Sonntag, 19. Februar 2017

Ihr habt nicht getanzt

Mit wem aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und den andern zurufen: Wir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben euch Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. (Matthäus 11,16.17)

Ist es das? Ihr tanzt auch heute nicht, will man meinen. Ihr sitzt da in Bankreihen oder auf Stühlen und vorne wird euch aufgespielt und ihr tanzt nicht. Und wer will es euch verübeln? Was euch dort aufgeführt wird, versteht ihr nicht, was euch dort gesungen wird, versteht ihr nicht; ein Schauspiel aus Gewändern, Ritualen und Formeln, die einfach zum Programm gehören.
 Es herrscht Verunsicherung in euch; wer tanzt da schon? Denn gerade hat der Pfarrer noch mit euch gesungen: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist (...) jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit, und hat mit euch das Bekenntnis gesprochen: Ich glaube (...); dann erzählt er euch in der Predigt, das seien Mythen, alte Geschichten und Metaphern, die aber trotzdem auch sinnstiftend sein können und Orientierung im Leben geben können; der Rest ist ein Kommentar zur politischen Lage (natürlich unparteiisch) und zum Umweltschutz. Dann wird er mit euch beten, als ob es diesen Gott wirklich gäbe, als hätte euch der Sohn Gottes wirklich erlöst und freigemacht, und euch seinen Heiligen Geist gesendet, der euch beistehe und tröste und euch lehre in der Wahrheit.
 Und vielleicht fragt ihr euch, wenn ihr das so seht, ob die da vorne das eigentlich selber glauben, was sie da sagen und singen. Und vielleicht fragen die sich das auch. Vielleicht, nein sicherlich, sind dort einige, die würden euch gerne mitten ins Herz treffen, euch sagen, dass es die Wahrheit ist, dass dieser Jesus euch freimachen wird, wenn ihr nur einen Moment die Zweifel und die Skepsis, die Reserviertheit ignorieren und euch mit ganzem Herzen hingeben wolltet. Die würden euch gerne mit ihrem eigenen Glauben leuchten, mit dieser Liebe, die sie erfahren haben und die sie zu einem neuen Menschen gemacht hat; die Liebe Gottes, die den alten Menschen, der sie waren, all die Ängste, all den Hader, all die Selbstsucht und den Zorn, all die Feigheit und die Heuchelei und alldas, hinter sich geworfen hat und ihre Seele geheilt hat. - Aber das tut man nicht! Das wäre zu nah, zu vereinnahmend, zu intolerant, und vielleicht hieltet ihr sie für irre, für fundamentalistisch; Rückständige, die noch Märchen glauben und zwischen Dichtung und Wahrheit nicht unterscheiden können, und so weiter. Und sie haben das Herz nicht.
 Also lassen sie`s und es wird nicht getanzt. Und sie beklagen, die Leute könnten mit der Kirche nichts mehr anfangen. Man spiele ihnen doch auf, aber sie tanzten nicht; man singe ihnen doch, aber es rühre sie nicht. Und da ist kein Feuer!
 Dabei bist Du vielleicht am Sonntag, oder wann auch immer, mal wieder in die Kirche gegangen, weil Du dachtest, Gott würde dort zu Dir sprechen. Oder warum geht man in eine Kirche? Und Du siehst irgendeinen Zinober und weißt nicht, was Du damit sollst. Du suchst, aber nicht ein "christliches Orientierungsangebot", sondern Erkenntnis, die Erkenntnis Gottes und Deiner selbst, Wahrheit, Schönheit und Liebe, Verständnis, Erleuchtung und Verwandlung.
 Du hast vielleicht schon begriffen, irgendwann im Stillen (durch Nachdenken oder es einfach nur gefühlt), dass Du Dich selbst nicht durchhalten kannst, dass Du in diese Welt geworfen wurdest und ohne Liebe und schützende Hände wärst Du längst verkümmert und vergangen. Und Du hast in Deinem Zimmer die Augen geschlossen, Dich von dieser Stille einnehmen lassen, ob Du ihn zu Dir sprechen hörst, wenn keine anderen dabei sind, die Dir sagen, dass Du sie nicht mehr alle hast. Oder Du hast in den Himmel hinaufgeschaut und gedacht, da sei jemand, der Dich sieht, der Dich kennt, bis in die letzten Winkel Deiner Seele; und vielleicht hat Dir das Angst gemacht, weil Du nicht weißt, wie dieser Gott ist, weil er Dir fremd ist. Vielleicht nimmt er Dir Deine Freiheit, halst Dir lauter Gebote auf und verbietet Dir alles Schöne. Vielleicht verlierst Du Freunde, vielleicht verachtet man Dich, vielleicht wirst Du Menschen verachten. Und bei all dem Leid in dieser Welt kann schwerlich ein Gott da sein, kein guter jedenfalls. Wer hat das nicht schon alles durchgefochten?!
 In der Kirche, wo Du sitzt, sind doch Gläubige, denkst Du, Jüngerinnen und Jünger, die sagen: Er lebt! Wir haben ihn gesehen!; die all diese Abgründe kennen, diese Kämpfe, diese Ängste, diese Verlorenheit, und Gott kennen. Denen Jesus zu Herzen gegangen ist und dann haben sie ihn ins Herz geschlossen. Die Dir den Weg der Wahrheit zeigen können, ohne Dich auszusaugen und zu ersticken, sondern weil diese Wahrheit in ihnen lebt und sie erleuchtet.
 Und sie würden Dir sagen, stellst Du Dir vor, dass Du auf der richtigen Fährte warst, da in der Stille und in Deinen Gedanken; dass es richtig sei: Da ist jemand, der Dich sieht, der Dich kennt, bis in die letzten Winkel Deiner Seele, der Dich gemacht hat und jeden Deiner Schritte weiß. Und Du brauchst keine Angst zu haben, denn er ist ein guter Gott, barmherzig und gerecht, liebevoll und unbeirrbar. Er wird Dir Deine Freiheit nicht nehmen oder Dir das Schöne im Leben verbieten, sondern Du wirst frei, wenn Du mit ihm lebst, frei von Dingen, die Du nie nötig hattest, die Dich gefesselt und abhängig gemacht haben, Deine Seele beschwert und Deinen Geist vergiftet haben; und Du wirst die Schönheit des Lebens erst richtig erkennen und lieben lernen, wenn Du sie mit diesen klaren Augen siehst, wenn diese Welt das Werk seiner Hände ist und sein ganzes Herz daran hängt. Manche Freunde verlierst Du vielleicht, das mag sein; Du wirst neue gewinnen. Und manche werden Dich verachten, das ist sicher; andere werden Dich hochschätzen. Du wirst niemanden verachten. Du hast niemanden zu verachten. Es ist nicht Deine Sache.
 Das Leid in dieser Welt und der Schmerz werden Dich rühren, wirklich rühren, wenn Du es siehst, diesen Zorn, den Hass, mit dem Menschen sich zerstören; diese Einsamkeit, den Lebensüberdruss, der Menschen alles Licht und alle Freude nimmt, dass sie lieber tot wären, weil sie eh schon wie lebendig begraben sind; diese Unfähigkeit zur Vergebung, dieser Stolz und die Selbstsucht, was eigentlich nur Selbsthass ist; dieser Neid, die Missgunst, die Unzufriedenheit, dieser Narzissmus; dieses Gefallen am Bösen und Durchtriebenen, das man für interessant und klug hält, dieser Spott gegen das Gute und die Harmonie, weil man es für langweilig und naiv hält. All das Leid wird Dich rühren.
 Und es wird aufhören: als erstes wird es aufhören, ein Argument, eine Theorie, eine Theodizee-Debatte zu sein, die niemandem hilft (am wenigsten den Leidenden), sondern nur Bücher mit toter Philosophie und Theologie füllt. Es gibt keine Argumente! Da ist Leid, das müssen wir ertragen, und lernen, beizustehen, mitzufühlen, zu helfen und zu lieben, immer mehr.
 "Das kann man alles auch ohne den Glauben an Gott tun!", wirst Du hören. Dann lass sie es ohne Gott tun, wir tun es mit Gott; so einfach ist das. Und all das Leid wird aufhören, schließlich, wenn Gott die Welt, die Himmel und die Erde neu machen wird, durch Gericht und Gnade, durch Liebe und Gerechtigkeit. Da wird er diesen Zorn, diesen Hass, den Stolz und die Selbstsucht, Neid, Missgunst und alldas, strafen. Und die Zerstörten und Niedergeschlagenen wird er aufrichten aus dem Staub und der Asche. Den Einsamen und Verlorenen wird er wieder Licht und Freude geben und wird sie mit Leben erfüllen. Denn er hat all das Leid gesehen, all den Schmerz gefühlt und sich rühren lassen, wie eine Mutter um ihr Kind immer Rührung und Sorge hat. Man will es kaum glauben. Man will es nicht glauben.
 Den einen ist das Wort Gottes aufgegangen wie eine Sonne, den anderen ist es schleierhaft; ist es Dir aufgegangen? Dann trage dieses Licht vor Dir her.
 Die einen haben erkannt, dass sie Erlösung, dass sie Gnade brauchen, den Sohn Gottes, andere brauchen ihn offenbar nicht; hast Du es erkannt? Dann lebe diese Erlösung, diese Gnade. Sei ein Evangelium. Denn alle brauchen ihn.

Ach, wenn ich`s doch nur täte!

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!
(Markus 9,24)

Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre.
Und wenn du dich einmal bekehrst, dann stärke deine Brüder.
(Lukas 22,32)