Mittwoch, 23. Dezember 2015

Eine Metapher

Als er mit einem tiefen Knarren altgewitterter Scharniere die holzige Tür seiner Kate öffnete, drang der eisige Hauch auf ihn ein, als habe er sich mit aller Kraft gegen die Fassade gestemmt, wie gestautes Wasser, das nun eine Öffnung fand um abzufließen. Und wie es so war, griff dieser Odem alles an ihm, was freilag, das Gesicht also, vor allem die Augen, die Nase und den Mund. Wie man es kannte im Winter, beim abrupten Wechsel aus dem warmen Inneren ins kalte Äußere, wo es sich erst wie ein Film auf die Haut legt, Gefäße zusammenstaucht und die Augen zu Schlitzen zwingt, dann zwischen Zähne oder in Nasenlöcher kriecht (je nachdem, wodurch man atmet) und beginnt, auch das Innere des Menschen anzugletschern, als sei er nur ein Stein. Und je unbewegter man wird durch diesen Schock, desto mehr gleicht man einem solchen Stein, als den der Frost einen haben will, um immer mehr in ihn einzudringen und letztlich zu töten.
Da stand er in der Tür, ein lebendes Wesen, das die Kälte scheinbar magnetisch anzog und seine Lebenszeichen in kleinen Rauchwolken in die Luft atmete, auf knorrigen Holzdielen, die in der Morgensonne kristallen funkelten. Vor ihm fiel das Gelände zu weiten Feldern hinab, von einem Feldweg geschnitten, der in die Dörfer führte. Das Panorama war gepudert, weiß leuchtend, auf den Äckern von einigen schwarzen Tupfern übersät, wo die Erde durch die Schneedecke brach. Am Horizont stach das Geäst kahler Pappeln in den bleichen Himmel, wohlgeordnet in gleichmäßigen Abständen, wie die Latten eines Zaunes. Hinter ihnen verblasste der morgenrote Anstrich und ebbte im Blau der Kuppel ab.
Seine Lippen taubten mehr und mehr, während zwischen ihnen der warme Dunst seines Atems in die Kälte glitt und sich auflöste. Das weiße Bild stach in seinen Augen, dass es schmerzte, und als er nach unten blickte, rannen Tränen in die Winkel. Direkt vor ihm, zu seinen Füßen im dicken Schnee, erhob sich der schlanke Rumpf einer kleinen Blume, dessen strahlend gelbe Krone verschlossen zum Himmel wies.
Er blinzelte die Tränen weg und betrachtete sie lange.
Eine Metapher, dachte er. Eine Metapher.

Sonntag, 29. November 2015

Des Verderbens Sohn

Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war?
Und ihr wisst, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit.
Denn es regt sich schon das Geheimnis der Bosheit; nur muss der, der es jetzt noch aufhält, weggetan werden,
und dann wird der Böse offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus umbringen mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.
(2. Thess 2,5-8)

Zu der Zeit dieses Briefes verstanden Paulus und die Adressaten in Thessaloniki unter dem "Sohn des Verderbens" (wie es einige Verse zuvor heißt) das Römische Machtsystem bzw. den Römischen Kaiser, der die Christen verfolgte und sich selbst zum Gott erhob (Vers 4).
Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der Reformation, sah man in diesen Texten dann den Papst und die Römisch-Katholische Institution skizziert.
Im Dritten Reich konnten Gläubige den Führer und seine mordende Staffel darin erkennen, hinter dem Eisernen Vorhang das gottlose System, und bis heute in diktatorischen und fundamentalistischen Staaten oder Kräften den Menschen der Bosheit abgebildet sehen.

Denn die Schrift ist, wie so oft, zeitlos und was sie sagt ist nicht an eine Historie gebunden, sondern zeigt und bestätigt sich immer wieder. So sagt der Prediger Salomo:
Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.
Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: "Sieh, das ist neu"? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. (Pred 1,9.10)
Die Gaderobe mag sich ändern, aber das Wesen ist dasselbe, und was die Schrift oft personifiziert darstellt, ist nicht bloß eine fixe Person, sondern sind letztlich Kräfte; wie denn auch der Text sagt das Geheimnis der Bosheit.

Ob es eine kaiserliche Krone trägt, eine Priesterrobe, braune Hemden oder schwarze Flaggen führt, ist egal, es ist der gleiche Abgeist, der den Führern und ihren Lakaien eingegossen wurde, wie es bei Thessalonicher heißt:
Der Böse aber wird in der Macht des Satans auftreten mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern
und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. (Verse 9 & 10)

Der das Geheimnis der Bosheit noch aufhält, wie der Brief sagt, das ist der Heilige Geist, der durch das Gewissen noch hemmt. Dieser wird weggetan, sodass sich das Böse offenbart.
Das Geheimnis der Bosheit ist simpel, es ist die Verführung. Sie schläfert nach und nach das Gewissen ein, macht Zeichen und Wunder, damit das Gemüt sich öffnet und die Irrlehre eingeflößt werden kann.
Die Bibel spricht vom Essen oder Trinken, vom Einverleiben, wie es schon im Garten in Eden illustriert ist:
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. (Gen 3,4-6a)
Also isst man, verleibt es sich ein und tut, wie die Schlange (das ist die böse Wurzel) einem sagt.
So wird auch heute in jungen Herzen Feuer entzündet, dass sie morden und schlachten, sich selbst töten und noch Märtyrer nennen, auf die ein Jubel gehalten wird.

Wir dürfen Hoffnung haben! Denn nicht nur der Böse aus diesem Text bleibt hinter verschiedenen Gaderoben immer gleich, sondern auch sein Richter, der ihn mit dem Hauch seines Mundes töten wird.
Und für die Feuerwerker wird es die versprochene Wonne nicht geben, sondern ein böses Erwachen, die Erkenntnis, dass man in die Irre gegangen ist und sein Leben vertan hat.
Auch dies ist nur ein Gewitter, auch dies zerfällt zu Staub wie alles andere, und am Ende muss jeder unverfälscht in den Spiegel blicken.

Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit offenbart werden, der Sohn des Verderbens. (Vers 3)

Warum der Abfall kommen muss? Aus dem gleichen Grund, wie im Garten Eden: dass Gut und Böse erkannt werde. Und damit man am Widerstand wächst und sich darin bewährt.

Du sprichst: Reich bin ich, habe genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, im Feuer geläutert, dass du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und nicht nackt bloßgestellt werdest, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. (Off 3,17.18)

Samstag, 21. November 2015

Auf die Erde (Jesus und die Ehebrecherin)

Aber die Schriftgelehrten und Frommen brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie mittig
und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solcherlei Frauen zu steinigen. Was sagst nun du?
Dies aber sagten sie, um ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus neigte sich und schrieb auf die Erde mit den Fingern.
Als sie fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er neigte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie das aber hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten voran; und Jesus blieb allein mit der Frau in der Mitte.
Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wohin sind sie, Frau? Niemand hat dich verdammt?
Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (Joh 8,3-11)

Die Worte des Heiligen aus diesem Text sind innerhalb und außerhalb des Christentums berühmt geworden, entbehrten aber (wie immer bei den Menschen) nicht der Debatte um ihre Bedeutung bzw. ihre Berechtigung.
Klassisch ist ein Wortgefecht, das zwei Sätze gegeneinander führt, indem einer sagt:
"Auch Jesus sagte: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!", und ein anderer erwidert:
"Ja, aber er sagte auch: Sündige hinfort nicht mehr!"
Meist ist der eine mehr oder minder von einer Anklage betroffen, der andere hingegen nicht. Und so bieten diese Verse, wie so viele in der Schrift, die Möglichkeit, sich gegenseitig mit der Wahrheit zu befeuern, um niedere Motive zu befriedigen.
Der Text selbst in ein wertvolles Stück, welches sich nur im Johannesevangelium findet, und zwischen zwei sehr bezeichnenden Texten eingefügt ist: dem Zwiespalt des Volkes (Joh 7,40-53), wo das Volk darüber streitet, wer dieser Jesus sei, und dem Ich-bin-Wort (Joh 8,12-20), mit dem Jesus bezeugt, dass er der Gottesmensch ist.

Als die Frommen und Gelehrten die Frau zu Jesus bringen, stellen sie sie in die Mitte, führen sie also vor und klagen sie an, sodass alle sie sehen. Wie die frommen Männer sie beim Ehebruch ergriffen, wäre ebenso interessant wie die Frage, wo der Mann dazu ist; denn nach dem Gesetz (Lev 20,10) sollen beide, Ehebrecher und Ehebrecherin, des Todes sterben. Doch sagt der Text es schon selbst, dass die Gelehrten ihn linken wollten und dies wollten sie vor allem mit einer Frau tun. Hier trifft passend das Wort des Nikodemus, der einige Zeilen vorher mit den Gelehrten spricht: Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut? (Joh 7,51)

Obgleich nichts in dieser Szene stimmig ist, kommentiert Jesus die Umstände nicht, sondern schreibt auf die Erde, spricht die berühmten Worte, schreibt abermals, und trifft damit direkt ins Mark.
Viele fragen sich hier, was Jesus geschrieben habe und vermuten, er habe die Sünden der Ankläger gezeichnet. Wie auch immer, wichtiger ist, woran er sie erinnert, wenn er auf die Erde schreibt, denn es ist prophezeit durch Jeremia: Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden, und die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden; denn sie verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers. (Jer 17,13) Zuvor mahnt der Prophet, dass nur Gott das Herz ergründen kann (Jer 17,9-11), und Jesus bedeutet es den Frommen damit, dass er sie ergründet. Doch tut er es nicht laut und öffentlich wie diese Pharisäer, sondern still und durchs Zeichen.
Später, bei den Ich-bin-Worten, zeigt er ihnen nochmals ihre falsche Gesinnung auf: Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; (Joh 8,15.16a)

Der Heilige bleibt mit der Frau allein, nachdem die Ankläger abgezogen sind, wieder in der Mitte, doch ist sie nun nicht mehr Angeklagte, sondern Erlöste, ein Bild auf den begnadigten Menschen vor Gericht. Dies lässt er sie selbst erkennen, indem er sie fragt: Wo sind sie, Frau? Niemand hat dich verdammt?
Sie erkennt es, sagt Niemand, Herr., und er sagt ihr, dass die Frommen letztlich sein Urteil vertreten haben: Also verdamme ich dich auch nicht. Es meint: die Täter des Gesetzes verurteilten dich nicht, also verurteilt Gott dich nicht.
Schließlich sagt Jesus ihr jenes Wort: Sündige hinfort nicht mehr, und bindet sie dadurch an sich. Denn der Satz meint nicht ihr weiteres Verhalten allein, sie wird wieder sündigen, sondern es geht um die Beziehung zwischen ihnen. Um heil zu werden braucht sie ihn, wie er im folgenden Vers sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh 8,12)
Die einstigen Ankläger und Heuchler aber sind auf der Erde niedergeschrieben.

Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht. (Ps 1,6) 


Mittwoch, 11. November 2015

Wie die Luft

Ein junger Mann kam zu einem Mönch und sprach: "Meister, lasst mich euer Schüler werden!"
"Warum willst du mein Schüler sein?", fragte der Mönch.
"Weil ich Gott finden will", erwiderte der Mann. Da griff ihn der Meister, zerrte ihn zum Fluss und drückte sein Haupt unter das Wasser. Und als er ihn wieder losließ, rang der junge Mann nach Atem. So er sich nach einer Zeit wieder beruhigt hatte, sprach der Meister zu ihm:
"Was begehrtest du am meisten unter dem Wasser?"
"Die Luft, die Luft", antwortete der Mann.
"Nun", sprach der Meister, "Wenn du Gott so begehrst wie gerade die Luft, dann kannst du wiederkommen." Und er schickte ihn weg.

Dies ist eine Erzählung aus dem Zen-Buddhismus. Nun würden wir als Christen wohl niemanden wegschicken, der nach Gott sucht, dennoch ist die Erzählung eine Metapher für etwas Wesentliches:
Sie sagt uns, dass man sich nicht halbherzig auf diese Suche machen kann; man muss es ganz tun.
Die Frage nach Gott muss eine existenzielle sein und das ist sie nur, wenn der ganze Mensch infrage gestellt ist, bedrängt von den Wassern, und er darum ringt, wie um Atemluft.
Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis sind untrennbar, man kann Gott nicht erkennen, ohne mit sich selbst konfrontiert und im Herzen getroffen zu werden.

Die Schrift gibt uns dazu eine Szene, eine andere als die Zen-Geschichte, doch mit ähnlicher Botschaft:

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 
Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
(Gen 32,25-28)

Hier sind wir nicht im fernen Asien, sondern Nahen Osten, dem heutigen Jordanien.
Jakob, der Sohn Isaaks, ist auf dem Weg, seinem Bruder Esau zu begegnen, den er viele Jahre zuvor um sein Erstgeburtsrecht gelinkt hatte (Gen 27). Er zieht mit seiner Familie und seinem Besitz, und eines Nachts setzt er sich von ihnen ab, nachdem er sie über den Fluss Jabbok geführt hat, und kämpft im Morgengrauen mit einem Mann. Dieser, von der Exegese in der Regel als Engel Gottes gesehen, schlägt Jakob auf die Hüfte, sodass sie ausrenkt, was meint, er schlägt seinen Stolz an; das ist die Selbsterkenntnis.
Der Mann will zur Morgenröte aufbrechen, was meint, dass Gott noch verborgen ist, doch Jakob lässt nicht von ihm ab, denn er will ihn erkennen.
Und so spricht der Mann weiter und bedeutet die Wandlung, die sich an Jakob durch den Kampf vollzogen hat: Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.
Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. (Vers 28.29)

Israel meint "Überwinder" und zeigt die Erkenntnis Gottes an, die durch die Auseinandersetzung und Jakobs Beharren freigeschlagen wurde. Er hinkt zwar (Vers 32), aber er hat Gott gesehen, weshalb er die Stätte Pnuél ("Angesicht Gottes") nennt, und die Morgensonne geht ihm auf.
Jakob hat überwunden und tritt am Tage seinem Bruder Esau entgegen; die beiden versöhnen sich miteinander (Gen 33).


Mein Herz erhebt dir das Wort deines Mundes:
"Mein Antlitz sollt ihr suchen."
Sodenn suche ich auch dein Antlitz, du Ewiger.
(Ps 27,8) 

Samstag, 8. August 2015

Narziss 2000

Es klingt so kitschig und abgedroschen, jene Sätze und Lieder, die die Liebe preisen und sie zur größten Kraft von allen erklären. Dieser romantisch bis religiös anmutende Begriff ist längst eingestaubt und klärt schon lange nicht mehr, was wirklich in neuronalen Schaltkreisen oder sozialen Interaktionen stattfindet, meinen einige. Längst haben wir erkannt, was wesentlich ist, um Menschen und Gesellschaften harmonisch zu strukturieren, längst sind wir „aufgeklärt“, wenn auch diese Aufklärung bei einigen Primitiven noch nicht angekommen ist, aber gut Ding will schließlich Weile haben, nicht wahr?!
Wir haben uns zu Tode aufgeklärt. Die gläserne Welt, die wir uns errichtet haben, lässt kaum noch die Möglichkeit eigener Bereiche, die nur einem selbst gehören, und wir scheinen in jener prophezeiten, kontrollierten Sphäre angekommen zu sein, in der eine Art „Neusprech“ eingeübt wird. Es scheint, als blieben wirklich nur noch die eigenen Gedanken als Raum für Abgründe und Widersprüche übrig, doch selbst diese geben wir schnell dem Flutlicht preis, denn der Mensch tut, was er lernt und kennen-lernt. Es gibt kaum noch Abgründe und Verborgenheiten, die der Mensch im Stillen mit Gott und seinem Gewissen ausfechten müsste; man steht nicht vor Gott und Gewissen, sondern vor den Augen anderer Menschen, und auf eine perverse Art und Weise gefällt uns das. Die mediale Vernetzung tut ihr Übriges, wir sind in Warhols Vision angekommen: In Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.“1 Talent ist vollkommen egal, das Netz und die Medien sind für alle da, und je ärmer die Beiträge sind, desto mehr Zuschauer erhalten sie. Zugleich erleidet man aber auch den Fluch, den jede Berühmtheit kennt: so, wie man geliebt wird, auch gehasst zu werden. Der Narzissmus ist ein böses Gift! Nichts ist bitterer, als bei Leuten Liebe zu suchen, für die man letztlich vollkommen belanglos ist. Das Paradoxon ist, dass man immer selbstverliebter wird, aber sich immer weniger lieben kann, doch diese Psychologie ist nicht neu. Das Individuum- welches so wichtig geworden ist- liebt sich nicht wegen sich selbst, sondern wegen anderen, das war immer so. Nun sind das Gegenüber keine Menschen mehr, sondern ein unsichtbarer, kommentierender Mob oder eine jubelnde Masse. Es gibt dort keine Liebe; jeder professionelle Künstler weiß das, oder musste es zumindest schmerzlich lernen. 
 
Das Geheimnis, das den Menschen auszeichnet, wird immer mehr aufgelöst und die Abziehbilder, die dadurch übrigbleiben, sind eine ständige Anklage an die eigene Wahrheit. Da man mit sich selbst immer weniger anzufangen weiß- denn dazu müsste es ein reiches Innenleben geben- verlagert man den Prozess ans Äußerliche, schneidet und gestaltet an sich rum, um wenigstens dort eine sichtliche Entwicklung vorzeigen zu können. Der Mensch ist sein Körper, und was er nicht im Inneren vollzieht, das wird er im Äußeren vollziehen. Der letzte Rest Persönlichkeit wird mit „Weisheiten für jeden Tag“ gefüttert, die man nach 10 Minuten wieder vergessen hat, doch dann sagen kann, der unbewegliche Wesenskern sei sogar spirituell. Der Konflikt extrovertiert mit und lässt den Menschen in irgendwelchen Novemberstimmungen rotieren, die dann damit relativiert werden, dass man sagt, das habe es immer schon gegeben, aber heute könne man dazu stehen. Und das tut man auch ganz selbstbewusst: wenn man nicht schon als Säugling mit Syndromen tapeziert wird, dann doch spätestens nach den ersten Widerworten in der Grundschule; warum sollten nur die Erwachsenen Störungen haben? Während sich so zunehmend der Bezug zur eigenen Natur und zur Mitwelt abbaut, bleiben nur Darstellungen vorhanden, möglichst glatt und symmetrisch, ohne rauhe Haut und ohne Falten. Man wird so selbst sein größter Feind und Hasser, denn Selbsterkenntnis hat noch nie im Spiegel stattgefunden, sondern immer nur mit geschlossenen Augen. 
 
Schließt man sie, schaut man irgendwann die Triebfeder des ganzen Ringens um Selbsterhaltung und Anerkennung: Angst. Sich in einer Welt vorfindend, die jederzeit ohne ihn weiterlaufen könnte, die ihn nicht braucht, fragt und sucht der Mensch, was er in eben dieser Welt eigentlich soll; das ist die existentielle Frage. Die Angst, nicht anerkannt und geliebt zu werden, die Angst, verloren zu gehen, treibt wackelige Gemüter dahin, sich überall Zuspruch zu holen, und wenn er für die Aussage ist, dass man „seinen eigenen Weg gehe“ oder „seine eigene Meinung habe“. So abgedroschen wie die ganzen Selbstoffenbarungen können die klassischen Liebestexte niemals sein. Das Irrige ist, dass man sich einer Welt ausliefert, in der tatsächlich alle belanglos gleich sind; der „eigene Stil“, die „eigene Art und Weise“, der „eigene Lebensweg“, sind Massenware geworden. Aus der Reihe zu tanzen oder auf die Wirkung des Skandals zu setzen ist heute unnötig, denn das tun alle. Es erregt wohl am meisten Aufsehen, wenn man ganz bürgerlich, durchschnittlich und konservativ ist. Früher musste man rechtfertigen, warum man alte Strukturen durchbrechen wollte, heute muss man rechtfertigen, warum man sich auf alte Werte beruft. Es mag gerecht sein: der Freigeist rächt sich nun für die lange Haft durch alte Sitten und Traditionen. Doch leider rächt er sich nicht an den alten Herrschaften, sondern an den Kindern. 
 
Während die große, weite Welt, von der man damals träumte, immer kleiner wird und alle miteinander vernetzt sind, wird der Mensch immer einsamer. Der Grund ist simpel: man muss keinen Weg mehr zurücklegen, um sich zu begegnen! Trafen sich früher zwei Reisende auf ihren Lebenswegen, so hatten sie einander etwas zu berichten- und wenn es nur die bisherige Route war- heute fotografiert man sein Müsli oder postet, dass einem bei 33°C heiß sei, um es mit der ganzen Welt zu „teilen“. Es gibt keine Geschichten, keine Wunder, keine Fantasie mehr. Man ist buchstäblich nur noch mit sich selbst beschäftigt, und komplett durchleuchtet, gehen all die tiefen und auch dunklen Räume verloren, die man Charakter nennt. Den Menschen als Geheimnis, als etwas Wundersames zu sehen, das man kennenlernen und begreifen lernen will- sowohl in sich selbst, als auch in anderen- geht immer mehr verloren, ersetzt durch aneinandergereihte Bilder und Kommentare. Es interessiert mehr, was mit uns stattfindet, und nicht, was zwischen uns stattfindet.
Das aber ist es, was den Menschen ausmacht: das Geheimnis, die unsichtbaren Dinge zwischen uns, der göttliche Funken, die Liebe- nicht als Romanze, sondern als Hingabe an das unzulängliche Wesen, das man eben nur lieben oder verachten kann- und die Widersprüchlichkeit; all diese Dinge, die man nicht „liken“ oder „disliken“ kann, sondern die man nur mit Langmut und Leidenschaft ertragen und achten kann. Vielleicht will ja gut Ding Weile haben, nicht wahr?!



1Warhol photo exhibition, Stockholm, 1968: Kaplan, Justin (Hrsg.), Bartlett's Familiar Quotations, 16. Ausgabe, 1992 (Little, Brown & Co.), S. 758:17

Freitag, 7. August 2015

So bleib!

Du darfst Fehler machen, du darfst Mist bauen,
du darfst hinfallen, du darfst dich verirren, du darfst uns enttäuschen,
du darfst all die Dummheiten begehen, die du auch „vorher hättest wissen können“...

Nur, so wie du bist, so mitten aus dem Herzen,
wenn du lachst, wenn du weinst, so jenseits von Heuchelei,
bleib so!
Nur, so wie du bist, so mitten aus dem Herzen,
wenn du lachst, wenn du weinst, so jenseits von Heuchelei,
bleib so!

Du darfst widersprechen, du darfst trotzen,
du darfst dich blamieren, du darfst uns blamieren,
du darfst all die falschen Entscheidungen treffen, die alle anderen „besser“ getroffen hätten...

Nur, so wie du bist, so mitten aus dem Herzen,
wenn du lachst, wenn du weinst, so jenseits von Heuchelei,
bleib so!
Nur, so wie du bist, so mitten aus dem Herzen,
wenn du lachst, wenn du weinst, so jenseits von Heuchelei,
bleib so!

Du darfst dich täuschen, aber täusche niemanden,
du darfst dich lieben, aber sei nicht selbstverliebt,
du darfst lernen, verlernen, lieben, verlieben,
aber verlerne niemals zu lieben,
auch wenn du aus dem Verlieben nichts gelernt hast.

Und bitte, so wie du bist, so mitten aus dem Herzen,
bleib so, so jenseits von Heuchelei,
wenn du lachst, wenn du weinst!
So wie du bist, bleib so,
wenn du lachst, wenn du weinst,
so jenseits von Heuchelei,
so mitten aus dem Herzen.
So bleib!

Sonntag, 24. Mai 2015

Pfingsten- die Sendung des Lehrers

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.
Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden,
und sprach zu ihnen: So steht´s geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage;
und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem
und seid dafür Zeugen. 
Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet, mit Kraft aus der Höhe. (Lk 24,44-49)

Das Evangelium des Lukas und seine Apostelgeschichte waren ursprünglich ein Text, bzw. ein sehr langer Briefbericht, wurden aber im Laufe der Kanonisierung durch den Einschub des Johannesevangeliums voneinander getrennt. Was hier am Ende des Evangeliums von Jesus eröffnet wird, bildet den Beginn der Apostelgeschichte: das vom Vater Verheißene wird herabgesendet (Joel 3).
An Pfingsten (hebr. schawuot) kommt der Geist Gottes auf die Jünger herab, der ihnen zu dem aufgebrochenen Verständnis die Worte hinzugibt (Apg 2,4). Das jüdische Schawuot- als "Fest der Ernte" (Ex 23,16)- bildet hier für die christliche Auslegung den Typos: die begeisterten Jünger sammeln die Menschen zu sich. Sie sollen in Jerusalem beginnen, der Stadt des Todes, denn die Erkenntnis des Lebendigen ist anfangs nur dem Jüngerkreis vorbehalten. So soll die Botschaft also aus diesem "Grabe" aufstehen.

Der Apostelbericht, den Lukas wie das Evangelium an seinen Freund Theophilus schreibt, beginnt wiederholend mit einer ausführlichen Darstellung der Himmelfahrt Christi (Apg 1,1-11) und betrachtet anschließend die Verwaltung des Apostelkreises (Apg 1,15-26).
Jesus, so berichtet Lukas, blieb vierzig Tage lang bei den Aposteln, was meint: das Gericht ist überwunden, denn die 40 stellt Welt und Gericht dar. Er sagt ihnen, sie sollten Jerusalem nicht verlassen, damit die Botschaft des Täufers Johannes erfüllt werde: Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. (Lk 3,16)
Sprach der Täufer diese Worte zu den Schriftgelehrten des Volkes als Mahnung, so spricht Jesus sie zu seinen Jüngern als Verheißung. Sie (die Jünger) stellen die 12 Stämme Israels dar, weswegen auch ein Ersatz für Judas gewählt wird (Apg 1,26); die Zwölf bedeutet die vollständige Verwaltung.
Das Interesse an Israel ist es auch, das die Jünger nach wie vor umtreibt, als sie ihn fragen, ob er das Reich wieder aufrichten werde, denn dies ist über den Messias prophezeit. Hier wechselt Jesus Irdisches und Himmlisches miteinander: Das irdische Schicksal des Reiches verweist er an Gott, die himmlische Kraft aber verspricht er auf der Erde (Apg 1,7.8).
Als Jesus in den Himmel enthoben wird, künden zwei Männer den Jüngern die Wiederkunft des Christus an; sie sind die Zeugen der zwei Reiche: ein Zeuge beim Himmel, ein Zeuge bei der Erde.

Am Pfingsttag (Apg 2,1-12) schließlich kam der Geist wie Feuer auf die Apostel, als sie zusammen waren, und gab ihnen die Worte für die Völker, sodass die Leute sie in ihren eigenen Dialekten und Muttersprachen verstehen konnten, was auch meint: sie sprachen zu ihren Herzen.
So ist der Geist Tröster und Beistand, wie Jesus verheißen hatte (Joh 14,26), der die Menschen erinnert, dass Gott bei ihnen ist und sie nicht verlassen hat, zudem aber auch Lehrer, der dem Menschen Erkenntnis über das Innere der Welt gibt, sodass er recht reden und handeln kann: Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes.
Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.
Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen.
Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden.
Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. 
Denn "wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen"? (Jesaja 40,13) Wir aber haben Christi Sinn. (1. Kor 2,10-16)

In seiner Rede an die Volksleute bezeugt dann Petrus den gekreuzigten Jesus von Nazareth als den verheißenen Messias und den Überwinder des Todes, der in den Schriften angekündigt wurde (Apg 2,14-36), was den Grundstein für den Aufbau der ersten Gemeinde legt.

Ich habe den HERRN allezeit vor Augen; steht er mir zur Rechten, so werde ich festbleiben.
Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen.
Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.
Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist Freude die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. (Ps 16,8-11)

Mittwoch, 20. Mai 2015

Solang du es bist

Ich seh dich deutlich vor mir
Als wärst du da, so ist es fast
Doch es wird ganz anders sein
Denn es ist nur mein Glaspalast

Du liegst in deiner Wiege
Unter dem Herzen
Ohne Geschichte, ohne Schmerzen
Das muss der Himmel sein
Kind der Liebe

Ich seh dich deutlich vor mir
Wie du bist, ganz lebensklein
Doch es wird ganz anders
Denn du wirst du selber sein

Du liegst in deinem Himmel
Mitten im Herzen
In der Geschichte, in den Schmerzen
Das wird die Erde sein
Kind der Liebe

Ich seh dich deutlich vor mir
Nun bist du da, noch kaum erfasst
Solang du es bist
Ist´s besser als mein Glaspalast

Ich seh dich deutlich vor mir
Wie du bist, so lebensklein
Solang du es bist
Könnte es nicht besser sein

Kind der Liebe

Donnerstag, 26. März 2015

Der Blutbräutigam (Ex 4,24-26)

Der Kontext ist den meisten Leuten relativ bekannt: Mose, der Auserwählte Gottes, war aus seiner Ziehheimat Ägypten geflohen, nachdem er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte (Ex 2,12-15), und nach Midian gekommen, wo er beim Priester Reguél (auch genannt Jitro) Gastfreundschaft erfuhr (Ex 2,20); er heiratete dessen Tochter Zippora und bekam mit ihr einen Sohn, welchen er Gerschom nannte, was meint: "Gast im fremden Lande" (Ex 2,21.22).
Gott begegnet Mose später am Berg Horeb im Bild eines brennenden Dornbuschs und sendet ihn zurück nach Ägypten, um das Volk Israel aus der Sklaverei des Pharao zu führen (Ex 3-4,17).
Mose nimmt schließlich seine Frau und den Sohn und zieht seiner alten Heimat entgegen (Ex 4,20).

Und als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der HERR entgegen und wollte ihn töten.
Da nahm Zippora einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine (Moses) Scham und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam.
Da ließ er von ihm ab. Sie sagte aber Blutbräutigam um der Beschneidung willen. (4,24-26)

Dass es Moses Scham war, die Zippora mit der Vorhaut berührte, deute ich (der Text sagt es nicht), denn der Sohn ist nicht der (Blut-)Bräutigam, sondern Mose.

Es sind die drei Protagonisten, die diese Szene klären:
Mose- der Hebräer,
Zippora- die Midianiterin,
Gerschom- der "Mischlingssohn".

Der Sohn (Gerschom) zeigt das positive Schicksal seines Vaters an: Mose wurde Gast in einem fremden Land, nämlich Midian. Aus der Verbindung mit der Tochter des Landes (Zippora) ging Gerschom hervor.
Gerschom ist nicht beschnitten, wie Gott den Hebräern geboten hatte (Gen 17). Er ist "Kind Midians" und lediglich Zeichen für Moses Gast-Sein im fremden Lande.

Zippora zeigt das "Gastland" an; sie nahm den Hebräer zu sich auf und liebte ihn.

Nun haben Mose und seine Familie das Gastland verlassen und lagern unterwegs in Zelten.
Hier wendet Gott die Positionen der Familie:

Er greift Mose an, will den "Gast in fremden Ländern" ganz zerstören (denn Mose war sowohl in Ägypten, wie auch in Midian nur Gast) und will ihn als Führer und maschiach (Befreier) des Volkes Israel haben.
Daher aber muss "sein Haus", also seine Familie, in den Bund Gottes aufgenommen werden; das Zeichen dafür ist bekanntermaßen die Beschneidung.

Zippora, nun nicht mehr Gastgeberin, erkennt und fügt sich Gott; sie beschneidet den Sohn Gerschom und zeichnet damit den Bund mit Gott in den Nachkommen ein.

Was nun an ihrem Sohn weggenommen wurde, legt sie (symbolisch) bei Mose an und sagt: "Du bist mir ein Blutbräutigam." - Das meint: Sie entbehrt ihrer Herkunft für den Auftrag ihres Mannes und gibt ihren Sohn dem Bund mit Gott hin. Da dies ein Bund ist, der mit Fleisch und Blut geschlossen wird, hält sie Mose das Zeichen des Bundes vor: die beschnittene Vorhaut. Deshalb sagte sie Blutbräutigam um der Beschneidung willen.
Die Vorhaut steht für das Heidentum und die Szene symbolisiert somit den Tod des "alten Menschen", der fern von Gott war und nun in den Bund genommen wird. So "tötet" Gott den Mose, aber nicht leibhaftig, sondern im Zeichen.

Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.
Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. (Ex 19,5.6a) 

P.S.: Wie immer gibt es verschiedene Betrachtungen und Auslegungen, so auch zu dieser Stelle, und das ist gut und wichtig, denn es darf niemals nur eine Sicht geben.
So überlegen andere Exegesen beispielsweise, ob es überhaupt Gerschom gewesen sei, der hier beschnitten wurde, denn Mose hatte zwei Söhne: eben Gerschom und Eliéser.
Ich meine aber, es kann hier nur Gerschom sein, denn der Text sagt, Mose zog mit Frau und seinem Sohn los (und der Erstgeborene ist eben Gerschom); und ich meine es auch wegen dem Namen.
Eliéser wird erst später erwähnt (Ex 18,4), als Mose und das Volk bereits aus Ägypten heraus sind:
Dort kommt ihnen Jitro mit Zippora (die Mose schon vorher zurückgeschickt hatte) und den beiden Söhnen entgegen. Sie wird den Eliéser wohl in Moses Abwesenheit geboren haben, denke ich.
Und des Weiteren wäre die ganze Szene merkwürdig, würde es sich um den Zweitgeborenen statt den Erstgeborenen handeln.

In diesem Sinne. 

Samstag, 21. März 2015

´aqedát Jizchák- Die Bindung Isaaks (Gen 22,1-19)

Die Bibel berichtet uns, dass Gott sich den Hebräer Abram aussondert, um an dem Volk, das aus ihm erwachsen wird, ein Exempel für die ganze Welt aufzurichten (Gen 12,3b).
Zunächst sagt Gott dem Abram, er solle seine Heimat verlassen (Gen 12,1); das zeigt Glauben und Gehorsam an, denn so ist es immer: Man muss sein bisheriges, sicheres Leben aufgeben und einen unbekannten Weg einschlagen, der nicht in der eigenen Gewalt liegt. Dass es aber ein Weg Gottes ist, markiert Abram durch Altäre, die er aufrichtet, ein sogenanntes Itenerar (Wegverzeichnis) (Gen 12,7; 13,18).
Avram, das bedeutet "mein Vater ist erhaben", ist 75 Jahre alt, als er mit seiner Frau Sarai, seinem Neffen Lot, und seiner Habe die Heimat verlässt; das meint, Gott sieht ihn als gut und richtig an.
Im Weiteren schließt Gott Bünde mit Abram: einen irdischen (Gen 15) und einen himmlischen (Gen 17).

Im irdischen Bund kündigt Gott Abram einen Erben an, denn seine Frau Sarai ist unfruchtbar. Zum Zeichen des Bundes soll Abram 5 Tiere zum Opfer bringen:
eine dreijährige Kuh,
eine dreijährige Ziege,
einen dreijährigen Widder,
eine Turteltaube,
eine andere Taube.
Er zerteilt die 3 dreijährigen Tiere, was heißt, dass die menschliche Gerechtigkeit zerbrochen wird, die Vögel (das ist der Geist) lässt er ganz. Am Abend dann träumt er schlecht und Gott kündigt ihm die Knechtschaft seiner Nachkommen an. In der Nacht fährt Feuer zwischen die zerteilten Stücke, was heißt, dass Gott die zerbrochenen Menschen wieder binden und aufrichten wird; wie er später auch Mose im brennenden Busch begegnet (Ex 3,1-10).
Abram erhält schließlich einen Nachkommen, doch nicht von seiner Frau Sarai, sondern von dessen Magd Hagar (Gen 16). Das wird Ismael, später das starke Volk der Araber (16,10-12). Abram ist 86 Jahre alt, als Ismael geboren wird, was meint: ein neuer (ein erster) Mensch. Dass er aber Ismael heißt, meint: "Ich sehe dein (Hagars) Elend an", denn Hagar wollte von ihrer Herrin Sarai fliehen, um nicht gedemütigt zu werden (16,6-11).

Beim himmlischen Bund ist Abram 99 Jahre alt, was meint: nahe bei Gott.
Gott dehnt seinen Namen (Abraham), was meint: "mein Vater ist (sehr) erhaben", oder: "Vater vieler Völker". Dann setzt er die Beschneidung der Jungen als Bundeszeichen ein. Dies bedeutet, etwas für Gott zu entbehren, was man entbehren kann; der achte Tag bedeutet: neue Schöpfung.
Auch Sarais Name wird gedehnt: die Fürstin (Sarai) wird zur "vieler Fürstin" (Sara).
Gott verheißt Abraham die Geburt eines Sohnes von Sara, welchen sie Isaak nennen sollen, was meint: "Gott lächelt", oder ferner: "wegen diesem Sohn lachen die Leute" (Gen 21,6.7). Abraham ist hundert Jahre alt, ein Gottesmann, als "Gott lächelt".

Als Isaak herangewachsen ist, prüft Gott Abraham; das bedeutet nicht, dass Gott nicht um Abrahams Treue wüsste, sondern, dass er durch die Prüfung Abrahams Treue bekannt machen will, denn ohne Geschichte gibt es keine Bekanntmachung. Auch gräbt er so Abrahams Gehorsam ganz tief in dessen Herz hinein, sodass er (Abraham) wirklich gewahr wird, was er zu geben bereit ist, weil er Gott glaubt (Hebr 11,17-19).
Denn es geht nicht um Gottes Wissen, dass der Mensch etwas tun muss, sondern der Mensch soll lernen;
und es geht nicht um die Taten des Menschen, dass Gott etwas wissen müsste, sondern Gott will Beispiele zeichnen.
Abraham soll seinen Sohn Isaak opfern (wörtlich: darhöhen, aufhöhen); er soll es im Land Morija tun, denn Morija heißt: "Jah (JHWH) sieht", oder "JHWH schaut an" (Gen 22,1.2; 22,14).
Er zieht mit zwei Knechten und seinem Sohn Isaak los und erblickt am dritten Tage den Opferberg, woraufhin er mit seinem Sohn alleine weitergeht (22,3-5). Das Holz (Werkzeug) für das Brandopfer muss Isaak tragen (Vers 6), Abraham selbst trägt Feuer (Gericht) und Messer (Gewalt).
Nachdem Abraham anfangs von Gott angesprochen wurde (22,1), wird er nun von seinem Sohn angesprochen (22,7); beide Male antwortet er: hinéni- Hier bin ich. So spricht ihn das erste Mal der HERR an, das zweite Mal der Sohn, und später (wie wir sehen werden) das dritte Mal der Bote Gottes (22,11).
Der unwissende Isaak fragt seinen Vater, wo das Opfertier sei, woraufhin Abraham ihm sagt, dass Gott es recht machen wird (Vers 8).
Abraham bindet schließlich seinen Sohn auf dem Opferaltar (´aqédat Jizchák), um ihn zu opfern, was das Gericht über den Menschen anzeigt (Verse 9.10). Der Engel des HERRN hindert Abraham und würdigt sein Gottvertrauen (Verse 11.12). Ein Widder, der sich hinter Abraham im Gebüsch verfangen hat, wird zum stellvertretenden Brandopfer für Isaak (Vers 13). Anschließend bestätigt der Engel des HERRN Gottes Verheißung an Abraham, seine Nachkommen zu einem großen Volk zu machen (Verse 15-18).

Wir Christen sehen aber hierin einen Typos auf unseren Heiligen, der für uns zum Opfer geworden ist (Röm 8,32). So bedeutet Abraham in dieser Perikope sowohl menschliches, als auch geistliches.
Als Mensch ist er ein Knecht Gottes, der dreimal von Gott gerufen wird: vom Vater zu Beginn, vom Sohn in der Mitte, und vom Engel zuletzt; das meint den heiligen Gott in seiner Einheit.
Geistlich ist er hier Gott, dessen Gnade ihn davon abhält, das Menschenkind zu töten, und der stattdessen einen Ersatz zum Opfer nimmt.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16)



Donnerstag, 19. März 2015

Sodom und Gomorra (Gen 18,16-33; 19,1-29)

Eine interessante Passage der Bibel ist jene Szene im Ersten Buch Mose, wo der Gottesmann Abraham Fürbitte für die Stadt Sodom hält, welche Gott der HERR aufgrund ihrer Sündhaftigkeit zerstören will.
Gott sagt Abraham, was er vor hat (Verse 16-21), woraufhin dieser IHN zu besänftigen sucht.
Es scheint sogar so, als würde Abraham Gott "herunterhandeln" wollen in seinem Gericht, und jedes Mal geht Gott darauf ein. Wie sich das Gespräch vollzieht, ist nicht belanglos; es ist ein Text mit "sprechenden Zahlen":

Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen nach Sodom. Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN
und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen?
Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären?
Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?
Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben. (Verse 22-26; Luther 1984)
Abraham sondert hier eine Anzahl an Menschen aus, die vielleicht gerecht sein könnten; ob diese nicht ausreiche, das ganze Gericht zu unterlassen. Die Fünf bedeutet unvollkommen (als Hälfte der Zehn, die die Vollkommenheit anzeigt). Um dieser Menschen willen, will Gott Sodom verschonen.

Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, zu reden mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin.
Es könnten vielleicht fünf weniger als fünfzig Gerechte darin sein; wolltest du denn die ganze Stadt verderben um der fünf willen? Er sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht verderben. (Verse 27.28)
Abraham mindert die Gerechten um fünf; auch hier will Gott Sodom nicht vernichten.

Und er fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte vielleicht vierzig darin finden. Er aber sprach: Ich will ihnen nichts tun um der vierzig willen. (Vers 29)
Das zweite Mal mindert Abraham die Gerechten um fünf, sodass es vierzig sind. Die Vier bedeutet die Struktur und Ordnung der Welt.

Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so will ich ihnen nichts tun. (Vers 30)
Nun mindert Abraham um zehn, sodass es dreißig Gerechte sind. Die Drei (wie die Eins) ist eine göttliche Zahl; sie zeigt die Beziehung an. Wiederum schont Gott die Stadt um der dreißig willen.

Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden. Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen. (Vers 31)
Die zweite Minderung um zehn; es sind nun zwanzig. Die Zwei bedeutet die Schöpfung oder das Geschöpf, ferner die Dualität, die durch die Schöpfung eingetreten ist. Der HERR verschont Sodom.

Und er sprach: Ach, zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht verderben um der zehn willen.
Und der HERR ging weg, nachdem er aufgehört hatte, mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort. (Verse 32.33)
Nochmals mindert Abraham um zehn, sodass zehn Gerechte übrig bleiben (Im Judentum sagt man, dass zehn Personen genügen, um einen Gottesdienst abzuhalten; siehe: Minjan).

Es sind nun zwei 5er Schritte (50 - 45 - 40), die die unvollkommene Welt anzeigen,
und drei 10er Schritte (40 - 30 - 20 - 10), die Gottes Vollkommenheit anzeigen.
Die zwei 5er sind der Blick auf Mensch und Welt, die unvollkommen und verdorben sind.
Die drei 10er sind der Blick auf Gottes Heiligkeit und Beziehung (30), Gottes gute Schöpfung (20) (Gen 1,31) und Vollkommenheit (10).
Diese beiden Teile sind nun im Text vorgestellt: dass Gott sich der Menschen und des Ortes erbarmt, weil er gut ist und seine Schöpfung ansieht, und sich immer weiter zu ihr herablässt.

Nun kommen abends zwei Engel nach Sodom (19,1), um die Stadt zu sehen. Dass es aber zwei sind, meint Gottes Blick auf seine Schöpfung, auf die Menschen und den Ort.
Diese beiden will Lot, Abrahams Neffe, bei sich aufnehmen und bittet sie eindringlich, in sein Haus zu kommen (19,3). Dass er ihnen Kuchen ohne Sauerteig backt heißt, dass er eine ungetrübte Lehre hat (Mt 16,5-12); zugleich aber zeigt es auch das kommende Gericht an (Ex 12,15). Sodom symbolisiert hier nun die böse Welt, Lots Haus aber symbolisiert die Gemeinde, worin der Glaube wohnt.
Des Nachts kommt dann das ganze Volk von Sodom und will die beiden Gäste Lots schänden (19,5), was meint, dass sie Gottes Ansehen und Gnade verachten und selbst das letzte Gute in ihrem Ort verderben wollen.
Lot, der bereit ist, seine Kinder auszuliefern und sie (als Kompromiss) dem Mob hinzugeben, wird von diesem angegriffen (19,7-9); dies meint, dass man mit dem Bösen nicht handeln soll. Die Engel ziehen Lot ins Haus herein und blenden das Volk, was schlichtweg ihre Gesinnung anzeigt: ohne Erkenntnis (19,10.11).
Dann wollen die Engel Lot und seine Familie aussondern und führen sie aus der Stadt (19,12-16).
Einer der Engel gebietet Lot, sich nicht umzusehen, sondern seinen Weg zu machen, was meint, er soll Gottes Gericht nicht ansehen (Mt 10,14.15; 2. Petr 2,7.8). Als Lots Frau es dennoch tut, erstarrt sie zu Salzsäule, denn der Blick auf das Gericht bricht ihr das Herz; es meint, sie kam vor Tränen und Trauer um.

Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke. (2. Petr 2,8)



Dienstag, 24. Februar 2015

Wann der Mensch ein Mensch sei

Es wird an verschiedenen Stellen von verschiedenen Leuten darüber nachgedacht, debattiert und geforscht, wann dem Menschen denn eigentlich sein Menschsein zukäme, ab wann es sich um einen Menschen in unserem Sinne handle und was er vorher sei. Ethiker, Wissenschaftler, Mediziner und Theologen, Journalisten und einfache Privatpersonen, Eltern- und nicht zuletzt die junge Frau, die gerade erfahren hat, dass sie schwanger ist- sinnen über diese Frage nach: Wann der Mensch ein Mensch sei.
Manche machen es vom Entwicklungsstand des Lebens abhängig, ob der Mensch schon Mensch sei, oder nicht. Wenn das Gehirn sich ausgebildet habe, sozusagen als Träger all dessen, was die Persönlichkeit ausgestaltet, sei der Mensch als empfindendes Wesen eben Mensch. Andere wollen das Menschsein mit dem schlagenden Herzen beginnen lassen. Wieder andere meinen, man habe es erst mit einem Menschen zutun, wenn das geborene Kind lebendig und gesund wirklich vor einem liegt, atmet und schreit. Damals wie heute fragen sich gläubige Menschen, wann die Seele in die Materie dringt. Über alledem schwebt die Empfehlung, ohnehin erstmal die ersten drei Monate abzuwarten, ob es überhaupt was wird, und gegebenenfalls zu prüfen, ob das entstehende Leben überhaupt lebenswert und sinnvoll sei.

Dabei liegen Kraft und Wert des neuen Lebens gar nicht in seiner stofflichen Entwicklung als Einzelwesen, sondern darin, was es in anderen auslöst. Wenn eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist, denkt sie nicht an Entwicklungsstufen, sondern der neue Mensch- obgleich er nur ein kleiner Zellhaufen ist- zieht alle Freuden, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen an sich und drückt den Rest der Welt an die Seite. Ob das Kind gewollt war oder nicht, es fordert das ganze Herz, obwohl es selbst noch keines hat, und hält den werdenden Eltern ungeschönt alles vor, was sie denken und fühlen, es sei wohlwollend oder bitter.
So ist der Mensch ein ganzer Mensch, sobald die Mutter von ihm weiß, und alle weiteren Gedanken, Gefühle und Handlungen richten sich an einen ganzen Menschen; es gibt keine Aspekte.
Und so, glauben wir Christen, hat Gott es gefügt, dass durch die reinste Zuneigung und Sorge der ganze Sinn der Mutter an das Kind geheftet werden soll, um den eigenen Schmerz zu ignorieren.

Der Mensch ist Mensch, sobald man um ihn weiß.

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind seine Werke;
das erkennt meine Seele.
Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, 
als ich gebildet wurde unten in der Erde.
(Ps 139,13-15) 

Mittwoch, 11. Februar 2015

Ein Garten

Ich stehe in der Mitte eines Gartens,
sehe Blätter kreisen,
die aus dem Herzen dieser Wildnis
in eine bess´re Ferne reisen.

Durch den Wirbel wie gefesselt,
tanzen sie noch eine Runde,
schweben mit der letzten Böe
über eine alte Wunde.

Es war ein Garten,
so wie dieser,
angelegt durch einen Herrn,
wo die Blätter kreisen lernten,
in die Ruhe drang ein Lärm;
in die Zeit drang das Bedauern,
in die Ewigkeit der Tod,
in dem Kleid entstanden Risse,
und in der Herrlichkeit die Not.

Es wird ein Garten,
so wie dieser,
neu gemacht durch einen Herrn,
wo selbst Blätter Wurzeln schlagen,
und in der Ruhe stört kein Lärm;
in das Bedauern dringt die Zeit dann,
in den Tod die Ewigkeit,
in der Not entstehen Risse,
und in dem Kleide Herrlichkeit.

Samstag, 7. Februar 2015

Geschichte schreiben

Wir alle schreiben Geschichte; jeder von uns.
Wir leben und unser Lebensverlauf schlägt sich irgendwo nieder: in dieser Welt im allgemeinen, in unserem Beruf, in unseren Ausbildungen, in unseren Beziehungen und Begegnungen.

Wir schreiben Geschichte, aber niemals einfach nur für uns selbst, sondern wir schreiben immer in andere Geschichten hinein, und andere schreiben Geschichte in die unsrige hinein. Denn wir begegnen uns und jedes Wort, jede Bewegung von uns hinterlässt eine Szene in der Geschichte eines anderen.

Wir schreiben Geschichten; aber wir schließen sie niemals ab, sondern sie haben immer ein offenes Ende. Denn selbst, wenn wir nicht mehr an den Geschichten beteiligt sind, sind doch diejenigen daran beteiligt, in deren Geschichte wir hineingeschrieben haben.

Wir schreiben Geschichten; aber wir haben sie niemals begonnen, sondern wir wurden als ein Kapitel in die Geschichte anderer hineingeschrieben.

Wir werden geschrieben; jeder von uns.

Er schreibt Geschichten; jede von uns.


Was da ist, ist längst mit Namen genannt, und bestimmt ist, was ein Mensch sein wird. Darum kann er nicht hadern mit dem, der ihm zu mächtig ist. Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der Mensch davon? Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen kurzen, eitlen Tagen, die er verbringt wie einen Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne? (Prediger 6,10-12)

Freitag, 16. Januar 2015

Je suis...?

Ein großer Schock kann es eigentlich nicht gewesen sein, als nach Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen ein Anschlag auf das Satire-Magazin verübt wurde, welches nun in aller Munde ist. Denn dass eine solche Reaktion von Terroristen oder Fundamentalisten früher oder später kommen würde, war erfahrungsgemäß absehbar, deshalb sind sie ja auch Terroristen und Fundamentalisten- die tun sowas.
Dass solche Taten verwerflich und furchtbar sind, ist keine neue Information, und dass solche Fanatiker mit dem Islam nichts gemein haben, ist auch keine neue Nachricht.
Allerdings sollte man sich einmal kurz über jenes "aufgeklärte Abendland" und seine Medien Gedanken machen, denn wie wir eigentlich wissen, hat der Klügere mehr Verantwortung, vor allem gegenüber den Dummen. Diese Verantwortung lässt jedoch sehr zu wünschen übrig.
Wer es noch nötig hat, schlecht gezeichnete Karikaturen zu einem längst abgelutschten Thema als Symbol der "Meinungsfreiheit" zu sehen, der braucht wohl noch ein paar Kioskbesuche, aber traurig ist es schon.
Jene Karikaturen werden gemacht, weil die Leute sie kaufen, weil es Geld bringt, bei dem klaren Wissen, dass (gerade aktuell) islamistische Fanatiker definitiv darauf reagieren werden; das wurde schlicht und einfach in Kauf genommen von dem "aufgeklärten" Medium.
Nun "stehen wir auf", erheben Stimme und Stifte für die Freiheit und gegen den Terror (und kaufen nebenbei den gesamten Bestand der begehrten Auflage leer). Gemeinsam kann man nun selbstbewusst bekennen:
"Ich habe zwar keine Ahnung vom Islam oder von Mohammed, aber ich kaufe diese Zeitung, wo der Islam und Mohammed karikiert werden."
Solang man wenigstens die Karikaturen versteht, ist ja noch alles in Ordnung und der "Freiheit" ist genüge getan. Aber traurig ist es schon. Man hat sich zwar gemeinsam gegen den Fundamentalismus aufgestellt, aber Leseabende mit den "angepassten" Muslimen im berühmten Magazin wird es wohl eher selten geben, denn so großartig werden die jene Karikaturen wahrscheinlich auch nicht finden.
Ein mögliches Fazit dieser tragischen Geschichte, die sicher noch nicht das letzte Kapitel hatte:

Es gibt tatsächlich sinnlose Tode. Es hätte nicht sein müssen.

Montag, 5. Januar 2015

Karma

Irgendwo in der Ferne,
heimlich und unentdeckt,
schlägt ein Falter mit den Flügeln,
macht woanders Sturm,
und das Chaos ist geweckt;
treibt Völker in den Wahnsinn,
letztlich lässt es sich nicht sagen:
Ließ der Flügelschlag den Sturm,
oder der Sturm die Flügel schlagen?

Und ich, wenn mich lauter Stürme plagen,
bin doch nur ein Schmetterling,
werde mit den Flügeln schlagen,
dass irgendwo ein Sturm entsteht,
der andren in die Schwingen weht.

Aber ach

Wie ein Wimpernschlag, so geht vorbei, was einmal gewesen ist,
legt sich in der Winde Arme, im Hier nun nicht mehr lebend ist;
aber ach, was soll man sagen,
es ist doch ewig Sein Gesetz!
Können deine Kinder dich zu Grabe tragen, 
so ist doch kein Gebot verletzt!

Irgendwer bleibt immer- muss tapfer weiter Gärten hüten, 
bis ihr einmal in Vollendung
in Gärten steht mit tausend Blüten.

Leb´ wohl.