Donnerstag, 10. November 2016

Die Welt

 Ein Mann sitzt, mit einem dicken schwarzen Mantel bekleidet und einer Melone auf dem Kopf, auf einer Bank und schaut vor sich auf den gepflasterten Boden hin, auf dem dicke Schneeflocken manchmal schweben, manchmal kleine kreiselnde Bewegungen machen, manchmal liegen bleiben. Es ist so eine alte englische Bank, irgendwo müsste ein hübscher Park sein, wenn man ihn denn sehen könnte, doch es ist neblig, und rechts neben ihm steht eine dieser alten Laternen aus Londoner Straßen. Links hinter ihm bäumt sich eine verschneite Tanne auf, die dort irgendwie nicht hingehört, wie eigentlich alles, denn man vermisst hinter der dichten Nebelwand den Rest dieses Bildes. Es ist still, kein Geräusch und kein Wind regt sich, und der Mann sitzt unbewegt, als sei das alles eine Momentaufnahme. Und wie es ist, wenn man Stille und Einsamkeit und lange Weile hat, denkt der Mann nach über sich und diesen Ort und seinen Platz. Und alles erscheint ihm trist und öde und ohne Sinn, fehl am Platze, und er meint, selbst nicht zu wissen, was ihn eigentlich hierher getrieben habe und warum er hier sitze oder wohin er denn wolle. Er schaut nur vor sich und die Welt, in diesem Nebel verschleiert, kommt ihm undurchsichtig und unwirklich vor, und einen Moment lang ergreift ihn tief im Innern Angst, die einen ergreift, wenn man wirklich alleine ist.
Vielleicht, denkt er, ist es so, dass alles vollkommen sinnlos ist. Vielleicht bin ich rein zufällig hier, hingesetzt auf einen Platz durch Instinkt oder irgendeinen Reiz der Sinne. Eine Zusammenballung von Kräften, die sich zufällig im Raum trafen. Voneinander angezogen, ja, aber hätten sie noch etwas anderes angezogen oder etwas fallenlassen, es wäre alles ganz anders gekommen; ein unvorhersehbares Spiel von Materie und Reaktionen. Und ich, der ich jetzt hier sitze und denke, bin nur das Ergebnis eines Selbsterhaltungstriebes, einer eingepflanzten Lust und einer passenden Gelegenheit. Ein unbewusster Wille zu Überleben steuert mich, da ich mich ohnehin nicht einfach hinlegen und tot sein kann. Und niemand wollte mich, sondern man wollte Jemanden und was herauskam, war eben ich und dann ist es halt so. Das ist es, was bleibt, wenn man die Ideale wegnimmt: die vollendeten Tatsachen. Denn ich lebe in einer Welt aus Ideen, als erstes über mich selbst und dann über andere, dann über das, was zwischen uns stattfindet und was es bedeutet. Und diese Ideen sind so übermächtig, so existenziell, dass man ohne sie das Leben nicht ertragen kann; man braucht sie nötiger als Essen und Trinken. Solange man mit anderen umgeht und zusammen ist, werden sie ständig genährt, doch ist man einmal lange Zeit alleine, wirklich alleine, so wie ich jetzt hier, und die Erinnerungen und Vorstellungen wurden schon tausende Male erinnert und vorgestellt und verblassen langsam wie der Boden in diesem Nebel hier, dann wird die Idee immer mehr auf das Selbst zurückgedrängt, gleicht sich der realen Kreatur an, und da ist - wenn man sich anschaut - nichts außer einer tiefen Leere, einer totalen Dunkelheit. Solange, ja, solange ich mit anderen bin, kann ich mir etwas vormachen und sie machen mir ja auch etwas vor, doch alleine, wenn`s nur lange genug ist, so wie ich jetzt hier bin, kann ich mir selbst nichts mehr vormachen. Ich bin ein gefallenes Wesen, in die Welt gefallen durch Neigung und Verdichtung, und lebe und webe dieses Geflecht aus Illusionen, um zu rechtfertigen, dass ich es bin. Ich bilde mir ein, eine Bedeutung zu haben, einen Wert und einen Sinn für jemanden, der mich wirklich liebt wie ich bin, ohne einfach nur die Gegebenheiten zu nehmen und es dann Liebe zu nennen. Doch das ist Illusion.
Nach diesen Gedanken ist es ihm, als kenne er niemanden, als sei er immer schon alleine gewesen, als sei alles (selbst die Gedanken) aus dem Nichts gekommen, erregt durch Anschauung und Begehren, und werde wieder ins Nichts vergehen. Und die Welt erscheint ihm riesig und kalt und er hat keinen Platz in ihr, weil er belanglos ist. Und je klarer ihm das wird, desto mehr kreisen seine Gedanken um ihn selbst, wie die Schneeflocken zu seinen Füßen, und er zweifelt an seiner Existenz.
Vielleicht, denkt er, bin ich ja auch nur eine Idee.
Dann bewegt sich plötzlich alles und bebt, die Schneeflocken wirbeln durcheinander und tanzen wild umher und alles wird ein weißes Wirrwarr. Er sieht es, doch ist weiter unbewegt und auf seinem Platz und er selbst.

Ich stehe im Laden und schüttel die Schneekugel, betrachte, wie die dicken Schneeflocken durch das Wasser schwirren und denke mir, was für seltsame Ideen die Menschen doch haben.

Donnerstag, 3. November 2016

Diese Narben

 Da ist ein Mädchen mit zerschnittenen Armen und Handgelenken. Eigentlich ist es eine junge Frau, doch wenn man sie sieht, denkt man an ein Mädchen. Sie sitzt, dick und aufgedunsen, wie ein Kind da, das die Erwachsenen dazu ermahnt haben, über seine Fehler nachzudenken und erst wieder aus dem Zimmer zu kommen, wenn es einsichtig geworden ist. So sitzt sie da, als geschähen ihr die Dinge einfach, als gleite die Welt an ihr vorbei und sie denkt sich: Was ist denn passiert?, und versteht nichts und hat keine Ahnung von der Welt und vom Leben. Und ehe sie in einem Augenblick etwas erkennen kann, ist`s schon vorüber und die nächste Wahrnehmung ist schon da und schwer genug zu ertragen. So runtergedrosselt auf die Gegenwart, dass alles überraschend und verwunderlich ist, und die Erinnerungen sind trübe und unwahr und mit Schmerz in die Arme gezeichnet, um die eigene Realität noch zu fühlen, und die Erwartungen machen tiefe Angst.
In die Arme sind breite Narben eingegraben und leicht ist man versucht zu denken, das sei die ganze Geschichte eines Menschen. Du bist irgendwann durchgedreht oder warst vielleicht immerschon krank, von Natur aus, schlechte Vererbung oder ein böses Erlebnis, asoziale Eltern, die immer nur gequalmt und gesoffen haben oder einfach nur zu viel Fernsehen und zu wenig Fantasie. Und jetzt hockst du da und versuchst, dich von Serien und Filmen in eine andere Welt entführen zu lassen, doch du siehst nur flache bewegte Bilder und hörst irgendein Gerede. Und du fühlst dich nicht wohl in deiner Haut, würdest sie dir am liebsten vom Körper schneiden, wenn der Arzt die Empfindung nicht durch Medikamente minimiert hätte. Doch nun schmeckt das Essen fad und alles ist dir taub und neblig, die Nebenwirkungen sind die Krankheit, die sie behandeln sollen, man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre; aber es ist so traurig. Du stehst morgens auf wegen der Tagesstruktur und weißt eigentlich gar nicht, warum, und was du im Badezimmerspiegel siehst, kannst du kaum aushalten, nur, wenn du es ignorierst und du das eigentlich nicht bist; da bist du dir ja ohnehin nicht so sicher. Schaust du aus dem Fenster, dann siehst du den hässlichen kleinen Vorgarten, ein brauner Unkrautteppich, auf dem lange scharfe Halme wie Gitterstäbe oder die Stacheln einer Fallgrube hochragen, und keiner kümmert sich darum. Beim Zaun hört deine Welt bereits auf, dahinter ist eine andere, in der Menschen ihr Leben leben. Genauer hört sie schon an deinem Fenster auf, das du mit deinem Atem beschlägst, und eigentlich schon auf deiner Haut. Du kommst über dich selbst nicht hinweg und das ist eigentlich die Krankheit.
Und wenn ich sie so sehe und sie ein verlegenes "Tschüss" erwidert, dann denke ich, dass ich ihr gerne sagen würde, dass dies alles nur ein Missverständnis sei. Dass irgendwas, irgendwer sie gekränkt habe und sie hat es missverstanden und geglaubt, das sei die ganze Geschichte eines Menschen. Sie sei unwert und werde nicht geliebt und alle haben sie verlassen oder werden sie verlassen, und sie sei hässlich und abstoßend und keiner kann sie ertragen. Und wer sie erträgt und gut zu ihr ist, der ist verdächtig und kann es letztlich nicht wirklich so meinen. Ich will ihr sagen, dass es nicht wahr sei, dass sie wertvoll ist und geliebt wird, nicht verlassen und nicht verloren ist, und dass sie schön ist und Menschen es gut mit ihr meinen.
Und ich denke, dass ich ihr gerne sagen würde, dass dies alles vorbeigehen wird. Dass diese Narben vergehen werden und dieser ganze Leib weggenommen wird und sie wird einen neuen Leib und neue Haut bekommen, als ziehe sie ein frisches, schönes Kleid an. Und dass sie wie in einen klaren Himmel sehen wird, als seien die dunklen Wolken abgezogen, und sie wird riechen und schmecken und fühlen, als sei es das erste Mal und alles wird sie überwältigen, so schön ist es. Da wird sie endlich bei sich selbst ankommen, das Ebenbild Gottes, und wird keine Angst mehr haben.
Und dann denke ich, dass es nicht meine Aufgabe, geschweige mein Recht ist (zumal ungefragt und vielleicht ist ja alles ganz anders), und ich hoffe, sie versteht mich ohne Worte. 


Donnerstag, 27. Oktober 2016

Eine Geschichte

 Der Weg ging etwas aufwärts. Er führte durch wirre Schneewehen in die Nacht oder was sie für die Nacht hielten, denn sie hatten ein wenig die Zeit verloren auf der weiten Strecke. Jedenfalls war alles um sie dunkel, und wären die Schneedecken auf den Äckern und den kahlen Bäumen nicht gewesen, und ein paar graue Risse in den Wolken, wo noch irgendein Licht durchdrang, es wäre wohl alles schwarz gewesen. So aber, durch das Wirrwarr aus Schnee und Wind und Kälte, gingen die Geschwister schwerfällig, einen Fuß vor den andern in den knarrenden Boden, und wollten sich eigentlich an den Händen halten, um sich zu fühlen und sich nicht zu verlieren, doch so kamen sie noch schlechter voran. Also ging jeder für sich, der Bruder etwas vorweg und die Schwester hinterher, und er vergewisserte sich alle paar Meter, ob er hinter sich noch die eingeschneiten Schultern und den dampfenden Atem sah. Sie war aber da und hielt Schritt, wenn er auch manchmal glaubte, unter dem Heulen des Windes ihr Keuchen zu hören, so erleichterte es ihn doch. Und er schaute in das Dunkel vor sich und dachte, es sei nicht mehr weit, die Augen und Wangen schmerzten vom Frost und die Finger in den Wollstulpen waren taub und steif, und wenn er sich mit der Faust die Feuchtigkeit aus dem Gesicht wischte, war es, als sei es gar nicht seine Hand, gar nicht sein Arm, sondern ein toter Stamm, der von der Elle ab an ihm baumelte. Die Eltern waren arm, hatten die beiden ältesten Kinder auf den Weg zur Tante geschickt, die sich ihrer annehmen sollte, weil sie nicht mehr für alle sorgen konnten, und hatten ihn und seine Schwester zwar in mehrere Decken, Schals und Stulpen gehüllt, dass sie wie zwei Büffel aussahen, doch drangen der eisige Wind und der Schnee durch die alten und schlechten Stoffe, und es half nichts.
Ob die Tante sie aufnehmen werde, dachte er sich und versuchte sich vorzustellen, wie sie wohl sei. Ob sie wohl gut sei und auch so gütige Augen habe wie ihre Schwester, seine Mutter, oder ob sie streng und hart sei und sie alle Arbeit machen lassen und sie schlagen werde. Alldas wusste er aus den Worten seiner Mutter nicht. Sie hatte zuletzt nur in der Tür gestanden, ihnen Beutel mit etwas Brot in die Hände gedrückt und sie geküsst und gesagt: "Jetzt geht zur Tante und bittet um Gnade bei ihr, um Christi Willen", und erst geweint, als die Kinder sich nicht mehr nach ihr umsahen. Und als sie ein Stück gegangen waren, hatte die Schwester als erstes gefragt:
"Kennst du den Weg?"
"Wir müssen nur den Straßen und Schildern folgen", hatte er gesagt, und wie er mit festem Schritt vorangegangen war und bei jeder Holztafel an Wegbiegungen zuversichtlich genickt hatte, war sie hinter ihm gewesen und vertraute ihm auch jetzt, wo er die Anhöhe vor ihr her stieg, mit seinen eingeschneiten Schultern, und sie Schritt hielt, dass nur der Schnee und der Wind zwischen ihnen seien und sonst nichts. Und wie er sich alle paar Meter umschaute, um sie zu sehen, nickte sie ihm immer zu und sagte durch den dicken Schal, es sei alles gut und sie sei noch da. Sie hätte gerne seine Hand genommen, um ihn zu fühlen, und glaubte noch, von vor einigen Stunden und tausenden Metern, seine Hände seien stark und warm; ihre froren immer mehr ein. Und sie versuchte zu träumen, wie ihr die Mutter mal gesagt hatte: "Wenn alles schwer wird, müssen wir an schöne Dinge denken", und dachte an eine warme Stube und den Geruch von brennenden Kerzen, Schalen mit Nüssen und Äpfeln und Birnen auf dem Schränkchen, ein Topf mit Kartoffeln und Kohl dampft auf dem Tisch und die Mutter bringt Braten herein und der Vater sitzt frei am Kopfende, ohne die Krücke für sein gelähmtes Bein. Und ihre Geschwister sitzen in der Bank mit roten Wangen und leuchtenden Augen, und ihr geliebter Bruder wird aus dem Evangelium vorlesen und sie werden singen. Im Kamin knistert ein Feuer und in der Ecke steht eine schöne Holzkrippe mit Maria und Josef und den Hirten, die das Jesuskind umstehen, ein Esel und ein Rind und Schafe, und vom Dach schweift ein Engel herauf, der die frohe Botschaft verkündet.
"Jetzt ist es nicht mehr weit!", sagte er laut, als er sich zu ihr umsah.
Die Schneewehen nahmen unmögliche Formen an. Wie aufgetürmte Gestalten, die um sie herumtanzten und lange weite Mäntel im Tanz mit sich warfen. Hinter ihnen, in der Dunkelheit, schimmerten schwache Lichter und er schaute und dachte, es sei nun nicht mehr weit. Er sah sich zu seiner Schwester um und sorgte sich um sie, doch sie war da und er glaubte, sie nicken zu sehen, als wolle sie ihm sagen, es sei alles gut. Und sie sah zu ihm auf und sorgte sich um ihn, wie er sich gegen die Böen krümmte, doch glaubte sie ihn sagen zu hören, es sei jetzt nicht mehr weit.
Es war nicht mehr weit. Als sie an die Tür klopften, schien aus den Fenstern noch Licht und der Geruch von Essen stieg ihnen entgegen und sie meinten, drinnen Gesang zu hören. Die Tür wurde geöffnet und da stand ihre Mutter und sagte: "Da seid ihr ja!", und nahm ihnen die durchfrorenen Beutel ab, umarmte und küsste sie und sie gingen hinein und ihnen war bald wieder warm und alles andere vergessen.

Das war irgendwann an einem vierundzwanzigsten Dezember.

Samstag, 8. Oktober 2016

Deine Hände

Wenn ich an Dich denke, dann denke ich an ausgebreitete Arme am Fuße einer Treppe.
Wir liefen aus unseren Zimmern oder wo wir waren, wenn es an der Tür klingelte, die Treppe hinab und Du beugtest dich an die Stufen und öffnetest die Arme und wir riefen: "Opa!"
Und wenn ich an Dich denke, dann denke ich an Deine Stimme, wie Du gesprochen, wie Du gebetet hast. Wenn Du zu Besuch warst, war es klar, dass vor dem Essen gebetet wird; das taten wir sonst nicht immer. Deine Gebete sprechen Millionen Menschen auf der Welt auch, aber wie Du sie gebetet hast, daran denke ich. Und Deine Worte, gute Worte, kein böses kam je über Deine Lippen, und man will meinen, so wie Du warst, es kam auch kein böser Gedanke in Deinen Geist. "Lieber Unrecht erdulden, als Unrecht tun", hast Du gesagt. Du hast das alles gesehen: die Menschen mit ihrem Treiben, ihren Geschäften und Sorgen und Ängsten, und warst selbst längst darüber hinaus, nicht von dieser Welt. Sorgen kanntest Du wohl, doch um uns, nicht um Dich selbst.
Und wenn ich an Dich denke, dann denke ich daran, wie Du gestanden und gesessen hast, kerzengerade und unnachlässig, aber seelenruhig und ohne Anstrengung, eine alte Schule, die es heute nicht mehr gibt. Und hast Dir alles Gute dieser Schule bewahrt, alles Schlechte verworfen. Gerade, aufrichtig und unnachgiebig gegen Dich selbst, aber nachsichtig und verständnisvoll gegen andere, ohne dieses nostalgische und gelogene "Früher war alles besser!", ohne dieses "Ich habe..." und "Ich musste..."; das hattest Du nicht nötig. Du wusstest immer, dass Jetzt die Zeit ist und dass alles, was war, zu dem führte, was ist, ein stiller göttlicher Plan, den wir vor lauter Lärm und Blendung weder hören noch sehen. Und wo Du warst, war eine tiefe Ruhe.
Und wenn ich an Dich denke, dann denke ich an Deine Hände, diese alten gütigen Hände, die Du mir entgegengestreckt hast und hast gesagt: "Komm her zu mir!" Und dann haben wir gelesen und Du hast es mir erklärt und ich weiß nicht mehr, was Du mir damals gesagt hast. Nur, dass es gut war und dass ich mehr mit Dir hätte reden sollen, dass ich mehr mit Dir hätte reden wollen.
Und manchmal vermiss` ich Dich so! Und wenn wir beide nicht wüssten, dass wir uns einmal wiedersehen werden, und das glauben würden, dann wäre es ja schlimm. Aber wir wissen es ja.

Mittwoch, 28. September 2016

Vesper

Es dämmerte und Grillen zirpten irgendwo an bewachsenen Hängen, die, Gefälle um Gefälle, tiefer ins Tal sanken, von Serpetinen durchschlungen und Laternen beleuchtet, die in der Ferne eine schwache Lichterkette zogen. Es war angenehm kühl und die restliche Abendröte strich die pastellnen Häuser und Wege in ein seltenes Orange.
Fast fand er es schön. Dann bellte ein Hund auf einem Hinterhof und er schrak zusammen, beugte sich vor, um zu lauschen, ob irgendwo Menschen seien, doch die Ruhe war nach dem Gebell noch tiefer als zuvor. Er schaute auf die Uhr, immer wieder, aber die Ziffern sagten ihm nichts mehr, sie verschwammen vor seinen Augen zu einem Irgendwann und hätte sein Herz nicht so gepocht, er hätte gemeint, gar nicht da zu sein, wie in einem Traum alles durch einen Schleier zu betrachten, ohne beteiligt zu sein, alles fast wie ein echter Ort, aber irgendwie anders und ohne verstreichende Zeit. Und er trat von einem Bein aufs andere, versuchte, den Boden zu spüren und sich zu vergewissern, dass es eine Gegenwart gab und wünschte fast, der Hund würde ununterbrochen weiterbellen, um ihn zu einem realen Menschen zu machen. Er hatte angenommen, man werde vor dem großen Moment, vor seinem Schicksal an all das Gute und Schöne denken, an die höhere Sache, an das Paradies und den Willen Gottes, doch er konnte nicht. Es wollte kein guter Gedanke in seinen Geist kommen und nichts Schönes in seine Seele, und hätte er nur diesen Anblick des Abendhimmels in sein Herz gelassen, er wäre wohl umgedreht und gegangen.
Das Handy zitterte in seiner Hosentasche und er zuckte wieder zusammen, war so plötzlich ins Jetzt geholt, dass sein Verstand nacheilen musste.
Als er annahm, sprach jemand zu ihm und er hörte, ging hin und her und sah sich um.
"Bist du da?"
"Ja..."
"Gut. Ist noch jemand da? Bist du allein?"
"Keiner da, ich bin allein."
"Gut. Geh zum Eingang und horche. Wenn er anfängt zu reden, dann gehst du rein. Warte bis sie nicht mehr singen und er redet!"
"Ja... okay"
"Geh! Der Barmherzige sei mit dir!"

Er musste sein Ohr gegen die Tür drücken, um etwas zu hören. Gerade verklang die Musik und es raschelte drinnen und er drückte sich noch mehr gegen das Holz, ob noch ein Lied käme und nicht alles so unmittelbar geschehe, dass er gerade am Eingang angekommen sei und nun direkt hineingehen müsse. Doch so war es. Er öffnete die Tür und hörte, dass jemand Stufen hinaufging. Ein Flügel der Zwischentüren stand offen und er verbarg sich hinter dem anderen, lauschte, und sein Herz klopfte in seinen Ohren. Ein junger Mann war an das Pult getreten, nicht der Pastor, ein anderer, ein Referent, der den kranken Geistlichen für die Vesper vertrat und nun in die kleine Gemeinde aus älteren Männern und Frauen blickte.
"Mein Herz hält dir vor dein Wort: "Mein Antlitz sollt ihr suchen." Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz. Psalm 27, Vers 8. Wir feiern diese Andacht im Namen des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.", sprach er und es raunte "Amen" durch die Reihen. Das Blut stieg ihm in den Hals.
"Brüder und Schwestern, bald feiern wir Ostern. Wisst ihr, was das heißt? Wisst ihr, was das bedeutet? Es bedeutet, wir feiern, dass Gott eine neue Welt schaffen wird, dass er uns neu schaffen wird, dass er den Tod und die Hölle überwunden hat, um uns und alles neu zu machen. Wir kennen die heiligen Evangelien: Tod und Auferstehung Jesu Christi. Und wie leicht geht uns das über die Lippen? Wie leicht sagen wir das und wissen: Bald ist wieder Ostern. Sollten wir nicht innehalten, wenn wir daran denken, anstatt es einfach so über uns kommen zu lassen und einfach nur zu tun, was man eben so tut oder tun muss?" Jetzt lugte er hinter dem Türflügel hervor, um den Sprecher zu sehen. Ein junger Mann, ganz in schwarz, mit dichten schwarzen Haaren vor einer Gruppe grauer Häupter.
"Bald feiern wir Ostern. Der lebendige Gott hat sich seinen geliebten Kindern, uns, hingegeben, um uns zu erlösen und uns mit ihm zu versöhnen. Nun, wir sagen das, wir kennen das, aber was heißt das? Warum Erlösung? Warum Versöhnung? Wir zitieren das wie Kalendersprüche und bevor wir zu tief darüber nachsinnen, verweisen wir oft lieber auf ein Apfelessen im Garten Eden, was keiner versteht, oder sagen, letztlich sei es ein Geheimnis, Ratschluss Gottes, und so weiter, und wälzen in die Theologie, was eigentlich in unser Herz gehört! Dort aber, im Herzen, tut es möglicherweise weh und deshalb scheuen wir uns davor. Wenn wir aber dann in der Welt sehen, warum wir Erlösung, warum wir Versöhnung brauchen, dann sind wir schockiert und weinen. Zu Recht! Hoffentlich bewegt es uns so sehr, dass wir erkennen, was wir nötig haben, was alle Menschen nötig haben." Er hatte seine Hand in die Jacke und an den kühlen Griff der Waffe gelegt, doch sein Herz ging jetzt ruhiger.
"Denn wenn wir in diese Welt schauen und in unser Herz, wenn wir ehrlich sind, dann sehen wir, was uns so fehlt, woran es so sehr mangelt und wodurch wir uns selbst zugrunde richten. So viel Böses in der Welt, so viel Hass und Zorn und Gewalt! Und man meint, der Mensch habe das Gute verlassen und er sei letztlich auch von allem Guten verlassen. Blieben wir dort stehen, so müssten wir ja verzweifeln. Kein guter Gedanke käme in unseren Geist und nichts Schönes mehr in unsere Seele! Wie der Herr Jesus sagte: In der Welt habt ihr Angst. Was für ein böser Traum! Und deshalb mögen wir`s nicht anschauen und lassen es lieber einen bösen Traum sein und uns weiter treiben", der Prediger blickte in der Gemeinde umher.
"Wir können aber nicht richtig Ostern feiern, ohne alldas anzuschauen und in unserem Herzen zu bewegen! Denn dort, an Ostern, am Kreuz, wird alles offenbart, sowohl der Mensch wie auch Gott. Und wir hören den Menschensohn, wie unser Herr sich selbst nannte, wir hören ihn am Kreuz all das sagen, was uns auf der Seele liegt und das Herz schwer macht, wenn wir leiden, wenn wir unsere eigene Dunkelheit oder die Bosheit dieser Welt sehen: da sagt er: Mich dürstet!; wonach dürstet es ihn? Nach Wasser? Das sicher auch, aber es dürstet ihn nach Erlösung, nach Gott, nach seinem geliebten Vater. Denn auch das sagt er, wir kennen es alle: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Aber Gott hört nicht! Stellt euch vor, als ihr noch Kinder ward, und ihr seid in Not und ruft nach euren Eltern, aber sie hören euch nicht. Wie gut, wenn ihr es euch nicht vorstellen könnt! Aber manche können es sich vorstellen, denn sie sind in so einem Abgrund, in solch einer Finsternis gefangen und kennen Gott nicht, denn sie haben ihn nie kennenlernen dürfen." Jetzt kam er hinter der Tür hervor.
"Sondern sie rufen wie Hiob: Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?" Er sah ihn und nickte ihm zu.
"Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe mit den Königen und Ratsherren auf Erden." Er machte ihm Zeichen hereinzukommen und er trat ein wenig vor.
"Wie bitter muss das sein, wenn du dorthin und nur bis dorthin gekommen bist und den Tag deiner Geburt verfluchst und Gott nicht kennst? Wenn er dir verborgen ist, wie hinter einer brennenden Säule, wie hinter einem dichten Nebel, und du nicht weißt, ob er dich liebt oder hasst, ob er dich retten oder verderben will. Und deshalb müssen wir Ostern anschauen und Jesu Worte hören! Denn der Herr Jesus kannte seinen Vater, trotz aller Schmerzen und allem Kummer, und wusste, dass es nur eine kleine Weile ist. Da spricht er über seinen Peinigern: Vergib ihnen, Vater, denn sie wissen nicht, was sie tun; denn er kennt die Menschen und weiß, was Gott lange vorher gesehen hat: Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf. Da spricht er zum Schächer neben sich, von dem keine gute Tat mehr kommen kann, sondern nur noch Glaube: Amen, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein; denn wer auch immer zu Gott ruft, den wird er hören und wird ihn annehmen und seine Seele gesund machen! Da gibt er der Mutter einen neuen Sohn und sagt: Frau, siehe, dein Sohn!, und: Siehe, deine Mutter!; und die Mutter muss um ihren Sohn nicht mehr weinen, den sie an böse Hände verlor." Er sah ihn einen Moment lang an, wie er dort neben einer der hinteren Bänke stand.
"Alldas sollten Zeichen für uns sein, Wegweiser Gottes, die uns durch diese Finsternis führen und dann sehen wir Licht. All diese Worte sind Fackeln, die uns den Weg leuchten wollen! Sagt er nicht auch am Kreuz: Siehe, ich mache alles neu!? Nicht später sagt er das, sondern am Kreuz, im tiefsten Leid. Und wir wissen auch, dass jener Satz, den ich begann, noch weitergeht: In der Welt habt ihr Angst, doch seid getrost, ich habe die Welt überwunden! Und er sagt nicht: Ich werde die Welt überwinden, sondern er sagt: Ich habe die Welt überwunden. Und wir wollen uns umschauen und den Kopf schütteln und sagen: "Ja, wo denn? Was denn?" Was ist hier neu gemacht oder was wurde hier überwunden? Der Mensch ist unverbesserlich und es scheint immer ärger zu werden mit der Welt und alles Gute scheint wie unter Dornen gestreut.
Richtig, unter Dornen ist es gestreut. Dort wächst es zwischen Stacheln, Messern und Speeren, zwischen Geschossen, Granaten und Bomben, zwischen Paraden, Parolen und Flaggen, und alldem; und das nennt der Herr Jesus: Ich mache alles neu, und: Ich habe die Welt überwunden. Nur scheint uns das eine so übermächtig, weil es so laut, so grässlich und so schnell ist, und das andere so ohnmächtig, weil es so still, so sanft und so langsam ist. Und schnell lassen wir uns täuschen. Lassen wir uns täuschen? Dann bleibt uns nichts anderes, als auch bitter und hartherzig zu werden oder uns zu verschließen wie die Affen, die nicht hören, nicht sehen und nicht sprechen wollen, und wollen nichts mehr wissen von den Menschen. Denn wenn das Böse übermächtig ist, können wir nicht richtig trauern, nicht richtig weinen, sondern nur hart und kalt werden; ist euch das mal aufgefallen? Wir können nur richtig trauern und weinen, wenn wir eine Hoffnung haben, wenn wir wissen, dass es für alles eine Zeit gibt, zum Trauern, dann zum Freuen, wenn wir wissen, dass es nur eine kleine Weile ist und dann wird alles neu! Nur dann rühren sie uns auch, sowohl die Opfer als auch die Täter. Ihr habt alle mitbekommen, was vor zwei Wochen geschehen ist, der Anschlag, bei dem so viele Menschen umgekommen sind." Er merkte auf und wie auf ein Codewort griff er wieder tiefer in seine Jacke, umklammerte die Waffe und atmete schwer. Und er sah sich Luftholen und seine letzten Worte rufen: Alll..., doch das war nur in seinem Kopf.
"Und wie viele von uns, mich eingeschlossen, haben gedacht: Diese Monster, diese Teufel!, und wir wünschen ihnen nichts Gutes. Dieser Aufschrei, diese Wut und diese Verbitterung sind verständlich, doch dabei sollen wir nicht bleiben! Auch diese Täter sollten uns rühren, fällt es uns auch erst schwer! Denn wie dunkel muss es in solchen erst werden, dass sie diesen Weg gehen? Wie einsam und sinnlos muss ihnen das Leben sein, dass sie sich selbst und andere auslöschen? Wie verirrt und verblendet müssen sie sein, dass sie sich einreden lassen, es sei eine höhere Sache, der Wille Gottes und es warte auf sie das Paradies? Kein Paradies, sondern ein böses Erwachen, eine bittere Erkenntnis wartet auf sie: Alles umsonst! Was du getan hast, hast du umsonst getan! - Wie sehr muss man sich selbst hassen?
Und wer denkt an sie? Uns schmerzt das Herz und wir weinen um unsere Lieben, die wir verloren haben, singen ihnen Lieder, zünden ihnen Kerzen an und beten. Wer weint um sie, wer singt ihnen Lieder oder zündet ihnen Kerzen an und betet? Glaubt ihr, die sie ausgebildet und gesandt haben, weinen ihnen eine Träne nach? Nein. Sie schicken bereits neue Schüler in das Feuer. Alles umsonst! Könnte man ihnen das sagen: Was du suchst, wonach dich dürstet, das kannst du umsonst haben! Wie der Herr Jesus in seiner Offenbarung sagt: Und wen da dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. Was dazu nötig ist, sagte er ebenfalls am Kreuz: Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist. So starb er. Und er wachte wieder auf! Er hat all dieses Böse, all diesen Hass, all diese Gewalt durch Liebe und Hingabe vernichtet. Was uns so ohnmächtig erscheint, ist die stärkste Kraft auf Erden und im Himmel: die Liebe. Sie lässt all dieses Übel verwehen, wie ein dunkles Gewitter, das abzieht; sie macht uns frei, vollkommen frei gegen alles und jeden und sie gibt uns das Leben. Denn dieser Gott, das zeigt uns Ostern, ist der Gott des Lebens. Es gibt keinen Tod bei ihm, es gibt keine Dunkelheit bei ihm, es gibt keine Bitterkeit bei ihm. Und dieser Mensch, auch das will uns Ostern sagen, dieser Mensch, der Gott glaubt und vertraut und sich ihm hingibt, der wird leben und wird den Tod nicht sehen. Dann ist der traurige Verlust hier, der uns schmerzt, am Ende nur eine Verwandlung, ein Umkleiden, ein Ausziehen des irdischen Menschen und ein Anziehen des himmlischen Menschen. Dann sind diese bösen Werke hier, die uns so erschrecken, am Ende nur ein Grollen, das Knurren eines Feindes, der längst besiegt ist, der weiß, dass er kaum noch Zeit hat und dann wird Gott ihn ausblasen wie eine Kerze. Wenn wir das glauben, dann ist dieser Feind als erstes dort besiegt, wo er so viel Böses, so viel Sorge, Angst und Zorn anrichtet: in unseren Herzen.
Denken wir daran! Halten wir inne und denken daran, was er uns gesagt hat: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte. Amen." Wieder raunte es "Amen" durch die Reihen und als das nächste Lied angestimmt wurde, wurde ihm gewahr, dass er in einer der hinteren Bänke saß, wo er gestanden hatte, und in seinem Geist, in seiner Seele war es still.

Die Vesper verging und als die Damen und Herren sich zum Ausgang bewegten, manche ihn mit scharfen, kritischen Blicken schnitten, da saß er nur da, ganz in sich selbst und in diesem Raum.
Der Prediger trat auf ihn zu und sprach zu ihm:
"Guten Abend!", und er schaute nur zu ihm und nickte.
"Möchtest Du mit mir reden?"
"Ja... ja, ich möchte mit Dir reden." 


Mittwoch, 14. September 2016

Sebastian

Wärme drang durch den Takenschrank aus der Küche in die Stube. Kerzen warfen Schattenspiele in den kargen Raum. Der Vater war nochmal nach draußen zu den Tieren gegangen, wo der Wind pfiff, weil er irgendwas vergessen hatte. Die Mutter streifte ihm das Nachthemd über und strich ihm die Haare glatt. Sie roch nach Teig und Essen und Arbeit.
"So, zu Bett!"
"Darf ich nochmal zur Marlene?"
"Aber schnell", sagte sie und er lief nach nebenan.
Marlene lag in einem Bettchen in der Nähe der Eltern, weil sie krank war. Weiß wie Schnee und abgemärgelt, lag sie schon ein Jahr so; niemand wusste, was ihr fehlte, und im Dorf meinte man: Das Kindlein macht`s nit mehr lang, bekreuzigte sich und sagte: Jesus Christus. Der Priester war schon bei ihr gewesen zur Todesweihe, und wie es dauerte, kam er alle paar Wochen oder gar Tage mit seinem Brot und seinem Öl und seinem Latein.
Sebastian ging jeden Abend noch einmal zu ihr, bevor er sich schlafen legte, denn man wusste ja nie und Schlafes Bruder, hieß es, sei der Tod; das verstand er schon. Er setzte sich an den Bettrand und seine Schwester blinzelte ihn aus kleinen grauen Augen an. Ihr schmaler Kopf schien auf dem dicken Kissen wie der einer Puppe und ihre Händchen auf der Decke sahen aus wie Mäusepfoten. Zwei braune Zöpfe fielen links und rechts von ihr und glänzten fettig, die Mutter konnte sie waschen, so oft sie wollte.
"Was machen we morgen?", fragte sie ihn und lächelte erwartungsvoll.
"Morgen? Morgen geh`n we zuerst zum Fluss runter und bauen unsern Wall weiter. Gut?"
"Ja is gut. Aber geh`n we auch wieder bei dem Baum gucken? Da war doch das Nest mit den Vögelchen. Geh`n we da auch hin?" Das Sprechen fiel ihr bereits schwer und zum Ende hin wurde sie immer leiser.
"Die Vögelchen sind doch nit mehr. Die sind doch schon fort", sagte er.
"Ahja, die sind fort", erinnerte sie sich und die Lider wurden ihr träge.
"Sind davongeflogen."
"Ja, in den Himmel." Sie schloss die Augen und er wartete noch etwas, das tat er immer, und sah sie an, ob sie die Augen nochmal öffnen und etwas sagen werde, oder etwas anderes. Dann kroch er in sein eigenes Bett, und wenn die Mutter das Petroleum dämmte und auf dem Vorhang Licht und Schatten wanderten, horchte er auf den Atem seiner Schwester und malte sich aus, sie würden zum Fluss gehen, Wälle aus Steinen in das klare Wasser häufen, Nüsse und Beeren sammeln und nach Vogelnestern Ausschau halten. Und alles war nicht mehr so schlimm.

Er musste früh aufstehen, da der Weg zur Schule weit war. Und auch, wenn der endlose Feldweg ins nächste Dorf mit der Nacht die wenigen Gelegenheiten zum Träumen waren, auf den Feldern im Frühling der Pflug durch den Acker grub und die Kühe mit ihren Kälbern grasten, im Sommer große Heuballen in der Sonne glühten und die Bauern das Getreide ernteten, im Herbst alles kahler und stiller wurde und im Winter der Schnee glitzerte und unter seinen Sohlen knirschte, so hatte er doch nicht viel Zeit dazu und durfte nicht zu spät kommen, sonst gab es Schläge und man musste sich in die Ecke stellen. Auf dem Heimweg sammelte er für Marlene seltene Steine, pflückte ihr Blumen oder fand schöne Federn, die Vögel verloren hatten, und dachte sich aus, wohin er sie abends mitnehmen konnte. Wieder zuhause musste er nach Tisch dem Vater auf dem Hof helfen, dessen Rücken oft schmerzte, und weil er ungeschickt war, sah er ihn oft kopfschüttelnd seufzen: "Was wird das noch werden?", und manchmal schickte er ihn weg und sagte überdrüssig: "Na, mach dich ab!" und er antwortete dann: "Ja Vatter" und hatte Schuldgefühle, weil er dem Alten noch mehr Arbeit machte als ohnehin. Dann ging er zu den Feldern oder zum Fluss, schaute den Vögeln nach und vergaß den Vater schnell und dachte wieder an Marlene und an Reisen mit ihr, überlegte sich Geschichten oder Anekdoten oder was sie heute in der Schule gelernt hatten oder wie es auf den Feldern aussah. Und manchmal wurde ihm gewahr, wie es um seine Schwester stand oder dass niemand wusste, wie es um sie stand, niemand außer diesem Gott hinter dem ganzen Brot und Öl und Latein. Und dann weinte er um Marlene, bis der Vater nach ihm pfiff oder die Mutter rief.

So ging es und eines Nachts, als er unter dem Atem der Schwester schon eingeschlafen war, hörte man nur noch ein kehliges Gurgeln und ein hektisches Scharren und Schritte, sah die Lampe entflammen und auf dem Vorhang Schatten und Licht wandern und wusste den Vater wieder kopfschütteln und seufzen und die Mutter weinen.

Im Dorf sagte man: Jesus Christus und bekreuzigte sich und meinte: So geht`s zu in der Welt.
Und die Felder, auf denen im Frühling der Pflug durch den Acker grub und die Kühe mit ihren Kälbern grasten, im Sommer große Heuballen in der Sonne glühten und die Bauern das Getreide ernteten, im Herbst alles kahler und stiller wurde und im Winter der Schnee glitzerte und unter seinen Sohlen knirschte, diese Felder sah er noch sehr oft.



Dienstag, 12. Juli 2016

Stammtischparolen

Drei Herren in einem gehobenen Lokal zu später Stunde, bei gutem Wein, Zigarren und glänzendem Piano.
"Ich meine", sagt der eine, "nach reiflicher Überlegung, man muss sie verunsichern. Es ist die Zeit für Verunsicherung. Das gemeine Volk hat sich eingerichtet und zehrt noch vom vergangenen Aufstieg, von den Werken ihrer Mütter und Väter und meint, es bliebe immer so, eine Wonne ohne Ende. Sie machen sich ja auch gar keine Ideen, man ist schon lange nicht mehr auf der Hut, schließlich brennen hier ja immer die Laternen und wenn nicht die, dann irgendein Schaufenster, irgendeine Reklame, irgendeine Bushaltestelle. Sie schlafwandeln durch das Leben, scheint mir, benebelt von ihrem Wohlstand, von dieser ganzen Propaganda, was man haben kann und haben muss, abgefüllt und träge von Speise und Trank, aber auf der Suche nach Schnäppchen, während anderswo die Kinder an ihren Nägeln kauen oder in die Tischplatte beißen, schon zahnlos und mit aufgeblähten Bäuchen, weil sie nur Luft zu Essen kriegen, will man meinen." Er nippt an seinem Wein.
"Sie gewahren ja jetzt schon nicht, wie sie rumgescheucht werden, wie dumme Hühner, von einem Geschäft zum nächsten, von einer Attraktion zur nächsten, von einem Angebot zum nächsten, und so weiter und so fort. Es tut schon lange keiner mehr, was er will oder entschieden hat, sondern sprich nur ein besseres Angebot, so wird die Brieftasche geöffnet, ha! Kann man es doch bei jeder Neueröffnung mitansehen: wenn es irgendwo was zu holen gibt, dann kreisen sie wie die Geier um das Aas, und wenn die Türen geöffnet werden, stürmen sie los und trampeln sich fast zu Tode, was für ein Spektakel! Und dieser ganze Widersinn: der Wohlstand sprengt ihnen fast die Knöpfe vom Hosenbund, doch fürs Schönheitsideal hungern sie sich wieder auf somalische Verhältnisse herunter; freiwillig! Die Frauen haben keinen Busen und kein Becken mehr und lassen sich mit Kunststoff auffüllen, wenigstens für den Schattenriss, die Männer streichen sich übers Haar und achten auf ihren Teint und sowas. Was für ein Spektakel!" Er hält inne und betrachtet seine Nägel.
"Flattergeister! Der Spiegel ist ihr Altar. Sie stehen davor und sagen: Spieglein, Spieglein an der Wand... und lassen sich antworten: Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land; weiß doch jeder, dass Spiegel lügen. Wäre er ehrlich, würde er sagen: O Jungfer Königin, da du gangest, wenn das deine Mutter wüßt`, das Herz tät ihr zerspringen. Aber so ist es und es reicht ihnen, ihren Spiegel sprechen zu lassen, was sie ohnehin hören wollen. Sage irgendeiner etwas anderes, so behaupten sie: Ich habe noch nie etwas drum gegeben, was andere von mir denken!, tänzeln aber täglich auf allen Plattformen und Bühnen herum und brüllen: Gefalle ich euch, gefalle ich euch?!, was für ein Spektakel! Natürlich sind sie alle aufgeklärt und autonom, ha, aber huldigen Göttern, die so alt sind wie die Menschheit selbst; die Selbsttäuschung, die alte Schlange." Er nimmt einen großen Schluck Wein.
"Sterben? Nicht doch! Sondern Er weiß, wenn ihr esst, werdet ihr sein wie Er... Ha, sie haben schon den ganzen Baum kahl gefressen; ginge es nach ihnen, sie hätten die Schlange wahrscheinlich gleich mit runtergewürgt. Ja, ich meine, man muss sie verunsichern. Da ist nicht viel dabei! Wie war es bei Mose: das Wasser wurde blutig, Frösche, Mücken, Fliegen und Pest verseuchten Hab und Gut, Land und Leute des Pharao, Pocken schlugen die Menschen, Hagel bombadierte sie, dann die Heuschrecken, die das Übrige vertilgten, dann die Finsternis und dann der Erstgeborenen Tod. Kein Zauberwerk, nein, nein; die Wasser sind schon lange blutig. Oder was wird da an die Strände geschwemmt? Nur genügt dies nicht. Sie empören sich drüber und rufen: Was wird da an die Strände geschwemmt!, machen rührende Bildchen und Proklamationen: So kann es nicht weitergehen; wann hat dieses Leid ein Ende?!, während sie sich die fettigen Finger ablecken. Nein, sondern kratze an dem, was ihnen lieb und teuer ist, an ihrer Selbstzufriedenheit, an ihrem In-den-Tag-hinein, an ihrer Illusion der menschlichen Natur, die eben nicht nur aus einer Reihung von Fotos und Kalendersprüchen besteht, sondern tief und dunkel ist. Wenn das Schlimmste ein Falschparker oder eine unfreundliche Kassiererin ist, vielleicht noch ein gestörter Serientäter, von dem man aber dann sagen kann: Naja, er ist krank!, oder: Wir sind ganz schockiert, wir haben nie etwas geahnt!, dann stumpft der Blick doch mit der Zeit ab. An sich selbst lernen sie`s ja doch nicht, denn das moderne "Erkenne dich selbst" ist vollkommen fehlgeleitet und verblendet, und die eigenen Abgründe werden mit "Na, wir machen alle mal Fehler" verspachtelt. Und wenn Erkenntnis nicht gewonnen wird, so muss sie eben zugefügt werden! Also sende ihnen Frösche und Mücken und Fliegen, Pest und Pocken, Hagel und Heuschrecken, Finsternis und... ja." Er atmet tief nach dieser Rede.
"Mein Freund", spricht der andere, "ich muss ja vielem zustimmen von dem, was du gesagt hast. Das aber: was wissen sie denn nicht? Oder was haben sie nicht erkannt? Wissen sie es nicht? Ist nicht über all dies schon so viel geschrieben und gepredigt und gelehrt worden, dass darin keine Unklarheit mehr möglich ist? Ganze Regale stehen voll mit derlei Büchern, allerlei Gotteshäuser werden damit gefüllt, nicht mal mehr in die Kirche müssen sie dafür gehen. Es wissen alle und es nicken auch alle, solange man nicht sie persönlich meint. Du sagtest es ja selbst: die Empörung ist groß, die Anteilnahme ist groß, ebenso die offene Anklage gegen Übel und Übeltäter; und bei der unsympathischen Verkäuferin haben sie es bereits wieder vergessen, nicht wahr? Man schenkt ihr kein Lächeln und rettet damit vielleicht ihren schlechten Tag, sondern zürnt ihr und flucht ihr insgeheim Böses an den Hals. Aussprechen werden das die Wenigsten, doch das ist es eben, dass sie immernoch nicht eingesehen haben, dass alles bereits Innen stattfindet und dort geschieht, was äußerlich nicht abgebildet wird; oder manchmal eben doch. Immernoch machen sie einen Unterschied zwischen Innen und Außen, zwischen Herz und Hand, zwischen Gesinnung und Vollzug, streicheln sich selbst über die Schulter und sagen sich: Ach, ist schon gut!" Er streicht die Serviette vor sich auf dem Tisch glatt.
"Und das hat nichts mit Unwissenheit zutun. Es ist bekannt und wenn sie es hören, stimmen sie zu: Ja, ja, das ist richtig!, und denken sich, das sollten die Leute doch endlich mal begreifen, haben aber selbst gerade jemanden erdrosselt, sind der Frau oder dem Mann untreu gewesen, haben jemanden überfahren, jemanden betrogen, einem all seine Sachen gestohlen, das Kind an die Wand geschmissen, Rufmord begangen, ein Feuer gelegt oder was auch immer. Ist das nicht heuchlerisch? Und was bitte, mein lieber Freund, ist hier unbekannt? Welche Erkenntnis sollte zugefügt werden? Sagtest du nicht selbst, sie haben den Baum schon kahl gefressen? Und erkennen`s noch nicht? Nichts ist abgestumpft am Blick, sondern sie ignorieren es, schließen die Augen oder schauen woanders hin. Also meine ich, man soll ihnen das Innere nach Außen kehren. Ohne Ermahnung, ohne Frösche und Mücken und Fliegen, ohne Pest und Pocken, ohne Hagel und Heuschrecken und dergleichen. Sondern halte ihnen den Spiegel vor, den richtigen, nicht diese Lügner, die sie schön nennen, obwohl sie hässlich sind, doch auch nicht diese Ermahner und Klagerufer, die vom Herzen der Mutter reden, wo doch die Mütter das gleiche tun wie die Töchter. Nein, sondern den, der das Wesen zeigt; ein Menetekel. Sende ihnen Täter, die äußerlich abbilden, was alle mit Innerlichkeit, mit straffreien Gedanken und Gefühlen rechtfertigen, Handwerker statt Herzchen, Vollzieher statt Gesinnte." Er zuckt gespielt mit den Schultern.
"Ob dabei jemand zur Einsicht kommt? Nun, bleiben nicht immer welche übrig? Die können dann neue Bücher schreiben oder Fachvorträge darüber halten, wie das alles nur geschehen konnte und dass man es hätte wissen müssen et cetera. Nicht wahr?" Er schaut den dritten an, der bedächtig an seiner Zigarre pafft und eine dicke Qualmwolke von sich gibt.
"Meine Herren", sagt der schließlich nach einer Weile, "Sie schwelgen doch beide sehr, muss ich sagen. Sie sind sehr bemüht, das sehe ich wohl, doch warum? Lassen Sie die Dinge einfach laufen, wie sie laufen. Der Mensch wird für sein Übel schon selber sorgen. Denn es ist so: als der Mensch geschaffen wurde, da ist ihm der ganze Widerspruch miteingewachsen, wie ein feiner Haarriss im Fundament; und man fragt sich: Kann man darauf bauen? Nun, es wurde darauf gebaut und seither geht ja letztlich alles, wie es gehen soll. Lass alles zusammen wachsen, geschnitten und getrennt wird am Ende. Ich weiß wohl, Sie halten mich für quietistisch, aber bitte, meine Herren, wer von uns rührt denn einen Finger, ohne dass er geschoben oder gezogen wurde? Wer tat denn je, was er wollte oder entschieden hat? Das ist keine neue Weisheit, sondern uraltes Gesetz. Selbst Ihr Eifer ist entzündet, oder sagten Sie sich etwa heute morgen: Ich will und werde heute abend in Feuereifer ausbrechen! ? Doch wohl nicht. Dafür waren Ihre Reden viel zu überschwänglich. Gut, gut, aber bitte, nicht so grimmig. Trinken Sie, rauchen Sie, bitte, genießen Sie den Abend und die große Ordnung, die Harmonie der Dinge. Und seien Sie gewiss, es wird alles an sein Ende kommen. Auf Ihr Wohl!" Er prostet ihnen zu.
Der Kellner nähert sich.
"Die Herren, ich habe jetzt Feierabend. Dürfte ich bei Ihnen schonmal abkassieren?"
"Aber selbstverständlich", sagen sie und geben ein hohes Trinkgeld aus.
Die späte Luft ist angenehm warm, der Blick reicht vom Balkon über den großen See zu schwarzen Tannen am Horizont. Eine Dame ist an das Piano getreten, vereinbart sich durch Blicke mit dem Pianisten und singt: Nein, nichts von nichts. Nein, ich bereue nichts.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Den Kindern ihr Himmelreich

"Hörst du?"
"Ja."
"Ich habe die Rede fertig, hörst du?"
"Ja", sagte er.
"Also: Mein lieber Engel, wir sind so glücklich und dankbar, dass wir Dich bei uns haben. Du erfüllst unser Leben mit so viel Freude und es vergeht kein Tag, an dem wir Dich nicht ansehen und Gott danken, dass er uns ein so wundervolles und schönes Kind geschenkt hat ...", sie sah ihn an.
"Ja ...", seufzte er.
" ... Deine blauen Augen leuchten immer so groß, wenn Du etwas Neues entdeckst, und wenn Du lachst, dann erfüllt es jeden Raum, ..."
"Ja ...", er sah sie an.
" ... dass man all die eigenen Sorgen und trüben Gedanken vergisst. Sie werden so unbedeutend, wenn Du vor Freude strahlst und Deine kleinen Händchen dabei schüttelst, als würdest Du Dich auch noch über diese Freude freuen. Es ist so herrlich, das mitanzusehen, ..."
"Ja ...", er rieb sich die Schläfe.
" ... zu sehen, wie Du immer mehr lernst und entdeckst in dieser großen Welt, ..."
"Schatz ..."
" ... wie Du Dich für die kleinsten Dinge begeistern kannst, Dinge, die für uns so selbstverständlich und nebensächlich geworden sind, für Dich sind sie lauter Wunder. Und wie ungetrübt und rein Du in diese Welt blickst, noch so unschuldig und ehrlich, dass wir endlich die Worte Jesu verstehen: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, ..."
"Schatz .."
" ... kommt ihr nicht ins Himmelreich ..."
"Schatz."
" ... Du zeigst uns, was wirklich wichtig ist im Leben und jeder Tag mit Dir ist ein Geschenk. Wir lieben Dich."
"Schatz!"
"Ja?", sie sah ihn an.
"Schatz ...", er nahm ihre Hand.
"Wie findest du es?", fragte sie.
"Es ist sehr schön, mein lieber Schatz, ... aber ... du musst es in der Vergangenheit schreiben."
Sie betrachtete ihn einen Moment, sah nach unten, einen Moment, dann wieder zu ihm.
"Aber nicht: Wir lieben Dich."
"Nein. Nicht: Wir lieben Dich; das bleibt."
"Und: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so kommt ihr nicht ins Himmelreich; das bleibt auch."

Montag, 23. Mai 2016

Menschlein,
Staub oder was du bist,
Staub und Sterne, Sternenstaub.
Aus Erde und aus Geist,
diese Unvereinbaren, diese Widersprecher,
göttergleich, ein Ebenbild,
doch in deinem Herzen ist es dunkel.
Warum weiß keiner,
das weiß ja nie einer.
Menschlein,
was wird dich entzünden?

Freitag, 13. Mai 2016

Das Ende eines Tages

Vor ihm lag ein Rapsfeld.
Er stand an einer einsamen Haltestelle, wartete auf den Bus und dachte über den Tag nach.
Dieser Tag.
Der Chef hatte ihn heute morgen wieder angeranzt, weil er zu spät gekommen war.
Das lag am Bus. Er hatte schonmal versucht, es zu erklären, aber wenig Verständnis bekommen.
Wenn er morgens den ersten Bus nahm, um viertel vor sechs, dann schaffte er es mit dem Fußmarsch von der Haltestelle zum Betrieb fast exakt pünktlich zum Dienst. Wenn der Bus direkt durchfuhr.
Auf der Strecke gab es vier Haltestellen und es stiegen nur wenige Leute ein, die meisten fahrende Stammgäste, wie er, mit Monatstickets, die nicht lange mit der Bezahlung aufhielten oder mit der Beschreibung, wohin sie eigentlich wollten und was sie überhaupt eigentlich wollten und so weiter. Sie stiegen meist wortlos ein, setzten sich wortlos, stiegen an ihrer Station wortlos wieder aus, wie er.
Doch an der dritten Haltestelle machten die Fahrer häufig eine Pause. Die Türen wurden geöffnet, der Motor wurde abgestellt, einer biss in sein Brot, ein anderer blätterte in einem Magazin, wieder ein anderer tippte auf seinem Handy rum. Und während die paar anderen Fahrgäste scheinbar ungerührt in ihrer Schlaftrunkenheit hockten, wurde er sekündlich immer unruhiger, blickte ständig auf die Uhr und sah seinen knappen Vorsprung dahinschwinden.
Einmal hatte er den Mut gefasst den Fahrer anzusprechen, was eigentlich nicht seine Art war, weil er nur schwer von anderen etwas fordern konnte, ohne sich unhöflich vorzukommen, und weil er fast immer davon ausging, dass Dinge, die getan wurden, wohl ihren Grund und ihre Berechtigung hatten. (Die Pause war sicher vorgeschrieben, der Zeitplan musste eingehalten werden oder der Fahrer war schon die ganze Nacht auf einer anderen Linie unterwegs gewesen, oder irgendwas.)
Doch einmal sprach er ihn eben an, nachdem der Fahrer den Motor erst länger hatte laufen lassen, als fahre er augenblicklich weiter, ihn dann aber doch abgestellt hatte.
"Entschuldigen Sie. Warum fahren Sie nicht weiter?"
"Vorgeschriebene Pause."
"Ah ja... Nur ich muss zur Arbeit, wissen Sie, das wird sehr knapp für mich."
"Und ich mache hier meine Arbeit. Tut mir leid."
Also standen sie da, eine Station vor seinem Ziel, und der Tag bekam schon einen üblen Beigeschmack, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte.
Sein Chef wütete aus seinem Büro hinter ihm her, immer mit der Drohung, er werde das nicht mehr lange mitmachen, was man ernstnehmen konnte oder auch nicht; er wusste es nicht. Es hatte bereits Personaleinsparungen gegeben. Er arbeitete seit zwei Jahren mit der Angst im Nacken, entbehrlich zu sein und gekündigt zu werden. Damals wurden manche versetzt, einige mit Abfindungen weggeschickt, einige bei gegebenem Anlass gefeuert. Die Stimmung war mies. Die frühere kollegiale Bande gab es nicht mehr und die Arbeit wurde schlampiger. Jeder schien jedem verdächtig und mit der Zeit verachtete jeder jeden ausreichend, um schlecht zuzuarbeiten. Drei Kollegen hatten selbst gekündigt, betont mit der Begründung: "Ich hab` hier keinen Bock mehr!"
Er verachtete seine Kollegen nicht. Er bemühte sich, zu allen freundlich zu sein, ordentlich zu arbeiten, alles an seinen Platz zurückzulegen und wichtige Infos für sie zu notieren. Vielleicht sah sein Chef das ja doch und schmiss ihn deshalb nicht raus. Doch wenn er das Chaos sah, das die Mitarbeiter hinterließen, fragte er sich oft, warum er sich eigentlich die Mühe machte und kam darauf, dass er es wohl für sich selbst tat, für seine Gerechtigkeit.
"Unser feiner Schneider!", hatte ein Kollege ihn mal schnippisch kommentiert, als er auf etwas im Arbeitsablauf hingewiesen hatte.
Das waren Tage, Tage wie dieser, an denen er an der einsamen Haltestelle stand und sich fortwünschte.
Dann, wenn wirklich niemand mit ihm dort stand, schloss er die Augen und ließ sich über das Rapsfeld hinwegschweben in die Luft, ließ sich vom Wind über Dörfer und Äcker tragen, über die Städte und Großstädte, weit oben, mit Spielzeugautos in den Straßen unter sich, über die Flüsse, auf deren Oberflächen das Sonnenlicht tanzte, mit Vogelzügen um sich, wie Tierfilmer es erst nach mühsamer Annäherung und mit aufwendiger Technik schafften, hin zum Meer, über die zahllosen schäumenden Terrassen und sich wandelnden Gestalten, die aus sich selbst entstanden und in sich selbst vergingen.
Dann dachte er, dass er am liebsten Schriftsteller geworden wäre. Einer, der großartige Erzählungen schreibt, vom echten Leben, von echten Menschen und von echten Gedanken und Gefühlen und alldem. Gab es etwas Schöneres?
Dann kam der Bus.
Zuhause strahlte ihn sein Sohn an. Er machte an den Händen der Mutter die ersten Schritte.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Gute Nacht

Ich seh Dich an,
Du siehst mich an und dann
dunkeln Nachtschatten deine Augen,
oder werd ich nur blind,
bis alles vor den Augen unwirklich,
alles in den Ohren immer wahrer wird.

Ich hör Dich an,
Du hörst mich an und dann
überstimmt die Stille deine Klänge,
oder werd ich nur taub,
bis alles in den Ohren unwirklich,
alles in den Sinnen immer wahrer wird.

Ich fühle Dich an,
Du fühlst mich an und dann
fühlt es sich an,
als säh ich Dich.

Gute Nacht.

Freitag, 25. März 2016

Ich bleibe liegen

Abends im Bett liebte er die Stille, die lediglich vom Umblättern der Seiten unterbrochen wurde, wenn seine Frau ein Buch las, was sie eigentlich jeden Abend tat. Er hatte schonmal darüber nachgedacht, ob er die Stille ansich liebte, oder vielmehr dieses Umblättern, doch es war sicher beides gemeinsam, ja, es war beides gemeinsam. Es war eine Stille von Anwesenheit, etwas ganz Besonderes, wenn man den ganzen Tag das Dröhnen von Maschinen im Ohr hatte. Keine einsame Stille, wie von diesen Paaren, die sich nichts mehr zu sagen haben, die einander überdrüssig geworden sind, oder sich gar schon hassen, aber weiter Gewohnheiten pflegen; nein, eine schöne Stille, bei der, würde einer von ihnen zu sprechen beginnen, die Stimme so klar und eingehend klingen würde, wie Gespräche in der Dämmerung auf der Terrasse, als hätte dieser Raum gar keine Decke, sondern würde direkt ins Sternenzelt spähen. So war nämlich auch dieses Umblättern der Seiten, das sie so bedächtig tat, es füllte den ganzen Raum, ließ ihn, wenn er schon einnickte, immer wieder ein wenig erwachen und dann tiefer in den Schlummer sinken. Auf den letzten Zeilen nahm sie das Blatt schon zwischen die Finger, hielt ein, blieb an den letzten Worten, als wolle sie nur ja beim Umschlagen den Sinn des Satzes nicht verlieren, und blätterte dann ganz langsam auf die nächste Seite. Hatte sie genug gelesen, wog sie das Buch noch einen Augenblick in den Händen, strich über den Deckel und betrachtete das Cover. Er wusste es, auch wenn er an diesem Punkt meist bereits eingeschlafen war.
Das liebte er. Die Stille, die es nur mit ihr gab, das Umblättern der Seiten, und seine Gedanken hinter geschlossenen Augen, diese letzten, die immer langsamer wurden, sodass man sie fast einzeln anschauen konnte wie Edelsteine, bevor sie in den Schlaf wegdunkelten.
Dann war er auf ihren Wanderungen in den Wäldern und Bergen im Süden, die sie durchzogen und bezwungen hatten, stand mit ihr im rauhen Sand, den die Ostsee unter ihren Sohlen wegspülte, dass man einsank, mit diesem Geruch von Salz in der Nase und der Lake auf der Haut. Sie hatte die Wälder und Berge lieber, den Duft von Nadelbäumen und den weiten Blick in die Täler, in welche die Wolken unter der Mittagssonne dunkle Flecken pinselten; ihm lag der Norden mehr, das weite Land und der Horizont, wo der Himmel und das Meer wie zwei Arten von Wassern zusammenschmolzen, oder wie zwei Arten von Himmeln.
Dann baute er mit Erik Modellflugzeuge und diese dreidimensionalen Puzzle, an denen sie wochenlang gesessen und auf die sie geschimpft hatten, und schließlich sich selbst gefeiert, wenn sie es endlich vollbracht hatten. Erik hatte immer bis zum Schluss durchgehalten und nie die Lust verloren, wie es ja vorkam bei Kindern, wenn Etwas Ausdauer und Geduld erforderte. So manches Mal hatte er ihn vom Sofa gezogen, um das Puzzle weiterzumachen, immerschon zielstrebig und ehrgeizig und ein guter Junge.
Dann war er mit seinen alten Freunden auf ein Bier beim "Gruber", als man drinnen noch rauchen durfte, in diesem Nebel, durch den die Lichter der Spielautomaten hindurchflimmerten, die alle paar Minuten einen hupenden Jingle abspulten, und neben denen gelegentlich Einer lehnte und irgendwas drückte, mit ernstem Blick, als sei er ein Experte für dieses hochkomplexe System. Die Typen standen dort immer gleich, den rechten Arm an den Automaten gestützt und die linke Hand in die Hüfte gestemmt, und kam mal ein Mädchen herein, zogen sie sogar den Bauch ein.
Dann saß er auf Balkonen und Terrassen von Verwandten, lachte und stritt mit ihnen über Gott und die Welt und das Leben, bis in die Dämmerung, wenn die Stimmen klar und eingehend klangen und alles intimer wirkte in den Worten, in den Bewegungen, in der Beleuchtung, der Dunkelheit, der Stille.
Er seufzte in den Duft der frischen Bettwäsche hinein und wusste, dass sie jetzt zu ihm blickte, diese wachen und aufrichtigen Augen, in denen tief innen immer etwas Sorge durchschimmerte.
"Morgen bleibe ich liegen", sagte er und lächelte leicht. Sie erwiderte nichts, sondern strich nur über seinen Arm und blätterte dann die Seite um. Dann schlief er ein, tief.

"Du bist ganz grau. Richard? Richard?"
Die Morgensonne stand im Zimmer, glänzte durch die Profile der halb geöffneten Rollladen, in deren Lichtbahnen man jedes Staubkorn schweben sehen konnte, die wild herumwirbelten, wenn man mit der Hand hindurchfuhr. Je nachdem, wie das Licht fiel, leuchteten sie wie goldene Steinchen, wie Edelsteine.

Dienstag, 1. März 2016

Tiger

Wann immer ich daran zurückdenke, wie er gestorben ist, mischen sich Bedrückung und Faszination in meinem Innern, und lassen diese längst vergangene, unwirkliche Begegnung in meinem Geist neu geschehen. Unwirklich, nicht etwa, weil die Erinnerung nachgelassen hätte, sondern weil es eine solche Erfahrung war, die vielmehr tief im Wesen, im Blut stattfindet, als dass sie vor einem abläuft. Dies macht sie zwar direkter und intensiver, doch weniger durchdacht und schlechter erinnerbar, kennt man es doch von dergleichen Erlebnissen, die eben im Blut stattfinden und nicht im Kopf, wonach der Mensch doch immer sucht, was ihn in Abenteuer und Betten schickt, und wenn sie geschehen sind und er heraussteigt, weiß er gar nicht mehr, warum er sich eigentlich hineingestürzt hat, als nur für diesen Moment im Blut. So ist das, so war das, ja...
Und immer, wenn ich zurückdenke, gleiten meine Finger über das Andenken um meinen Hals, das- glatt wie ein Handschmeichler- an einem schwarzen Band unter meinem Kehlkopf gezurrt ist. Längst ein Talisman über Leben und Tod, groß und unübersehbar, doch er hätte nicht auf einen Schreibtisch oder in ein Regal gehört; sondern dort, auf der Luftröhre, da gehört er hin. Es ist ein Zahn, sein Zahn. Ich habe ihn damals rausgeschnitten und mitgenommen, wahrscheinlich, um auch etwas für Außen zu haben, nicht nur das Innere, das Feuer im Blut, welches so schnell verblasst, wenn man wieder munter am gedeckten Tisch sitzt. Etwas zum Fühlen, für die Sinne, das einen erinnert, und wenn man sich erinnert, das man eben fühlen kann. Bis es wieder innen angelangt, im Blut...
Damals trampelte ich durch dichtes, leuchtend grünes Blätterwerk, Pflegehelfer eines Hilfswerkes im tiefsten bengalischen Dschungel, in einem Dorf namens Aporasi. Der Transporter war etwas außerhalb abgestellt, da das Gelände zum Dorf zu unwegsam gewesen war, und man hatte mich losgeschickt, um Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel zu holen. Das erste Stück blieb ich auf dem schmalen Feldweg, der zwischen Wald und hüfthoher Getreidewand hindurchführte, und dessen rostfarbene Erde bei jedem Schritt kleine Staubwolken die Knöchel hochpustete. An das Klima hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt und so schleppte ich mich, eher wie ein nasser Sack denn wie ein Mensch, mit der missmutigen Erinnerung, wie lang der Weg vom Transporter zum Dorf gedauert hatte; eine mit Rucksäcken, Koffern und Kanistern bepackte Karawane aus Mitteleuropäern, feuchte Bleichgesichter, die von allen Seiten durch Fliegen und Mücken attackiert und angezapft worden waren. Da hatte sich die Angriffsfläche auf Mehrere verteilt, hier war nur ich, ein schwitzender Magnet für dieses Luftvolk, wie den Motten das Licht.
Ich beschloss, die langgestreckte Kurve zum Wagen direkt durch den Wald zu schneiden in der festen Überzeugung, ich müsse einfach nur geradeaus gehen. Der Wald war ein echter Wald, nicht wie zuhause, ein Ur-Wald, wo die Natur noch dem Menschen Gott war und nicht umgekehrt, ein dunkles Reich, doch durch die Lichtschneisen im Blätterdach und die Feuchtigkeit der Luft intensiv grün, eine Welt der Baghiras, Balus und Moglis, voller Geister und Geschichten. Blätter, groß wie Tennisschläger, rieben quietschend an mir entlang und peitschten hinter mir zusammen, Lianen und Gestrüpp streiften mein Gesicht, und das dicke Wurzelwerk ließ mich über einen Teppich aus Laub und Ästen stolpern. Aus jeder Richtung knackte, zirpte, heulte oder krähte etwas, wie hätte es auch anders sein sollen, und als ich mich umsah, um vielleicht doch zurückzugehen, auf den Weg, da war es hinter mir wie vor mir: nichts als Wald, Urwald. Ich hielt inne und lauschte in die Umgebung, aus der natürlich kein Laut kam, wenn man es hören wollte, sondern erst, als ich mich wieder entspannte, knirschte es im Gehölz. Schlangen, Spinnen, alles, was man hier vermutete, schoss mir durch den Kopf, beförderte meinen Puls und ließ mein Herz in der Brust pochen, als würde mir jetzt erst klar, wo ich eigentlich war. Meine Einbildung ließ das Grün noch enger und eindringlicher werden, zog ihm die frische Farbe aus, sodass es fahl und bedrohlich auf mich zuwuchs. Ich wollte nicht auf sie warten, auf diese ganzen Wesen, die hier wohnten, also setzte ich meinen Weg fort, glaubend, ich hätte bisher grade Spur gehalten. Ich ging schneller als zuvor, die Trägheit war der Fantasie dieses Ortes gewichen, und ich musste achtgeben, im Dickicht nicht umzuknicken oder zu stürzen. Als ich durch zwei große Blättertüren, die wie Schmetterlingsflügel geformt waren, hindurchstieß, glitt etwas haariges, fasriges in mein Gesicht, wie Federn, oder eben wie ein Netz... Ich pustete erschrocken los, schlug hektisch um mich und fuhr mir mehrfach durch Gesicht und Haare, mit diesem Gefühl, das man dann hat, es sei irgendwo noch etwas, in den Wimpern, den Augenbrauen, den Ohren, der Nase, am Nacken oder im T-Shirt. Nachdem ich mich wieder etwas besonnen hatte, erkannte ich, dass der Wald sich gelichtet hatte. Ich stand in einem Oval aus Baumriesen, durch deren verkeilte Kronen Lichtstrahlen herabfielen und sich auf Mannshöhe in den Schatten mischten. Der Platz hatte etwas Seltsames, vielleicht Mystisches, schön, aber doch...
Mir dämmerte, dass ich mich verirrt hatte, nach diesen paar Minuten schon; sicher nicht allzu weit, doch wusste ich nun nicht, wo ich weitergehen sollte, um nicht noch mehr abzukommen. Da stand ich nun und versuchte, klare Gedanken zu fassen, das Gesicht unter Schweiß und Hitze glühend, ein Gemenge aus Juckreiz, Ekel und Missmut. Meine Augen wanderten den Rand der Lichtung ab, Baum für Baum, Gebüsch für Gebüsch, hoffend, vielleicht einen Durchgang zu entdecken, der etwas freier war als meine bisherige Strecke. Doch schien alles wieder eng und überwuchert zu sein; ein echter Wald eben. Mein Blick war unmerklich auf einem großen dornigen Strauch liegen geblieben, der mit langen weißen Stacheln in alle Richtungen wies, buchstäblich hervorstechend. Ein Wind schien durch die Lichtung zu streifen, denn der Strauch wog hin und her, beugte sich vor und zurück, zitterte, und verwischte sich vor meinen müden Augen in einen tanzenden Wechsel aus hellen und dunklen Dornen, Schatten, Linien, Streifen...
Er sieht mich an, dachte ich mir. Er sieht mich an und wendet sich mir zu... Streifen, Streifen, Streifen... Mir wurde kalt, außen. Innen waren meine Gefäße wie heiße Drähte durch meinen Körper gespannt. Das Blut, es brannte wie Feuer. Ich spürte, wie es aus dem Kopf in den Rumpf wich, hin zu einem Herzen wie ein Hammer. Hier, wo die Natur dem Menschen noch Gott war und nicht umgekehrt, hier stand er nun und sah mich an. Zwei leuchtende Bernsteinkränze, die in scharfes Grün uferten, so durchdringend, als würden sie durch mich hindurchsehen; bebende Nasenflügel, rosig und blutriechend, ein leicht geöffnetes Maul, heißen Dampf ausstoßend, die flache Zunge zwischen zwei Fleischerhaken gewellt, vom Speichel durchtrieben und pulsierend. All dies in einem monströsen, von schwarzen Linien gezeichnetem Schädel. Der Leib, ein heller Fels aus reiner Kraft, der Überlebenswille in jede Muskelfaser eingeboren, mit Streifen, Streifen, Streifen. Die Beine standen wie Säulen, doch sah man an den riesigen Pranken, die sich in den Waldboden schmiegten, wie fein und grazil er sein konnte. Ich war gebannt von dieser schlimmen Schönheit, dieser echten Natur.
Ein Gedanke drang still aber bestimmt durch das Gemisch aus Faszination und Lähmung: Das ist dein Ende! Es war keine Überlegung, was ich jetzt tun sollte, kein Abwägen oder Umsehen, wie ich entfliehen könnte; es war eine Feststellung, eine einfache, reine Feststellung, so eine, die den Zwischenraum übersprungen hat, weil tief im Herzen Etwas weiß, dass alle Abwägungen und Überlegungen zu der gleichen Ansicht kommen werden. Was gäbe es denn auch für Möglichkeiten? Ich hatte ein Messer, aber kämpfen wäre irrsinnig; fliehen, zurück ins dichte Gestrüpp, wäre ebenfalls sinnlos; davonschleichen erübrigte sich, denn er sah mich bereits geradewegs an. Also stand ich da wie angewurzelt, mit einer Feststellung wie ein göttliches Gebot. Er wird mich töten, natürlich wird er mich töten. Ich bebte, wollte die Augen fest zukneifen - vielleicht war ja doch alles nur eine Illusion, ein Fieber oder dergleichen - aber konnte meinen Blick nicht von ihm nehmen. Wir fixierten uns gegenseitig, vermutlich glänzte ich schweißtriefend in den einfallenden Sonnenstrahlen. Und wie wir da so waren und uns anschauten, erkannte ich, dass er tatsächlich durch mich hindurchsah. Seine Augen waren wie Glas. Ich blinzelte mehrmals und sah genauer hin, traute mich aber zu keiner Bewegung. Sein Blick - wenn ich ohne Vorurteile betrachtete, ohne kalte Angst, ohne ein Monster vor mir zu glauben - schien ebenfalls etwas festzustellen, ebenfalls den Zwischenraum übersprungen zu haben und zu einer harten, klaren Einsicht gekommen zu sein. An der linken Flanke, zwischen den Streifen, klaffte eine tiefe Wunde, blutrot und bösartig. Er ist schwer verletzt, dachte ich und musste gegen das Gefühl an mich halten, ihn nun als harmloser einzuschätzen. Und doch, sehr allmählich, weichte die Feststellung meines sicheren Todes etwas auf und machte den Möglichkeiten Platz. Vielleicht kann ich doch fliehen. Der Mensch ist ein Hoffnungstier, und je mehr sich dieser Gedanke aufdrang, desto konzentrierter starrte ich ihn an, versuchte, alle Möglichkeiten, all seine Möglichkeiten, im Voraus zu erwägen. Dann senkte er seinen Kopf und kam auf mich zu. Mein Herz blieb einen Moment lang stehen und setzte dann mit einem derart heftigen Schlag wieder ein, dass es wehtat, als wolle es mich unter allen Umständen am Leben erhalten, damit er mich töten konnte. Ich war sicher, er spürte es, mein Herz, durch den Waldboden in seinen Pranken. Jetzt wollte ich nur noch rennen, aber ich konnte nicht; ich war versteinert. Kurz vor mir, sein gurgelnder Atem war unüberhörbar, kam er wieder zum Stehen und legte sich dann auf den Boden, drehte sich zur Seite weg, wie man es von Kleinkatzen auch kannte. Er atmete schwer in den mächtigen Rumpf, in diese schlimme Verletzung. Irgendein Tier musste ihm einen gewaltigen Hieb verpasst haben, vielleicht ein Bulle mit seinem Horn. Ich verfolgte das Heben und Senken seines Bauchs, das von einem flüssigen Rasseln begleitet wurde. Sein Blick war von mir abgewichen und ging ins Dickicht. Etwas Versöhnliches war darin, eine Akzeptanz, eine Hingabe in ein unsichtbares Gesetz, kurz: etwas, das der Mensch nicht hat. Eine Ruhe ging von ihm aus, die meine Lähmung löste. Die Atmung wurde flacher, es klang, als würde man mit einem Strohhalm den letzten Rest aus einem Glas heraussaugen. Ich kam langsam an ihn heran, hockte mich neben ihn und blieb. Nach einer Weile traute ich mich, die Hand auf seine Schulter zu legen, dessen Muskeln unter meinen Fingern spannten. Dann starb er, friedlich, einig mit dem Tod, der in seine Knochen ging, weil er gelebt hatte, und in jeder Sekunde das gewesen war, was er von Natur her war, ein Tiger, ein Tiger.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Spiegel

Mein liebes Kind,

es heißt: und es wurde Abend und es wurde Morgen, ein Tag.
Das musst Du verstehen lernen, mag es auch dauern.
Denn es ist so, dass erst der Einbruch der Dunkelheit genannt ist, dann der Aufgang der Sonne.
Das ist das ganze Leben, und es ist so heilig, dass Du noch nichts davon weißt.
Aber es wird ja kommen, was soll man machen, und von der heiligen Zeit wirst Du nichts mehr erinnern, weil Engel mit Feuerschwertern diesen Garten versperren werden.
So ist zuerst alles dunkel und trübe, bis das Licht aufgeht und Du verstehst, wie die Dinge sind.
Irgendwann bricht wieder die Dunkelheit herein, alte Gedanken und Erkenntnisse verwehen, neue werden geboren, so geht es die ganze Zeit. Es ist wie das Erlöschen und Entzünden einer Kerze, und Du tust gut daran, wenn Du es mit offenen Augen und klarem Blick verfolgst. Denn es geht um Erkenntnis, es geht immer um Erkenntnis.
Der Mensch soll lernen, überhaupt erst lernen, ein Mensch zu sein, doch geht dies nur, wenn man stirbt und neugeboren wird. Versucht man aber, etwas festzuhalten, dann wird man innerlich uralt und steif, dumm und störrisch. Auch soll man sich nicht lange mit der Dunkelheit aufhalten, sie wartet ja nur auf neues Licht. Viele tun das, es ist schon volkstümlich geworden. Es macht kalt und düster, lässt einen für nichts mehr entflammen, macht träge und lahm, als sei man in sich selbst eingesargt; das ist doch kein Leben!
Sondern Leben ist Hingabe, denk daran. Als Du geboren wurdest, konntest Du gar nichts anderes, als Dich hingeben. Deshalb ehrt die Heilige Schrift die Kinder so sehr und deshalb werden sie in vielen Kirchen getauft: weil es die vollkommene Hingabe ist. So ist es, wenn man ihnen Böses tut, dann ist es ganz böse, liebt man sie aber, so liebt man sie vollkommen. Und ach, wie lieben wir Dich!
Sei also voller Vertrauen und Hingabe. Doch nicht an Menschen und Dinge, die Dich fesseln wollen, nicht für Macht und Besitz und alldas, sondern voll Hingabe an Gott. Lernst Du dies als erstes, wirst Du alles weitere richtig unterscheiden können. Auch dann wirst Du enttäuscht und gekränkt werden von Menschen, doch nicht so sehr, weil Du vergeben kannst. Sie müssen ja genauso lernen, wie Du. Und von wem sollen sie Liebe und Vergebung lernen, wenn nicht von Dir?
Auch wirst Du dennoch Leid und Schmerz erfahren, doch nicht so schlimm, weil Du den Sonnenaufgang schon siehst. Es müssen ja dunkle Zeiten sein, um Altes aufzugeben, dann aber wird es wieder hell und Du siehst klarer als zuvor.
Auch Fragen wirst Du haben und nicht wissen, wohin es geht, doch nicht so ängstlich, weil Du weißt, wer alles lenkt. Es müssen ja Geheimnisse sein, damit das Leben wertvoll und faszinierend bleibt, und damit Du Vertrauen behälst.
Du kannst Ihm vertrauen, unserm Gott, denn Er ist gut, immer ist Er gut! Ich spreche aus Erfahrung.
Du aber wirst mein Spiegel sein. Ob ich Ihn Dir zeigen konnte, diesen Heiligen, sodass Du aus Liebe lebst und untrüglich Deinen Weg machst. Ich will ja, voller Hingabe. 


Sonntag, 7. Februar 2016

Das Licht auf dem Weg

Dein Wort ist die Leuchte meines Fußes und ein Licht auf meinem Wege. (Ps 119,105)

Es ist mit dem Menschen so, dass er in Dunkelheit geboren wird und erst richtig sehend werden muss, um klar zu erkennen, was er vor Augen hat. Bis die sinnlichen Augen richtig sehen, dauert es nicht sehr lang. Bis aber der Geist richtig sieht, dauert es wesentlich länger. Denn wir haben einen äußeren Menschen, das ist Fleisch und Blut und alles, was sichtbar ist, und einen inneren Menschen, das ist das Wesen, welches den Menschen belebt. Beides muss werden und wachsen, und wie der Körper Nahrung, Bewegung, Pflege und Liebe braucht, braucht dies auch der innere Mensch. Und nur das darf "Religion" sein, was nämlich das Wort selbst sagt: Rückbindung, Wiederverbinden mit Gott. Die Wege der Menschen dazu sind vielfältig...
Einige suchen die Erfüllung in ihren Sinnen selbst, es sei Essen, Trinken, Schönheit, Sport, Sex, Reichtum oder Events, und finden am Ende eben dies: nur sich selbst als Maß aller Dinge, ein leeres Gefäß, das zu Staub zerfallen wird, wie alles andere auch.
Manche suchen in ihrem Geist, ziehen sich zurück, meditieren und durchforschen ihr Inneres nach irgendeiner Erleuchtung, als würde eine Kerze von selbst zu brennen anfangen. Doch was in uns ist, das betrügt uns oft, denn wir haben einen verblendeten Geist, und das Betrachten unserer Natur zeigt uns nur Zerrbilder.
Andere suchen die Wahrheit in Regeln und Gesetzen, Bräuchen und Traditionen, müssen selbst gar keine Bewegung mehr machen, sondern leben aus der Hand ihrer Meister, Gurus und Heiligen, die es ihnen vorkauen wie Muttertiere, Hauptsache satt, still und unterwürfig. Tut man, was einem gesagt ist, kann man nichts falsch machen, und so ist man nicht an Erkenntnis interessiert, sondern an Folgsamkeit.

Der Vers aus dem Psalm aber sagt uns etwas anderes: das Wort ist das Licht des Menschen. Es leitet uns wie eine klare Stimme, auch wenn wir selbst nichts sehen und verwirrt sind durch all die Trugbilder.
Es braucht keine Unterhaltungsbranche, die einem den Tag ausfüllt;
es braucht keine Exzesse, um sich selber zu erleben;
es braucht keine Abschottung von der Welt, kein Versenken und Rumgraben in sich selbst;
es braucht keine Meister und Kataloge, die einem das Denken und die Auseinandersetzung abnehmen, Übungen und Praktiken, die irgendetwas freischalten sollen.
Es braucht Vertrauen, Vertrauen in den Geist, der dieses Wort gegeben hat als ein Feuer, um uns zu entfachen. Das ist der Geist aus Gott und das Wort ist sein Sohn, der sich uns Menschen hingegeben hat aus Liebe. Kein Diktator oder Unterdrücker, der dumme Knechte macht, sondern ein guter Lehrer, der in uns Licht entzünden will, damit wir klar sehen und uns nicht mehr blenden lassen.
Sodass wir nicht mehr nötig haben, uns zumüllen zu lassen, sondern selbst wissen und wählen, was wir brauchen und wann.
Sodass wir uns nicht mehr in die Sinne stürzen müssen, um uns zu erfüllen, sondern die Sinne für das Sinnliche nehmen und den Geist für das Geistige.
Sodass wir nicht mehr nach uns selbst suchen müssen, sondern uns selbst richtig erkennen, weil wir Gott erkennen.
Sodass wir uns nichts mehr vorpriestern lassen brauchen, sondern selbst Priester sind, von Gott her, nicht von Menschen her.
Denn dieses Wort verbindet uns mit Gott; und das fesselt nicht, wie manche fürchten, sondern es macht frei.
Daher ist es das Übelste, wenn man das Wort missbraucht, um wieder Sklaven zu machen und neue Lasten auf sie zu legen (Mt 24,45-51), statt ihnen zur Freiheit zu helfen, so gut man es vermag. Geht es einem um Gott und um die Menschen (beides lässt sich nicht trennen), dann will man ihnen helfen, verständiger, liebevoller und sicherer zu werden, statt sie zu binden und sie Hofknickse machen zu lassen.
So ist auch dies das Heilige an Gottes Wort, dass all das Schlechte, was man daraus für sich ableiten könnte, vom Wort selbst zurechtgewiesen wird. Also hat man keine Chance, die Schrift zu missbrauchen, ohne sich selbst zu richten. Sie kann nur zur Liebe führen, oder man hat an ihr versagt.
Erinnern wir uns daran und lassen das Wort selbst unser Licht sein!

Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger
und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8,31.32)



Donnerstag, 21. Januar 2016

Kain und Abel - Fleisch und Geist (Gen 4,1-16)

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdenreich besitzen. (Mt 5,5)

Nachdem der Mensch und seine Frau aus dem Paradies vertrieben sind, zeigt uns die Schrift, was aus dem Menschengeschlecht durch die Trennung von Gott geworden ist:
Adam und Eva zeugen zwei Söhne. Die Schrift spricht von erkennen (jadá`), was mehr meint, als die reine Zeugung, sondern das Erfassen und Begreifen des ganzen Wesens. Der Mann steht biblisch für den Geist, die Frau für die Sinnlichkeit, weswegen den Frauen in der gesamten Bibel auch mehr sinnliche Gebote gegeben sind, den Männern mehr geistliche.
Der erste Sohn ist Kain (das meint: Geschöpf), über den Eva sagt: Ich bin Bildnerin eines Mannes geworden mit der Hilfe des HERRN. (Gen 4,1).
Der zweite Sohn ist Abel, was meint: Hauch, Dunst, Nichtigkeit und Verwehen.
Kain wird ein Ackerbauer, Abel ein Schäfer.
Eines Tages bringen beide Gott ein Opfer dar; Kain opfert die Früchte seines Feldes, Abel opfert die Erstlinge aus seiner Herde. Als Gott das Opfer Abels gnädig ansieht, Kains Opfer aber nicht, wird Kain zornig. Gott warnt ihn vor seiner Herzenshaltung, er solle mit seinem Geist über das Fleisch regieren:
Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum ist dein Gesicht finster? 
Ist es nicht so? Wenn du fromm bist, so kannst du frei das Gesicht erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und sie hat Verlangen nach dir; du aber herrsche über sie. (Gen 4,6.7).
Doch Kain hört nicht auf Gott, gibt seinem Zorn nach und erschlägt seinen Bruder auf dem Feld.
Er begeht (biblisch gesehen) den ersten Mord, was zweierlei Bedeutung hat:
- der Mensch hasst seinesgleichen (und letztlich sich selbst), was wir bis heute unverändert sehen können.
- das Fleisch kämpft gegen den Geist (Gal 5,17). Denn Kain (das Geschöpf) steht für den verfluchten Menschen, daher auch Ackerbauer, denn: verflucht sei der Acker um deinetwillen! (Gen 3,17).
Abel (der Hauch) steht für den geistlichen Menschen, dessen Nichtigkeit, Schwäche und Sanftmut einst die Erde regieren wird, wie Matthäus 5,5 sagt; daher ein Schäfer. Er glaubte Gott, weshalb dieser sein Opfer gnädig ansah (Hebr 11,4).
Gott fragt Kain nach seinem Bruder, was dieser höhnisch beantwortet: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? (Gen 4,9). Er spottet damit Gott und seinem ermordeten Bruder, bestätigt Gottes Urteil über seine Haltung und sein Opfer, welches er nicht ansah. Wäre Kain guten Herzens gewesen, hätte er sich für seinen Bruder gefreut und in Vertrauen Gottes Urteile hingenommen. Doch zeigt er uns vielmehr einen Typos von einem Menschen: egoistisch, neidisch, zornig, spöttisch.
Gott verflucht Kain, seinen Ackerbau und seinen Lebensweg. Da er auf dem Acker Leben genommen hat, soll dieser ihm fortan kein Leben mehr geben (Gen 4,12). Er muss umherirren auf der Erde, unstet und flüchtig, wie es heißt.
Kain kann dies nicht ertragen, fürchtet als Rechtloser um Leib und Leben, wenn Gott sich von ihm abwendet. Doch Gott stellt ihn unter seinen Schutz, macht ihm ein Zeichen, das als Kainsmal bekannt ist, und schwört siebenfältige Rache, falls ihn jemand totschlägt. Sieben heißt vollständig, und deutet auf ein Detail im Text: das Wort Bruder kommt siebenmal im Text vor. Kurzum: Gott verachtet Mord, denn es ist das Auslöschen des Geschöpfes, das man selbst ist. Das Zeichen, das Kainsmal, ist Zeichen der Gnade und zugleich Zeichen der Schuld, göttliches Siegel und menschlicher Makel.
Kain muss gehen. Er zieht östlich von Eden ins Land Nod, was meint: er irrt umher, denn Nod heißt Schweife. So tut es die Menschheit seither.

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdenreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott sehen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
(Mt 5,3-10)

Mittwoch, 20. Januar 2016

Anamnese

Ich wollte ja Glauben für die ganze Welt haben, aber es muss doch jeder selbst einsichtig werden, und man kann nicht für andere Lichter anzünden.
Den Menschen wurde von unserem Heiligen gesagt, was gute Lehre und gutes Leben ist: dass man Gott nur lieben kann, wenn man den Menschen liebt (Mt 22,34-40), dass man nicht behaupten kann, man glaube, wenn man nicht in guten Werken mit anderen umgeht (Jak 2,20); daher nicht morden, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsch sprechen, und all das.
Lange wurde das gepredigt in aller Welt, oft wurde dagegen verstoßen, als erstes in der Kirche selbst, sodass sie an der eigenen Botschaft unglaubwürdig wurde. Denn leider sind die großen Kirchen als Institutionen keine Zeugen für das Christentum, sind es nie gewesen, außer durch das ausgesagte Bekenntnis ansich. Will man das Christentum sehen, muss man sich die einfachen Christen anschauen, jene, die glauben, Gott lieben und (bei aller Verfehlung) den Willen haben, sich zu bessern und den Menschen zu dienen. Die nicht Politik machen und sich bei Fürsten und Herren einschleimen. Die ihre Gaben und Talente nicht missbrauchen, um Massen zu verführen und sie hörig zu machen. Die nicht Seelen einkaufen, um die sie sich dann nicht mehr kümmern, sobald sie unterschrieben haben. Die nicht fremde Geister rufen und behaupten, das sei alles einerlei. Sondern die frei sind von Machenschaften und sich nicht kaufen lassen. Die unbeeindruckt sind von dem, was die Massen hören wollen, und jedes Wort prüfen auf Gewissen und auf Wahrheit. Die selbst predigen, was sie erkannt haben, nur Gott und dem Gewissen schuldig, und die von Menschen keine Unterschriften erhoffen, sondern Erkenntnis: Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit; weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre. (2. Tim 4,2).
Da schrumpft die Gemeinde Gottes schon enorm, zeichnet sich nicht durch Titel und Etiketten aus, auf denen "Christus, Christus" steht (Lk 6,43-46), sondern durch hingebungsvolle Herzen, in die der Herr geschrieben hat (Jer 31,33). Sie reden, was sie glauben, frei und ungezwungen, nicht als Programm, sondern als tiefe Meinung, laden ein, wer will, und lassen gehen, wer will, denn letztlich fügt doch alles Gott, wie es sein soll.
Dazu aber braucht es Glauben und Erinnerung, wie es heißt: Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. (Joh 14,26).
Erinnerung, denn der Mensch vergisst Gott leicht und ist mit sich selbst und mit Unsinnigkeiten beschäftigt, kommentiert alles in Grund und Boden, und macht Dinge kompliziert, die eigentlich sehr einfach sind.
Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben (...) und deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Mk 12,30.31), was ist daran nicht zu verstehen? Eigentlich nichts. Sofort aber stellt man es infrage, was der Natur scheinbar eingegeben ist: "Wer ist denn der Nächste?" (Lk 10,25-37); "Wieviel soll ich denn tun?" (Mt 5,38-48); "Was heißt Liebe denn eigentlich?" (Mt 25,40), und so weiter und so weiter.
Und weil man es nicht versteht, prägt der Geist es durch die Erinnerung und Erfahrung tiefer ins Herz, damit man weiser wird. Denn der Mensch soll ja weiser werden, damit er nicht bei Anfangsdingen bleibt, bei Mitgliedschaften und netten Floskeln, bei einer Stunde Kirchenbank und Brauchtum, sondern immer mehr verwandelt wird in einen Menschen, der aus Gott lebt, und sagen kann: Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist. (2. Kor 3,18).
Dieser Geist ist es, der frei macht (Vers 17), denn er führt zur richtigen Selbsterkenntnis, lässt all das sterben, was man nie nötig hatte (diese Sorgen, diese Ängste, diese Gier, diesen Zorn, und das alles), und bricht den wahren Menschen heraus, das Ebenbild Gottes, unbestechlich und unbeirrbar.
Dies sollte Christentum sein, und es ist die Zeit, dass wir uns daran erinnern.

Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
(1. Joh 5,3)

Donnerstag, 14. Januar 2016

Ordo ab Chao / Chao ab Ordo

Nachdem sich der Wind in den letzten Zeiten nun endgültig gedreht hat und Feuer über das Land treibt, entzünden sich auch die übrigen Herzen zu Missmut, Angst und Wut, haben mindestens Sorgen und schlimmstenfalls Panik.
Der Weitblick der Politiker und Strategen ist entweder anzuzweifeln oder er war nie gewollt, denn man hätte es wissen müssen. Einzelne Personen, Familien oder Gruppen in eine Gesellschaft zu integrieren, sie eine zeitlang als Gesellschaft mit durchzutragen, lässt sich bewerkstelligen. Nicht aber jene Massen von Menschen. So etwas müssen Staatslenker wissen und überschauen können. Auch die Kluft zwischen den Ländern, den Kulturen, Prägungen und Geisteshaltungen hätten sie sehen müssen.
Denn es sind Massen von Menschen zu uns gekommen, die seit ihrer Geburt großteils nichts anderes kennengelernt haben, als Hass, Gewalt, Zerstörung und Verachtung. Und man sollte wissen, wie tief gerade frühe Erfahrungen und Schulen prägen, und wieviel schon in der "Wiege" gewonnen und verloren wird. Dass dies nichts mit Ethnie und Hautfarbe zutun hat, sollte keine Debatte mehr sein; es hat mit Prägung und Mentalität zutun. So traurig dies ist, kann es doch nicht Sinn der Sache sein, die eigene Gesellschaft dafür zu zerstören, weil man sich eine grenzenlose Hilfe auf die Flagge geschrieben hat. Zumal die Lenker selbst nicht wissen, wie diese Hilfe und Integration eigentlich aussehen soll.
Dies aber geschieht gerade, unsere Gesellschaft reißt ein, und der böse, feierliche Auftakt dafür war die Silvesternacht, in der an Frauen Schande getrieben wurde und zahlreiche Menschen beraubt und verletzt wurden. Was kommen wird, ist ersichtlich: da die Staatsgewalt die Bürger nicht beschützt (auf Geheiß von oben), werden die Bürger es zunehmend selbst tun, was letztlich zum Bürgerkrieg führen wird. Hass und Zorn machen keine Unterschiede, und so wird es sich gegen jeden Menschen aus dem Raster richten, er sei für etwas verantwortlich oder nicht. Die Unsicherheit der Menschen ist eine offene Tür für die rechte Gesinnung, zumal ja seit diesem Jahr (wie seltsam passend) Hitlers "Mein Kampf" wieder aufgelegt wird. Die Attackierten werden sich rächen und wir werden wieder Zustände haben, von denen die Geschichtsschreibung bereits viele Lieder singen kann. Es ist bedauerlich.
Wäre die Obrigkeit frei und klug, und läge ihr etwas an einer guten Gesellschaft, so würde sie in diesen Zeiten mit aller Klarheit und ohne Abstriche das Gesetz durchsetzen, wie es ihre Aufgabe ist (Rö 13,3.4).

Die Idee ist die einer möglichst globalen Demokratie, jener mysteriöse Begriff der "Neuen Weltordnung", und der Versuch, aus chaotischen Zuständen heraus Ordnungsstrukturen aufzurichten (Gen 11,1-9). Menschengeschichte und Erfahrung sollten eigentlich gezeigt haben, dass dies nicht machbar ist (wenn man es schon nicht aus der Schrift ersehen will). Doch zu leiden hat ja nur das einfache Volk, also wird weiter gespielt.
Es ist bedauerlich. Es ist bedauerlich, dass der Mensch immernoch so unfrei ist, so gefangen in diesem Geist, so uneinsichtig und lieblos gegen sich selbst, aber so selbstherrlich Gott spielt. Bedauerlich, dass man sich immernoch vorschreiben lässt, was eindeutig Unrecht ist.
Wir Christen aber sollen keine Angst haben, wie unser Herr uns sagt: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33). Soweit uns möglich ist, sollen wir Frieden mit den Menschen haben und ihnen in Liebe begegnen (Rö 12,18). Es bleibt der alte Rat gültig, dass sich Bosheit nur mit Gutem bezwingen lässt: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Rö 12,21). In Zeiten wie diesen stellt sich heraus, was wir haben und ob wir unbeirrt den Weg gehen, den unser Herr uns gewiesen hat. Am Ende des Tages war es nur ein Gewitter.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! (Rö 1,7)

Freitag, 8. Januar 2016

Zwei Arten zu beten

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand für sich und betete: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lk 18,10-14)

In einem kurzen Gleichnis zeigt der Heilige Gottes hier zwei Gesinnungen auf, die uns einen Spiegel vorhalten sollen. Der fromme Schriftgelehrte betet hochmütig, grenzt sich von den anderen Menschen ab (er stand für sich) und hebt sich selbst hervor. Er dankt Gott, doch nicht für dessen Gnade und Hilfe, sondern für seine eigene Ehre und Position, und klagt nicht nur allgemein die anderen an, sondern verklagt auch gezielt den anwesenden Zöllner. Darin sehen wir schon eine natürliche Regel: die Selbsterhöhung bedeutet immer zugleich die Anklage anderer Menschen. Sie geschieht nicht alleine, für sich selbst, sondern sie richtet gleichzeitig immer andere. Deshalb warnt die Bibel davor, denn der Mensch, den man verurteilt, ist letztlich ein Spiegelbild der eigenen Person (Mt 7,1-6).
Der Zöllner steht entfernt, fürchtet Gottes Gericht (jenes Gericht, das der Pharisäer gerade über ihn ausspricht) und ruft um Gnade. Das Schlagen auf die Brust ist die Selbstanklage und das Sterben des alten Menschen (Hiob 4,17-21) als ein Zeichen, indem man auf das Herz schlägt.
Diesen Zöllner spricht Jesus gerecht, den Gelehrten nicht. Denn indem der Zöllner sich selbst klein macht, macht er Gott groß (Ps 51,19); der Gelehrte aber macht sich selbst groß und damit Gott klein, denn er lobt Gott nur wegen sich selbst.
Der Zöllner liefert sich aus und glaubt, indem er aussagt, dass nur noch Gott helfen kann;
der Pharisäer hingegen macht sich selbst zu Gott.
So schließt dieses Gleichnis treffend an den vorigen Text in Kapitel 18 an, wo Jesus spricht:
Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Erwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er`s bei ihnen lange hinziehen?
Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden? (Lk 18,7.8).
Im nachfolgenden Text findet sich die berühmte Segnung der Kinder und zugleich die Antwort Gottes auf den flehenden Zöllner: er soll vertrauen wie ein Kind, dann gehört ihm der Himmel (Lk 18,15-17).

Wozu aber überhaupt das Gebet?, fragen sich manche. Das Gebet bedeutet vieles:
Wenn wir beten, dann danken wir, bitten wir, erinnern uns, schütten unser Herz aus, drücken Freude oder Trauer aus, und all das, wie man in den ganzen Psalmen lesen kann.
Vor allem aber sagen wir durch das Gebet, dass Gott wahr ist!
Mit einer Theorie oder einem Ideal unterhält man sich nicht, zu einer Philosophie betet man nicht.
Deshalb haben Kritiker auch kein Problem damit, wenn man sagt: "Ich kann mir logischerweise ein göttliches Prinzip vorstellen". Sagt man aber: "Ich bete zu Gott", dann schütteln sie den Kopf und halten uns für irre.
Das Gebet zeigt Gott als lebendig und wahr, deshalb beten wir und nehmen uns das Gleichnis zu Herzen.

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen;
(1. Thess 5,16-18a)