Freitag, 25. März 2016

Ich bleibe liegen

Abends im Bett liebte er die Stille, die lediglich vom Umblättern der Seiten unterbrochen wurde, wenn seine Frau ein Buch las, was sie eigentlich jeden Abend tat. Er hatte schonmal darüber nachgedacht, ob er die Stille ansich liebte, oder vielmehr dieses Umblättern, doch es war sicher beides gemeinsam, ja, es war beides gemeinsam. Es war eine Stille von Anwesenheit, etwas ganz Besonderes, wenn man den ganzen Tag das Dröhnen von Maschinen im Ohr hatte. Keine einsame Stille, wie von diesen Paaren, die sich nichts mehr zu sagen haben, die einander überdrüssig geworden sind, oder sich gar schon hassen, aber weiter Gewohnheiten pflegen; nein, eine schöne Stille, bei der, würde einer von ihnen zu sprechen beginnen, die Stimme so klar und eingehend klingen würde, wie Gespräche in der Dämmerung auf der Terrasse, als hätte dieser Raum gar keine Decke, sondern würde direkt ins Sternenzelt spähen. So war nämlich auch dieses Umblättern der Seiten, das sie so bedächtig tat, es füllte den ganzen Raum, ließ ihn, wenn er schon einnickte, immer wieder ein wenig erwachen und dann tiefer in den Schlummer sinken. Auf den letzten Zeilen nahm sie das Blatt schon zwischen die Finger, hielt ein, blieb an den letzten Worten, als wolle sie nur ja beim Umschlagen den Sinn des Satzes nicht verlieren, und blätterte dann ganz langsam auf die nächste Seite. Hatte sie genug gelesen, wog sie das Buch noch einen Augenblick in den Händen, strich über den Deckel und betrachtete das Cover. Er wusste es, auch wenn er an diesem Punkt meist bereits eingeschlafen war.
Das liebte er. Die Stille, die es nur mit ihr gab, das Umblättern der Seiten, und seine Gedanken hinter geschlossenen Augen, diese letzten, die immer langsamer wurden, sodass man sie fast einzeln anschauen konnte wie Edelsteine, bevor sie in den Schlaf wegdunkelten.
Dann war er auf ihren Wanderungen in den Wäldern und Bergen im Süden, die sie durchzogen und bezwungen hatten, stand mit ihr im rauhen Sand, den die Ostsee unter ihren Sohlen wegspülte, dass man einsank, mit diesem Geruch von Salz in der Nase und der Lake auf der Haut. Sie hatte die Wälder und Berge lieber, den Duft von Nadelbäumen und den weiten Blick in die Täler, in welche die Wolken unter der Mittagssonne dunkle Flecken pinselten; ihm lag der Norden mehr, das weite Land und der Horizont, wo der Himmel und das Meer wie zwei Arten von Wassern zusammenschmolzen, oder wie zwei Arten von Himmeln.
Dann baute er mit Erik Modellflugzeuge und diese dreidimensionalen Puzzle, an denen sie wochenlang gesessen und auf die sie geschimpft hatten, und schließlich sich selbst gefeiert, wenn sie es endlich vollbracht hatten. Erik hatte immer bis zum Schluss durchgehalten und nie die Lust verloren, wie es ja vorkam bei Kindern, wenn Etwas Ausdauer und Geduld erforderte. So manches Mal hatte er ihn vom Sofa gezogen, um das Puzzle weiterzumachen, immerschon zielstrebig und ehrgeizig und ein guter Junge.
Dann war er mit seinen alten Freunden auf ein Bier beim "Gruber", als man drinnen noch rauchen durfte, in diesem Nebel, durch den die Lichter der Spielautomaten hindurchflimmerten, die alle paar Minuten einen hupenden Jingle abspulten, und neben denen gelegentlich Einer lehnte und irgendwas drückte, mit ernstem Blick, als sei er ein Experte für dieses hochkomplexe System. Die Typen standen dort immer gleich, den rechten Arm an den Automaten gestützt und die linke Hand in die Hüfte gestemmt, und kam mal ein Mädchen herein, zogen sie sogar den Bauch ein.
Dann saß er auf Balkonen und Terrassen von Verwandten, lachte und stritt mit ihnen über Gott und die Welt und das Leben, bis in die Dämmerung, wenn die Stimmen klar und eingehend klangen und alles intimer wirkte in den Worten, in den Bewegungen, in der Beleuchtung, der Dunkelheit, der Stille.
Er seufzte in den Duft der frischen Bettwäsche hinein und wusste, dass sie jetzt zu ihm blickte, diese wachen und aufrichtigen Augen, in denen tief innen immer etwas Sorge durchschimmerte.
"Morgen bleibe ich liegen", sagte er und lächelte leicht. Sie erwiderte nichts, sondern strich nur über seinen Arm und blätterte dann die Seite um. Dann schlief er ein, tief.

"Du bist ganz grau. Richard? Richard?"
Die Morgensonne stand im Zimmer, glänzte durch die Profile der halb geöffneten Rollladen, in deren Lichtbahnen man jedes Staubkorn schweben sehen konnte, die wild herumwirbelten, wenn man mit der Hand hindurchfuhr. Je nachdem, wie das Licht fiel, leuchteten sie wie goldene Steinchen, wie Edelsteine.

Dienstag, 1. März 2016

Tiger

Wann immer ich daran zurückdenke, wie er gestorben ist, mischen sich Bedrückung und Faszination in meinem Innern, und lassen diese längst vergangene, unwirkliche Begegnung in meinem Geist neu geschehen. Unwirklich, nicht etwa, weil die Erinnerung nachgelassen hätte, sondern weil es eine solche Erfahrung war, die vielmehr tief im Wesen, im Blut stattfindet, als dass sie vor einem abläuft. Dies macht sie zwar direkter und intensiver, doch weniger durchdacht und schlechter erinnerbar, kennt man es doch von dergleichen Erlebnissen, die eben im Blut stattfinden und nicht im Kopf, wonach der Mensch doch immer sucht, was ihn in Abenteuer und Betten schickt, und wenn sie geschehen sind und er heraussteigt, weiß er gar nicht mehr, warum er sich eigentlich hineingestürzt hat, als nur für diesen Moment im Blut. So ist das, so war das, ja...
Und immer, wenn ich zurückdenke, gleiten meine Finger über das Andenken um meinen Hals, das- glatt wie ein Handschmeichler- an einem schwarzen Band unter meinem Kehlkopf gezurrt ist. Längst ein Talisman über Leben und Tod, groß und unübersehbar, doch er hätte nicht auf einen Schreibtisch oder in ein Regal gehört; sondern dort, auf der Luftröhre, da gehört er hin. Es ist ein Zahn, sein Zahn. Ich habe ihn damals rausgeschnitten und mitgenommen, wahrscheinlich, um auch etwas für Außen zu haben, nicht nur das Innere, das Feuer im Blut, welches so schnell verblasst, wenn man wieder munter am gedeckten Tisch sitzt. Etwas zum Fühlen, für die Sinne, das einen erinnert, und wenn man sich erinnert, das man eben fühlen kann. Bis es wieder innen angelangt, im Blut...
Damals trampelte ich durch dichtes, leuchtend grünes Blätterwerk, Pflegehelfer eines Hilfswerkes im tiefsten bengalischen Dschungel, in einem Dorf namens Aporasi. Der Transporter war etwas außerhalb abgestellt, da das Gelände zum Dorf zu unwegsam gewesen war, und man hatte mich losgeschickt, um Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel zu holen. Das erste Stück blieb ich auf dem schmalen Feldweg, der zwischen Wald und hüfthoher Getreidewand hindurchführte, und dessen rostfarbene Erde bei jedem Schritt kleine Staubwolken die Knöchel hochpustete. An das Klima hatte ich mich noch immer nicht gewöhnt und so schleppte ich mich, eher wie ein nasser Sack denn wie ein Mensch, mit der missmutigen Erinnerung, wie lang der Weg vom Transporter zum Dorf gedauert hatte; eine mit Rucksäcken, Koffern und Kanistern bepackte Karawane aus Mitteleuropäern, feuchte Bleichgesichter, die von allen Seiten durch Fliegen und Mücken attackiert und angezapft worden waren. Da hatte sich die Angriffsfläche auf Mehrere verteilt, hier war nur ich, ein schwitzender Magnet für dieses Luftvolk, wie den Motten das Licht.
Ich beschloss, die langgestreckte Kurve zum Wagen direkt durch den Wald zu schneiden in der festen Überzeugung, ich müsse einfach nur geradeaus gehen. Der Wald war ein echter Wald, nicht wie zuhause, ein Ur-Wald, wo die Natur noch dem Menschen Gott war und nicht umgekehrt, ein dunkles Reich, doch durch die Lichtschneisen im Blätterdach und die Feuchtigkeit der Luft intensiv grün, eine Welt der Baghiras, Balus und Moglis, voller Geister und Geschichten. Blätter, groß wie Tennisschläger, rieben quietschend an mir entlang und peitschten hinter mir zusammen, Lianen und Gestrüpp streiften mein Gesicht, und das dicke Wurzelwerk ließ mich über einen Teppich aus Laub und Ästen stolpern. Aus jeder Richtung knackte, zirpte, heulte oder krähte etwas, wie hätte es auch anders sein sollen, und als ich mich umsah, um vielleicht doch zurückzugehen, auf den Weg, da war es hinter mir wie vor mir: nichts als Wald, Urwald. Ich hielt inne und lauschte in die Umgebung, aus der natürlich kein Laut kam, wenn man es hören wollte, sondern erst, als ich mich wieder entspannte, knirschte es im Gehölz. Schlangen, Spinnen, alles, was man hier vermutete, schoss mir durch den Kopf, beförderte meinen Puls und ließ mein Herz in der Brust pochen, als würde mir jetzt erst klar, wo ich eigentlich war. Meine Einbildung ließ das Grün noch enger und eindringlicher werden, zog ihm die frische Farbe aus, sodass es fahl und bedrohlich auf mich zuwuchs. Ich wollte nicht auf sie warten, auf diese ganzen Wesen, die hier wohnten, also setzte ich meinen Weg fort, glaubend, ich hätte bisher grade Spur gehalten. Ich ging schneller als zuvor, die Trägheit war der Fantasie dieses Ortes gewichen, und ich musste achtgeben, im Dickicht nicht umzuknicken oder zu stürzen. Als ich durch zwei große Blättertüren, die wie Schmetterlingsflügel geformt waren, hindurchstieß, glitt etwas haariges, fasriges in mein Gesicht, wie Federn, oder eben wie ein Netz... Ich pustete erschrocken los, schlug hektisch um mich und fuhr mir mehrfach durch Gesicht und Haare, mit diesem Gefühl, das man dann hat, es sei irgendwo noch etwas, in den Wimpern, den Augenbrauen, den Ohren, der Nase, am Nacken oder im T-Shirt. Nachdem ich mich wieder etwas besonnen hatte, erkannte ich, dass der Wald sich gelichtet hatte. Ich stand in einem Oval aus Baumriesen, durch deren verkeilte Kronen Lichtstrahlen herabfielen und sich auf Mannshöhe in den Schatten mischten. Der Platz hatte etwas Seltsames, vielleicht Mystisches, schön, aber doch...
Mir dämmerte, dass ich mich verirrt hatte, nach diesen paar Minuten schon; sicher nicht allzu weit, doch wusste ich nun nicht, wo ich weitergehen sollte, um nicht noch mehr abzukommen. Da stand ich nun und versuchte, klare Gedanken zu fassen, das Gesicht unter Schweiß und Hitze glühend, ein Gemenge aus Juckreiz, Ekel und Missmut. Meine Augen wanderten den Rand der Lichtung ab, Baum für Baum, Gebüsch für Gebüsch, hoffend, vielleicht einen Durchgang zu entdecken, der etwas freier war als meine bisherige Strecke. Doch schien alles wieder eng und überwuchert zu sein; ein echter Wald eben. Mein Blick war unmerklich auf einem großen dornigen Strauch liegen geblieben, der mit langen weißen Stacheln in alle Richtungen wies, buchstäblich hervorstechend. Ein Wind schien durch die Lichtung zu streifen, denn der Strauch wog hin und her, beugte sich vor und zurück, zitterte, und verwischte sich vor meinen müden Augen in einen tanzenden Wechsel aus hellen und dunklen Dornen, Schatten, Linien, Streifen...
Er sieht mich an, dachte ich mir. Er sieht mich an und wendet sich mir zu... Streifen, Streifen, Streifen... Mir wurde kalt, außen. Innen waren meine Gefäße wie heiße Drähte durch meinen Körper gespannt. Das Blut, es brannte wie Feuer. Ich spürte, wie es aus dem Kopf in den Rumpf wich, hin zu einem Herzen wie ein Hammer. Hier, wo die Natur dem Menschen noch Gott war und nicht umgekehrt, hier stand er nun und sah mich an. Zwei leuchtende Bernsteinkränze, die in scharfes Grün uferten, so durchdringend, als würden sie durch mich hindurchsehen; bebende Nasenflügel, rosig und blutriechend, ein leicht geöffnetes Maul, heißen Dampf ausstoßend, die flache Zunge zwischen zwei Fleischerhaken gewellt, vom Speichel durchtrieben und pulsierend. All dies in einem monströsen, von schwarzen Linien gezeichnetem Schädel. Der Leib, ein heller Fels aus reiner Kraft, der Überlebenswille in jede Muskelfaser eingeboren, mit Streifen, Streifen, Streifen. Die Beine standen wie Säulen, doch sah man an den riesigen Pranken, die sich in den Waldboden schmiegten, wie fein und grazil er sein konnte. Ich war gebannt von dieser schlimmen Schönheit, dieser echten Natur.
Ein Gedanke drang still aber bestimmt durch das Gemisch aus Faszination und Lähmung: Das ist dein Ende! Es war keine Überlegung, was ich jetzt tun sollte, kein Abwägen oder Umsehen, wie ich entfliehen könnte; es war eine Feststellung, eine einfache, reine Feststellung, so eine, die den Zwischenraum übersprungen hat, weil tief im Herzen Etwas weiß, dass alle Abwägungen und Überlegungen zu der gleichen Ansicht kommen werden. Was gäbe es denn auch für Möglichkeiten? Ich hatte ein Messer, aber kämpfen wäre irrsinnig; fliehen, zurück ins dichte Gestrüpp, wäre ebenfalls sinnlos; davonschleichen erübrigte sich, denn er sah mich bereits geradewegs an. Also stand ich da wie angewurzelt, mit einer Feststellung wie ein göttliches Gebot. Er wird mich töten, natürlich wird er mich töten. Ich bebte, wollte die Augen fest zukneifen - vielleicht war ja doch alles nur eine Illusion, ein Fieber oder dergleichen - aber konnte meinen Blick nicht von ihm nehmen. Wir fixierten uns gegenseitig, vermutlich glänzte ich schweißtriefend in den einfallenden Sonnenstrahlen. Und wie wir da so waren und uns anschauten, erkannte ich, dass er tatsächlich durch mich hindurchsah. Seine Augen waren wie Glas. Ich blinzelte mehrmals und sah genauer hin, traute mich aber zu keiner Bewegung. Sein Blick - wenn ich ohne Vorurteile betrachtete, ohne kalte Angst, ohne ein Monster vor mir zu glauben - schien ebenfalls etwas festzustellen, ebenfalls den Zwischenraum übersprungen zu haben und zu einer harten, klaren Einsicht gekommen zu sein. An der linken Flanke, zwischen den Streifen, klaffte eine tiefe Wunde, blutrot und bösartig. Er ist schwer verletzt, dachte ich und musste gegen das Gefühl an mich halten, ihn nun als harmloser einzuschätzen. Und doch, sehr allmählich, weichte die Feststellung meines sicheren Todes etwas auf und machte den Möglichkeiten Platz. Vielleicht kann ich doch fliehen. Der Mensch ist ein Hoffnungstier, und je mehr sich dieser Gedanke aufdrang, desto konzentrierter starrte ich ihn an, versuchte, alle Möglichkeiten, all seine Möglichkeiten, im Voraus zu erwägen. Dann senkte er seinen Kopf und kam auf mich zu. Mein Herz blieb einen Moment lang stehen und setzte dann mit einem derart heftigen Schlag wieder ein, dass es wehtat, als wolle es mich unter allen Umständen am Leben erhalten, damit er mich töten konnte. Ich war sicher, er spürte es, mein Herz, durch den Waldboden in seinen Pranken. Jetzt wollte ich nur noch rennen, aber ich konnte nicht; ich war versteinert. Kurz vor mir, sein gurgelnder Atem war unüberhörbar, kam er wieder zum Stehen und legte sich dann auf den Boden, drehte sich zur Seite weg, wie man es von Kleinkatzen auch kannte. Er atmete schwer in den mächtigen Rumpf, in diese schlimme Verletzung. Irgendein Tier musste ihm einen gewaltigen Hieb verpasst haben, vielleicht ein Bulle mit seinem Horn. Ich verfolgte das Heben und Senken seines Bauchs, das von einem flüssigen Rasseln begleitet wurde. Sein Blick war von mir abgewichen und ging ins Dickicht. Etwas Versöhnliches war darin, eine Akzeptanz, eine Hingabe in ein unsichtbares Gesetz, kurz: etwas, das der Mensch nicht hat. Eine Ruhe ging von ihm aus, die meine Lähmung löste. Die Atmung wurde flacher, es klang, als würde man mit einem Strohhalm den letzten Rest aus einem Glas heraussaugen. Ich kam langsam an ihn heran, hockte mich neben ihn und blieb. Nach einer Weile traute ich mich, die Hand auf seine Schulter zu legen, dessen Muskeln unter meinen Fingern spannten. Dann starb er, friedlich, einig mit dem Tod, der in seine Knochen ging, weil er gelebt hatte, und in jeder Sekunde das gewesen war, was er von Natur her war, ein Tiger, ein Tiger.