Sonntag, 21. Dezember 2014

Der Winterling

Es war einmal, als die hohen Menschen ihre Wege und Häuser mit brennenden Stricken durchzogen hatten und überall hohe Fackeln aufgerichtet hatten, da wurde der Winterling so sehr gegen den Himmel gedrückt, dass er sich mit dem Fäusten am Westen und am Osten festkrallen musste. Die Fackeln aber sengten seinen langen Bart an, sodass ihm die Tränen in die Augen stiegen, und die brennenden Stricke entflammten den Saum seines Gewandes, sodass er unbeholfen von einem Fuß auf den anderen sprang. Manchmal aber wurde es ihm so heiß, dass er auf die Knie stürzte und eisige Stempel auf der Mitte der Erde hinterließ. Und manchmal musste er eine seiner Hände ausruhen, so ließ er abwechselnd den Westen oder den Osten los, riss aber darum je an einer Seite umso mehr, damit er nicht von der Erde fiel.
Sein Gewand aber und sein Bart wurden immer grauer und dunkler, sodass sich ein trüber Schleier vor die Sterne schob. Um den flammenden Bart zu löschen schüttelte er heftig mit dem Kopf, wodurch er kalte und heiße Stürme über die Erde schleuderte, die ständig aneinanderkrachten. Mit der Wirbelsäule schlug er Kerben in das Firmament und seine trampelnden Füße traten dicke Eisbrocken vom Süden los.
Gelegentlich vernahm er in dem Wirrwarr die Stimmen der hohen Menschen, die über das Wetter jammerten...

Mittwoch, 20. August 2014

In der Mitte

In die Welt geworfen, lärmend, aber wortlos blind,
Hört und sieht die ganze Welt, ganzes Wesen ist das Kind.
Worte brechen in das Bild, dann richtet sich ein Selbstsein auf,
"Ich & Du" tritt in das Denken, das ganze Wesen hört nun auf.
"Sein oder Nichtsein"!? Unbeirrbar dieser Schmerz,
Sucht das ganze Wesen wieder, treibt wie die Klinge in das Herz.

 
In der Mitte aller Dinge, zwischen den Zeilen,
Zünden alle Funken, dort muss man verweilen.
In der Mitte aller Dinge, zwischen den Zeilen,
Zünden alle Funken, dort muss man verweilen.


Aus der Welt geworfen, leise, aber wortreich schauend,
Hört und sieht nur kleine Welten, kleine Wesen sind die Grauen.
Worte brechen aus dem Bild, geben sich der Ganzheit hin.
"Du & Ich" tritt aus dem Denken, das ganze Wesen wird nun Sinn.
"Sein!" Unbeirrbar dieses Licht,
Nimmt das ganze Wesen wieder, denn das Nichtsein gibt es nicht.

In der Mitte aller Dinge, zwischen den Zeilen,
Zünden alle Funken, dort muss man verweilen.
In der Mitte aller Dinge, zwischen den Zeilen,
Zünden alle Funken, dort muss man verweilen.

Mittwoch, 19. März 2014

Naleli

Für die Freude!
 
Nalelis Wesen war nicht beisammen, wie bei anderen Menschen in der Regel! Ihr Wesen lag verteilt auf lauter Augenblicken, in denen sie versuchte, wieder vor den Moment zu gelangen, in dem ihr Wesen zersprengt wurde; als sie noch ein ganzer Mensch war.
In solchen Augenblicken wollte sie sich wieder zum ganzen Menschen machen lassen, indem sie sich von ganzen Menschen lieben ließ. Was sie nicht begriff, war, dass es vielleicht ganze Menschen waren, von denen sie Liebe suchte, dass diese aber nicht ihren ganzen Menschen liebten, und dass sie auch nicht ganz liebten.
Wie sollte sie das auch verstehen, hatte jener Moment damals doch von ihr gefordert, sich zu zerteilen! Das Mädchen, das sie war, musste sie begraben, der Moment wollte sie nur als gehorsame Leiche. Was tut man dann? Man lernt, diesen Moment zu lieben, man lernt, den zu lieben, der diesen Moment erschaffen hat! Irgendwo zwischen dem Mädchen und der Leiche war die Seele, und diese suchte Naleli zu erhalten. Sie musste sich also immer wieder begraben lassen, um diesen Moment wieder zu finden, in dem sie scheinbar ganz geliebt wurde und ganz liebte, ein ganzer Mensch war.
Doch anstatt sich wiederzufinden, entfernte sie sich mit jedem Mal einen Schritt weiter von sich, überließ die Hülle dem Zorn vieler Menschen, auf dass sie das Mädchen wieder begruben, welches sie ohnehin nie wieder bekam, und die Leiche gehorsam hielten, solange sie nicht das griffen, was dazwischen war. Nur so konnte sie lieben und sich lieben lassen, denn etwas anderes kannte sie ja nicht.
Eigentlich ging es nur darum, diesen Namen loszuwerden, denn Naleli heißt "Ich weine".
Sie hieß aber Freude.  

Dienstag, 11. März 2014

Auf Pfaden

Mein Herr, mein Herr, wo führst du hin,
wenn ich auf harten Pfaden bin?


Du machst sie mir zum festen Grund,
und ein Schritt tut´s dem nächsten kund:
"Weiter, weiter, hoch hinauf!", ich sterb´ zwar jetzt,
doch leb´ ich auf,
wenn ich an der Spitze bin,
ergibt das Ganze einen Sinn.


Jetzt sind´s nur Stücke, die ich sehe,
jetzt sind´s nur Schritte, die ich gehe.
Doch werd ich einmal oben sein,
wenn ich jeden Schritt gegangen bin,
und sehe alle Stücke drin,
weiß ich, Herr, da führst du hin!