Sonntag, 30. Juli 2017

Regen

Seit Tagen schüttete sich der Himmel aus. Die Ampel, an der er wartete, war ein verquollener roter Fleck hinter einer Wasserwand, die, von den Scheibenwischern zur Seite geschoben, direkt wieder nachgoss. Innen beschlug es ständig, es war wie in einem Gewächshaus, und er nickte nur stirnrunzelnd, wenn manche der Patienten, zu denen er fuhr, ihm sagten, dass ihnen kühl sei, während ihm der Schweiß im Kragen staute und ihm die Lippen salzte.
 Es dauerte und er geriet in Träumereien, stellte dann den Motor ab, löste den Gurt, stieg aus, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, breitete die Arme und ließ den Regen auf sich niedergehen. Nahezu unmittelbar war er vollkommen durchnässt. Und in Sekunden der Besinnung fragte er sich, was er da eigentlich mache, wissend, dass es bereits zu spät war, denn so eine Pose musste man halten und konnte sie nicht abbrechen. Die hübsche Frau im Wagen hinter ihm, die er im Rückspiegel zwischen den Wasserschwällen gesehen hatte, wird wohl denken, dass er sie nicht mehr alle habe, aber das war nun auch egal; die Unbeschwertheit folgte der Haltung nach und bald vergaß er alles, als würde es vom Regen weggespült.
 Dann hörte er eine Tür sich öffnen und zuschlagen, und sie würde ihn gleich fragen, ob er nun fertig sei mit seinem Was-auch-immer und endlich weiterfahre, oder dergleichen. Doch sie sagte nichts, sondern er vernahm nur plätschernde Schritte neben sich und fühlte, nur einen Hauch, eine Hand die seine streifen und bleiben, Millimeter neben seiner. Sie stand da auch so.
 "Das habe ich als Kind gemacht", sagte er, "In der Schule standen wir im überdachten Gang zur Aula und haben gewartet, dass die Lehrerin aufschließt. Es hat geschüttet und ich bin auf den Schulhof gerannt und habe die Arme ausgebreitet und mich vollregnen lassen ... und manche haben es nachgemacht und die Lehrerin hat gerufen, wir sollten zurückkommen; nasse Kleidung, Erkältung, blabla, und so weiter. Und wir haben da gestanden, alles ignoriert und es genossen ... Warum macht man das später nicht mehr?"
 Sie sagte nichts.
 Sie wird nichts sagen, dachte er.
 Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der verquollene rote Fleck wurde gelb, dann grün. Und er fuhr weiter.

Freitag, 14. Juli 2017

Ähren

Worüber wehklagen? Worüber ängstlich und sorgenvoll werden?
 Eines Tages werden wir das alles zu Staub zerfallen sehen und vom Wind davongeweht, wie in Frühlingsstürmen, die die Ähren auf den Feldern durchpusten.
 Und dann werden jene, die Frieden, Liebe und Gerechtigkeit ersehnt haben es im Überfluss bekommen: Frieden, Liebe und Gerechtigkeit.
 Und jene, die es nicht wollten, sondern Unfrieden, Hass und Unrecht, sind vergangen. Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Es ist ja nicht so, dass das nicht zuhauf gelehrt und geschrieben worden wäre, nicht wahr?!

Soll man also stumm ertragen und nicht gegen das Böse aufstehen?
 Wie sagte Paulus immer: "Das sei ferne!" - Immer sollen wir aufstehen!
 Zum Beispiel: allen Menschen mit Liebe, Friedfertigkeit und Sanftmut begegnen, soweit es an uns liegt. Das ist der Kampf gegen das Böse.
 Das klingt naiv und dumm. Nein. Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne Hass mit Hass und Gewalt mit Gewalt überwinden; als würde man seine Wohnung mit Dreck putzen.
 Naiv und dumm ist es, zu glauben, man könne die Welt noch irgendwie zur Einheit hinschlachten und einen Weltfrieden zurechtbomben. Von unserer Heuchelei ganz zu schweigen, eine Gerechtigkeit einzufordern, die wir in uns selbst nicht wahrmachen.
 Das Problem ist das Herz des Menschen, von Anfang an. Und nach dem Herzen werden wir einmal beurteilt werden, nicht nach dem Werk. Ein Werk wird nur durch die Gesinnung gut.
 Dem Hilfsbedürftigen mag das Herz egal sein, wenn ihm geholfen wird; das spielt keine Rolle, das Herz wird angeschaut werden. Und wo immer wir sind und was wir tun, ob an einem Podium, an einem Altar, in einer der unzähligen Talkshows, auf großen Konferenzen, im Supermarkt, im Auto, im Haus oder am Stammtisch, und wir reden von Recht und Unrecht, von Frieden und Gerechtigkeit und alledem, es wird das Herz angeschaut und durchforscht vom Geist, ob es Liebe war.
Und die Liebe, das muss klar sein, lässt sich nicht durch gute Absicht, Höflichkeit oder Enthaltung und Neutralität ersetzen, wie manche glauben.

Irgendwann einmal muss man die Verantwortung tragen. Dann ist unser Geschwätz, unsere Selbstgerechtigkeit, unser Undank diesem schönen Leben gegenüber, unsere Folter und Selbstzerstörung, unsere Überheblichkeit und unser Narzissmus, unser Zorn und unsere Bosheit, das alles ist dann vorbei.

Darüber kann man wehklagen: über den Menschen.