Sonntag, 29. November 2015

Des Verderbens Sohn

Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war?
Und ihr wisst, was ihn noch aufhält, bis er offenbart wird zu seiner Zeit.
Denn es regt sich schon das Geheimnis der Bosheit; nur muss der, der es jetzt noch aufhält, weggetan werden,
und dann wird der Böse offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus umbringen mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.
(2. Thess 2,5-8)

Zu der Zeit dieses Briefes verstanden Paulus und die Adressaten in Thessaloniki unter dem "Sohn des Verderbens" (wie es einige Verse zuvor heißt) das Römische Machtsystem bzw. den Römischen Kaiser, der die Christen verfolgte und sich selbst zum Gott erhob (Vers 4).
Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, der Reformation, sah man in diesen Texten dann den Papst und die Römisch-Katholische Institution skizziert.
Im Dritten Reich konnten Gläubige den Führer und seine mordende Staffel darin erkennen, hinter dem Eisernen Vorhang das gottlose System, und bis heute in diktatorischen und fundamentalistischen Staaten oder Kräften den Menschen der Bosheit abgebildet sehen.

Denn die Schrift ist, wie so oft, zeitlos und was sie sagt ist nicht an eine Historie gebunden, sondern zeigt und bestätigt sich immer wieder. So sagt der Prediger Salomo:
Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne.
Geschieht etwas, von dem man sagen könnte: "Sieh, das ist neu"? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. (Pred 1,9.10)
Die Gaderobe mag sich ändern, aber das Wesen ist dasselbe, und was die Schrift oft personifiziert darstellt, ist nicht bloß eine fixe Person, sondern sind letztlich Kräfte; wie denn auch der Text sagt das Geheimnis der Bosheit.

Ob es eine kaiserliche Krone trägt, eine Priesterrobe, braune Hemden oder schwarze Flaggen führt, ist egal, es ist der gleiche Abgeist, der den Führern und ihren Lakaien eingegossen wurde, wie es bei Thessalonicher heißt:
Der Böse aber wird in der Macht des Satans auftreten mit großer Kraft und lügenhaften Zeichen und Wundern
und mit jeglicher Verführung zur Ungerechtigkeit bei denen, die verloren werden, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, dass sie gerettet würden. (Verse 9 & 10)

Der das Geheimnis der Bosheit noch aufhält, wie der Brief sagt, das ist der Heilige Geist, der durch das Gewissen noch hemmt. Dieser wird weggetan, sodass sich das Böse offenbart.
Das Geheimnis der Bosheit ist simpel, es ist die Verführung. Sie schläfert nach und nach das Gewissen ein, macht Zeichen und Wunder, damit das Gemüt sich öffnet und die Irrlehre eingeflößt werden kann.
Die Bibel spricht vom Essen oder Trinken, vom Einverleiben, wie es schon im Garten in Eden illustriert ist:
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben,
sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. (Gen 3,4-6a)
Also isst man, verleibt es sich ein und tut, wie die Schlange (das ist die böse Wurzel) einem sagt.
So wird auch heute in jungen Herzen Feuer entzündet, dass sie morden und schlachten, sich selbst töten und noch Märtyrer nennen, auf die ein Jubel gehalten wird.

Wir dürfen Hoffnung haben! Denn nicht nur der Böse aus diesem Text bleibt hinter verschiedenen Gaderoben immer gleich, sondern auch sein Richter, der ihn mit dem Hauch seines Mundes töten wird.
Und für die Feuerwerker wird es die versprochene Wonne nicht geben, sondern ein böses Erwachen, die Erkenntnis, dass man in die Irre gegangen ist und sein Leben vertan hat.
Auch dies ist nur ein Gewitter, auch dies zerfällt zu Staub wie alles andere, und am Ende muss jeder unverfälscht in den Spiegel blicken.

Lasst euch von niemandem verführen, in keinerlei Weise; denn zuvor muss der Abfall kommen und der Mensch der Bosheit offenbart werden, der Sohn des Verderbens. (Vers 3)

Warum der Abfall kommen muss? Aus dem gleichen Grund, wie im Garten Eden: dass Gut und Böse erkannt werde. Und damit man am Widerstand wächst und sich darin bewährt.

Du sprichst: Reich bin ich, habe genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, im Feuer geläutert, dass du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und nicht nackt bloßgestellt werdest, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. (Off 3,17.18)

Samstag, 21. November 2015

Auf die Erde (Jesus und die Ehebrecherin)

Aber die Schriftgelehrten und Frommen brachten eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie mittig
und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist beim Ehebruch ergriffen worden.
Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solcherlei Frauen zu steinigen. Was sagst nun du?
Dies aber sagten sie, um ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus neigte sich und schrieb auf die Erde mit den Fingern.
Als sie fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
Und er neigte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie das aber hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten voran; und Jesus blieb allein mit der Frau in der Mitte.
Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wohin sind sie, Frau? Niemand hat dich verdammt?
Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr. (Joh 8,3-11)

Die Worte des Heiligen aus diesem Text sind innerhalb und außerhalb des Christentums berühmt geworden, entbehrten aber (wie immer bei den Menschen) nicht der Debatte um ihre Bedeutung bzw. ihre Berechtigung.
Klassisch ist ein Wortgefecht, das zwei Sätze gegeneinander führt, indem einer sagt:
"Auch Jesus sagte: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!", und ein anderer erwidert:
"Ja, aber er sagte auch: Sündige hinfort nicht mehr!"
Meist ist der eine mehr oder minder von einer Anklage betroffen, der andere hingegen nicht. Und so bieten diese Verse, wie so viele in der Schrift, die Möglichkeit, sich gegenseitig mit der Wahrheit zu befeuern, um niedere Motive zu befriedigen.
Der Text selbst in ein wertvolles Stück, welches sich nur im Johannesevangelium findet, und zwischen zwei sehr bezeichnenden Texten eingefügt ist: dem Zwiespalt des Volkes (Joh 7,40-53), wo das Volk darüber streitet, wer dieser Jesus sei, und dem Ich-bin-Wort (Joh 8,12-20), mit dem Jesus bezeugt, dass er der Gottesmensch ist.

Als die Frommen und Gelehrten die Frau zu Jesus bringen, stellen sie sie in die Mitte, führen sie also vor und klagen sie an, sodass alle sie sehen. Wie die frommen Männer sie beim Ehebruch ergriffen, wäre ebenso interessant wie die Frage, wo der Mann dazu ist; denn nach dem Gesetz (Lev 20,10) sollen beide, Ehebrecher und Ehebrecherin, des Todes sterben. Doch sagt der Text es schon selbst, dass die Gelehrten ihn linken wollten und dies wollten sie vor allem mit einer Frau tun. Hier trifft passend das Wort des Nikodemus, der einige Zeilen vorher mit den Gelehrten spricht: Richtet denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut? (Joh 7,51)

Obgleich nichts in dieser Szene stimmig ist, kommentiert Jesus die Umstände nicht, sondern schreibt auf die Erde, spricht die berühmten Worte, schreibt abermals, und trifft damit direkt ins Mark.
Viele fragen sich hier, was Jesus geschrieben habe und vermuten, er habe die Sünden der Ankläger gezeichnet. Wie auch immer, wichtiger ist, woran er sie erinnert, wenn er auf die Erde schreibt, denn es ist prophezeit durch Jeremia: Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden, und die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden; denn sie verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers. (Jer 17,13) Zuvor mahnt der Prophet, dass nur Gott das Herz ergründen kann (Jer 17,9-11), und Jesus bedeutet es den Frommen damit, dass er sie ergründet. Doch tut er es nicht laut und öffentlich wie diese Pharisäer, sondern still und durchs Zeichen.
Später, bei den Ich-bin-Worten, zeigt er ihnen nochmals ihre falsche Gesinnung auf: Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; (Joh 8,15.16a)

Der Heilige bleibt mit der Frau allein, nachdem die Ankläger abgezogen sind, wieder in der Mitte, doch ist sie nun nicht mehr Angeklagte, sondern Erlöste, ein Bild auf den begnadigten Menschen vor Gericht. Dies lässt er sie selbst erkennen, indem er sie fragt: Wo sind sie, Frau? Niemand hat dich verdammt?
Sie erkennt es, sagt Niemand, Herr., und er sagt ihr, dass die Frommen letztlich sein Urteil vertreten haben: Also verdamme ich dich auch nicht. Es meint: die Täter des Gesetzes verurteilten dich nicht, also verurteilt Gott dich nicht.
Schließlich sagt Jesus ihr jenes Wort: Sündige hinfort nicht mehr, und bindet sie dadurch an sich. Denn der Satz meint nicht ihr weiteres Verhalten allein, sie wird wieder sündigen, sondern es geht um die Beziehung zwischen ihnen. Um heil zu werden braucht sie ihn, wie er im folgenden Vers sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Joh 8,12)
Die einstigen Ankläger und Heuchler aber sind auf der Erde niedergeschrieben.

Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht. (Ps 1,6) 


Mittwoch, 11. November 2015

Wie die Luft

Ein junger Mann kam zu einem Mönch und sprach: "Meister, lasst mich euer Schüler werden!"
"Warum willst du mein Schüler sein?", fragte der Mönch.
"Weil ich Gott finden will", erwiderte der Mann. Da griff ihn der Meister, zerrte ihn zum Fluss und drückte sein Haupt unter das Wasser. Und als er ihn wieder losließ, rang der junge Mann nach Atem. So er sich nach einer Zeit wieder beruhigt hatte, sprach der Meister zu ihm:
"Was begehrtest du am meisten unter dem Wasser?"
"Die Luft, die Luft", antwortete der Mann.
"Nun", sprach der Meister, "Wenn du Gott so begehrst wie gerade die Luft, dann kannst du wiederkommen." Und er schickte ihn weg.

Dies ist eine Erzählung aus dem Zen-Buddhismus. Nun würden wir als Christen wohl niemanden wegschicken, der nach Gott sucht, dennoch ist die Erzählung eine Metapher für etwas Wesentliches:
Sie sagt uns, dass man sich nicht halbherzig auf diese Suche machen kann; man muss es ganz tun.
Die Frage nach Gott muss eine existenzielle sein und das ist sie nur, wenn der ganze Mensch infrage gestellt ist, bedrängt von den Wassern, und er darum ringt, wie um Atemluft.
Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis sind untrennbar, man kann Gott nicht erkennen, ohne mit sich selbst konfrontiert und im Herzen getroffen zu werden.

Die Schrift gibt uns dazu eine Szene, eine andere als die Zen-Geschichte, doch mit ähnlicher Botschaft:

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 
Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
(Gen 32,25-28)

Hier sind wir nicht im fernen Asien, sondern Nahen Osten, dem heutigen Jordanien.
Jakob, der Sohn Isaaks, ist auf dem Weg, seinem Bruder Esau zu begegnen, den er viele Jahre zuvor um sein Erstgeburtsrecht gelinkt hatte (Gen 27). Er zieht mit seiner Familie und seinem Besitz, und eines Nachts setzt er sich von ihnen ab, nachdem er sie über den Fluss Jabbok geführt hat, und kämpft im Morgengrauen mit einem Mann. Dieser, von der Exegese in der Regel als Engel Gottes gesehen, schlägt Jakob auf die Hüfte, sodass sie ausrenkt, was meint, er schlägt seinen Stolz an; das ist die Selbsterkenntnis.
Der Mann will zur Morgenröte aufbrechen, was meint, dass Gott noch verborgen ist, doch Jakob lässt nicht von ihm ab, denn er will ihn erkennen.
Und so spricht der Mann weiter und bedeutet die Wandlung, die sich an Jakob durch den Kampf vollzogen hat: Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.
Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. (Vers 28.29)

Israel meint "Überwinder" und zeigt die Erkenntnis Gottes an, die durch die Auseinandersetzung und Jakobs Beharren freigeschlagen wurde. Er hinkt zwar (Vers 32), aber er hat Gott gesehen, weshalb er die Stätte Pnuél ("Angesicht Gottes") nennt, und die Morgensonne geht ihm auf.
Jakob hat überwunden und tritt am Tage seinem Bruder Esau entgegen; die beiden versöhnen sich miteinander (Gen 33).


Mein Herz erhebt dir das Wort deines Mundes:
"Mein Antlitz sollt ihr suchen."
Sodenn suche ich auch dein Antlitz, du Ewiger.
(Ps 27,8)