Dienstag, 24. Februar 2015

Wann der Mensch ein Mensch sei

Es wird an verschiedenen Stellen von verschiedenen Leuten darüber nachgedacht, debattiert und geforscht, wann dem Menschen denn eigentlich sein Menschsein zukäme, ab wann es sich um einen Menschen in unserem Sinne handle und was er vorher sei. Ethiker, Wissenschaftler, Mediziner und Theologen, Journalisten und einfache Privatpersonen, Eltern- und nicht zuletzt die junge Frau, die gerade erfahren hat, dass sie schwanger ist- sinnen über diese Frage nach: Wann der Mensch ein Mensch sei.
Manche machen es vom Entwicklungsstand des Lebens abhängig, ob der Mensch schon Mensch sei, oder nicht. Wenn das Gehirn sich ausgebildet habe, sozusagen als Träger all dessen, was die Persönlichkeit ausgestaltet, sei der Mensch als empfindendes Wesen eben Mensch. Andere wollen das Menschsein mit dem schlagenden Herzen beginnen lassen. Wieder andere meinen, man habe es erst mit einem Menschen zutun, wenn das geborene Kind lebendig und gesund wirklich vor einem liegt, atmet und schreit. Damals wie heute fragen sich gläubige Menschen, wann die Seele in die Materie dringt. Über alledem schwebt die Empfehlung, ohnehin erstmal die ersten drei Monate abzuwarten, ob es überhaupt was wird, und gegebenenfalls zu prüfen, ob das entstehende Leben überhaupt lebenswert und sinnvoll sei.

Dabei liegen Kraft und Wert des neuen Lebens gar nicht in seiner stofflichen Entwicklung als Einzelwesen, sondern darin, was es in anderen auslöst. Wenn eine Frau erfährt, dass sie schwanger ist, denkt sie nicht an Entwicklungsstufen, sondern der neue Mensch- obgleich er nur ein kleiner Zellhaufen ist- zieht alle Freuden, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und Erwartungen an sich und drückt den Rest der Welt an die Seite. Ob das Kind gewollt war oder nicht, es fordert das ganze Herz, obwohl es selbst noch keines hat, und hält den werdenden Eltern ungeschönt alles vor, was sie denken und fühlen, es sei wohlwollend oder bitter.
So ist der Mensch ein ganzer Mensch, sobald die Mutter von ihm weiß, und alle weiteren Gedanken, Gefühle und Handlungen richten sich an einen ganzen Menschen; es gibt keine Aspekte.
Und so, glauben wir Christen, hat Gott es gefügt, dass durch die reinste Zuneigung und Sorge der ganze Sinn der Mutter an das Kind geheftet werden soll, um den eigenen Schmerz zu ignorieren.

Der Mensch ist Mensch, sobald man um ihn weiß.

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind seine Werke;
das erkennt meine Seele.
Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, 
als ich gebildet wurde unten in der Erde.
(Ps 139,13-15) 

Mittwoch, 11. Februar 2015

Ein Garten

Ich stehe in der Mitte eines Gartens,
sehe Blätter kreisen,
die aus dem Herzen dieser Wildnis
in eine bess´re Ferne reisen.

Durch den Wirbel wie gefesselt,
tanzen sie noch eine Runde,
schweben mit der letzten Böe
über eine alte Wunde.

Es war ein Garten,
so wie dieser,
angelegt durch einen Herrn,
wo die Blätter kreisen lernten,
in die Ruhe drang ein Lärm;
in die Zeit drang das Bedauern,
in die Ewigkeit der Tod,
in dem Kleid entstanden Risse,
und in der Herrlichkeit die Not.

Es wird ein Garten,
so wie dieser,
neu gemacht durch einen Herrn,
wo selbst Blätter Wurzeln schlagen,
und in der Ruhe stört kein Lärm;
in das Bedauern dringt die Zeit dann,
in den Tod die Ewigkeit,
in der Not entstehen Risse,
und in dem Kleide Herrlichkeit.

Samstag, 7. Februar 2015

Geschichte schreiben

Wir alle schreiben Geschichte; jeder von uns.
Wir leben und unser Lebensverlauf schlägt sich irgendwo nieder: in dieser Welt im allgemeinen, in unserem Beruf, in unseren Ausbildungen, in unseren Beziehungen und Begegnungen.

Wir schreiben Geschichte, aber niemals einfach nur für uns selbst, sondern wir schreiben immer in andere Geschichten hinein, und andere schreiben Geschichte in die unsrige hinein. Denn wir begegnen uns und jedes Wort, jede Bewegung von uns hinterlässt eine Szene in der Geschichte eines anderen.

Wir schreiben Geschichten; aber wir schließen sie niemals ab, sondern sie haben immer ein offenes Ende. Denn selbst, wenn wir nicht mehr an den Geschichten beteiligt sind, sind doch diejenigen daran beteiligt, in deren Geschichte wir hineingeschrieben haben.

Wir schreiben Geschichten; aber wir haben sie niemals begonnen, sondern wir wurden als ein Kapitel in die Geschichte anderer hineingeschrieben.

Wir werden geschrieben; jeder von uns.

Er schreibt Geschichten; jede von uns.


Was da ist, ist längst mit Namen genannt, und bestimmt ist, was ein Mensch sein wird. Darum kann er nicht hadern mit dem, der ihm zu mächtig ist. Denn je mehr Worte, desto mehr Eitelkeit; was hat der Mensch davon? Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen kurzen, eitlen Tagen, die er verbringt wie einen Schatten? Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne? (Prediger 6,10-12)