
Richtig, unter Dornen ist es gestreut. Dort wächst es zwischen Stacheln, Messern und Speeren, zwischen Geschossen, Granaten und Bomben, zwischen Paraden, Parolen und Flaggen, und alldem; und das nennt der Herr Jesus: Ich mache alles neu, und: Ich habe die Welt überwunden. Nur scheint uns das eine so übermächtig, weil es so laut, so grässlich und so schnell ist, und das andere so ohnmächtig, weil es so still, so sanft und so langsam ist. Und schnell lassen wir uns täuschen. Lassen wir uns täuschen? Dann bleibt uns nichts anderes, als auch bitter und hartherzig zu werden oder uns zu verschließen wie die Affen, die nicht hören, nicht sehen und nicht sprechen wollen, und wollen nichts mehr wissen von den Menschen. Denn wenn das Böse übermächtig ist, können wir nicht richtig trauern, nicht richtig weinen, sondern nur hart und kalt werden; ist euch das mal aufgefallen? Wir können nur richtig trauern und weinen, wenn wir eine Hoffnung haben, wenn wir wissen, dass es für alles eine Zeit gibt, zum Trauern, dann zum Freuen, wenn wir wissen, dass es nur eine kleine Weile ist und dann wird alles neu! Nur dann rühren sie uns auch, sowohl die Opfer als auch die Täter. Ihr habt alle mitbekommen, was vor zwei Wochen geschehen ist, der Anschlag, bei dem so viele Menschen umgekommen sind." Er merkte auf und wie auf ein Codewort griff er wieder tiefer in seine Jacke, umklammerte die Waffe und atmete schwer. Und er sah sich Luftholen und seine letzten Worte rufen: Alll..., doch das war nur in seinem Kopf.
"Und wie viele von uns, mich eingeschlossen, haben gedacht: Diese Monster, diese Teufel!, und wir wünschen ihnen nichts Gutes. Dieser Aufschrei, diese Wut und diese Verbitterung sind verständlich, doch dabei sollen wir nicht bleiben! Auch diese Täter sollten uns rühren, fällt es uns auch erst schwer! Denn wie dunkel muss es in solchen erst werden, dass sie diesen Weg gehen? Wie einsam und sinnlos muss ihnen das Leben sein, dass sie sich selbst und andere auslöschen? Wie verirrt und verblendet müssen sie sein, dass sie sich einreden lassen, es sei eine höhere Sache, der Wille Gottes und es warte auf sie das Paradies? Kein Paradies, sondern ein böses Erwachen, eine bittere Erkenntnis wartet auf sie: Alles umsonst! Was du getan hast, hast du umsonst getan! - Wie sehr muss man sich selbst hassen?
Und wer denkt an sie? Uns schmerzt das Herz und wir weinen um unsere Lieben, die wir verloren haben, singen ihnen Lieder, zünden ihnen Kerzen an und beten. Wer weint um sie, wer singt ihnen Lieder oder zündet ihnen Kerzen an und betet? Glaubt ihr, die sie ausgebildet und gesandt haben, weinen ihnen eine Träne nach? Nein. Sie schicken bereits neue Schüler in das Feuer. Alles umsonst! Könnte man ihnen das sagen: Was du suchst, wonach dich dürstet, das kannst du umsonst haben! Wie der Herr Jesus in seiner Offenbarung sagt: Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. Was dazu nötig ist, sagte er ebenfalls am Kreuz: Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist. So starb er. Und er wachte wieder auf! Er hat all dieses Böse, all diesen Hass, all diese Gewalt durch Liebe und Hingabe vernichtet. Was uns so ohnmächtig erscheint, ist die stärkste Kraft auf Erden und im Himmel: die Liebe. Sie lässt all dieses Übel verwehen, wie ein dunkles Gewitter, das abzieht; sie macht uns frei, vollkommen frei gegen alles und jeden und sie gibt uns das Leben. Denn dieser Gott, das zeigt uns Ostern, ist der Gott des Lebens. Es gibt keinen Tod bei ihm, es gibt keine Dunkelheit bei ihm, es gibt keine Bitterkeit bei ihm. Und dieser Mensch, auch das will uns Ostern sagen, dieser Mensch, der Gott glaubt und vertraut und sich ihm hingibt, der wird leben und wird den Tod nicht sehen. Dann ist der traurige Verlust hier, der uns schmerzt, am Ende nur eine Verwandlung, ein Umkleiden, ein Ausziehen des irdischen Menschen und ein Anziehen des himmlischen Menschen. Dann sind diese bösen Werke hier, die uns so erschrecken, am Ende nur ein Grollen, das Knurren eines Feindes, der längst besiegt ist, der weiß, dass er kaum noch Zeit hat und dann wird Gott ihn ausblasen wie eine Kerze. Wenn wir das glauben, dann ist dieser Feind als erstes dort besiegt, wo er so viel Böses, so viel Sorge, Angst und Zorn anrichtet: in unseren Herzen.
Denken wir daran! Halten wir inne und denken daran, was er uns gesagt hat: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Amen." Wieder raunte es "Amen" durch die Reihen und als das nächste Lied angestimmt wurde, wurde ihm gewahr, dass er in einer der hinteren Bänke saß, wo er gestanden hatte, und in seinem Geist, in seiner Seele war es still.

Die Vesper verging und als die Damen und Herren sich zum Ausgang bewegten, manche ihn mit scharfen, kritischen Blicken schnitten, da saß er nur da, ganz in sich selbst und in diesem Raum.
Der Prediger trat auf ihn zu und sprach zu ihm:
"Guten Abend!", und er schaute nur zu ihm und nickte.
"Möchtest Du mit mir reden?"
"Ja... ja, ich möchte mit Dir reden." 


Mittwoch, 14. September 2016

Sebastian

Wärme drang durch den Takenschrank aus der Küche in die Stube. Kerzen warfen Schattenspiele in den kargen Raum. Der Vater war nochmal nach draußen zu den Tieren gegangen, wo der Wind pfiff, weil er irgendwas vergessen hatte. Die Mutter streifte ihm das Nachthemd über und strich ihm die Haare glatt. Sie roch nach Teig und Essen und Arbeit.
"So, zu Bett!"
"Darf ich nochmal zur Marlene?"
"Aber schnell", sagte sie und er lief nach nebenan.
Marlene lag in einem Bettchen in der Nähe der Eltern, weil sie krank war. Weiß wie Schnee und abgemärgelt, lag sie schon ein Jahr so; niemand wusste, was ihr fehlte, und im Dorf meinte man: Das Kindlein macht`s nit mehr lang, bekreuzigte sich und sagte: Jesus Christus. Der Priester war schon bei ihr gewesen zur Todesweihe, und wie es dauerte, kam er alle paar Wochen oder gar Tage mit seinem Brot und seinem Öl und seinem Latein.
Sebastian ging jeden Abend noch einmal zu ihr, bevor er sich schlafen legte, denn man wusste ja nie und Schlafes Bruder, hieß es, sei der Tod; das verstand er schon. Er setzte sich an den Bettrand und seine Schwester blinzelte ihn aus kleinen grauen Augen an. Ihr schmaler Kopf schien auf dem dicken Kissen wie der einer Puppe und ihre Händchen auf der Decke sahen aus wie Mäusepfoten. Zwei braune Zöpfe fielen links und rechts von ihr und glänzten fettig, die Mutter konnte sie waschen, so oft sie wollte.
"Was machen we morgen?", fragte sie ihn und lächelte erwartungsvoll.
"Morgen? Morgen geh`n we zuerst zum Fluss runter und bauen unsern Wall weiter. Gut?"
"Ja is gut. Aber geh`n we auch wieder bei dem Baum gucken? Da war doch das Nest mit den Vögelchen. Geh`n we da auch hin?" Das Sprechen fiel ihr bereits schwer und zum Ende hin wurde sie immer leiser.
"Die Vögelchen sind doch nit mehr. Die sind doch schon fort", sagte er.
"Ahja, die sind fort", erinnerte sie sich und die Lider wurden ihr träge.
"Sind davongeflogen."
"Ja, in den Himmel." Sie schloss die Augen und er wartete noch etwas, das tat er immer, und sah sie an, ob sie die Augen nochmal öffnen und etwas sagen werde, oder etwas anderes. Dann kroch er in sein eigenes Bett, und wenn die Mutter das Petroleum dämmte und auf dem Vorhang Licht und Schatten wanderten, horchte er auf den Atem seiner Schwester und malte sich aus, sie würden zum Fluss gehen, Wälle aus Steinen in das klare Wasser häufen, Nüsse und Beeren sammeln und nach Vogelnestern Ausschau halten. Und alles war nicht mehr so schlimm.

Er musste früh aufstehen, da der Weg zur Schule weit war. Und auch, wenn der endlose Feldweg ins nächste Dorf mit der Nacht die wenigen Gelegenheiten zum Träumen waren, auf den Feldern im Frühling der Pflug durch den Acker grub und die Kühe mit ihren Kälbern grasten, im Sommer große Heuballen in der Sonne glühten und die Bauern das Getreide ernteten, im Herbst alles kahler und stiller wurde und im Winter der Schnee glitzerte und unter seinen Sohlen knirschte, so hatte er doch nicht viel Zeit dazu und durfte nicht zu spät kommen, sonst gab es Schläge und man musste sich in die Ecke stellen. Auf dem Heimweg sammelte er für Marlene seltene Steine, pflückte ihr Blumen oder fand schöne Federn, die Vögel verloren hatten, und dachte sich aus, wohin er sie abends mitnehmen konnte. Wieder zuhause musste er nach Tisch dem Vater auf dem Hof helfen, dessen Rücken oft schmerzte, und weil er ungeschickt war, sah er ihn oft kopfschüttelnd seufzen: "Was wird das noch werden?", und manchmal schickte er ihn weg und sagte überdrüssig: "Na, mach dich ab!" und er antwortete dann: "Ja Vatter" und hatte Schuldgefühle, weil er dem Alten noch mehr Arbeit machte als ohnehin. Dann ging er zu den Feldern oder zum Fluss, schaute den Vögeln nach und vergaß den Vater schnell und dachte wieder an Marlene und an Reisen mit ihr, überlegte sich Geschichten oder Anekdoten oder was sie heute in der Schule gelernt hatten oder wie es auf den Feldern aussah. Und manchmal wurde ihm gewahr, wie es um seine Schwester stand oder dass niemand wusste, wie es um sie stand, niemand außer diesem Gott hinter dem ganzen Brot und Öl und Latein. Und dann weinte er um Marlene, bis der Vater nach ihm pfiff oder die Mutter rief.

So ging es und eines Nachts, als er unter dem Atem der Schwester schon eingeschlafen war, hörte man nur noch ein kehliges Gurgeln und ein hektisches Scharren und Schritte, sah die Lampe entflammen und auf dem Vorhang Schatten und Licht wandern und wusste den Vater wieder kopfschütteln und seufzen und die Mutter weinen.

Im Dorf sagte man: Jesus Christus und bekreuzigte sich und meinte: So geht`s zu in der Welt.
Und die Felder, auf denen im Frühling der Pflug durch den Acker grub und die Kühe mit ihren Kälbern grasten, im Sommer große Heuballen in der Sonne glühten und die Bauern das Getreide ernteten, im Herbst alles kahler und stiller wurde und im Winter der Schnee glitzerte und unter seinen Sohlen knirschte, diese Felder sah er noch sehr oft.