Donnerstag, 10. November 2016

Die Welt

 Ein Mann sitzt, mit einem dicken schwarzen Mantel bekleidet und einer Melone auf dem Kopf, auf einer Bank und schaut vor sich auf den gepflasterten Boden hin, auf dem dicke Schneeflocken manchmal schweben, manchmal kleine kreiselnde Bewegungen machen, manchmal liegen bleiben. Es ist so eine alte englische Bank, irgendwo müsste ein hübscher Park sein, wenn man ihn denn sehen könnte, doch es ist neblig, und rechts neben ihm steht eine dieser alten Laternen aus Londoner Straßen. Links hinter ihm bäumt sich eine verschneite Tanne auf, die dort irgendwie nicht hingehört, wie eigentlich alles, denn man vermisst hinter der dichten Nebelwand den Rest dieses Bildes. Es ist still, kein Geräusch und kein Wind regt sich, und der Mann sitzt unbewegt, als sei das alles eine Momentaufnahme. Und wie es ist, wenn man Stille und Einsamkeit und lange Weile hat, denkt der Mann nach über sich und diesen Ort und seinen Platz. Und alles erscheint ihm trist und öde und ohne Sinn, fehl am Platze, und er meint, selbst nicht zu wissen, was ihn eigentlich hierher getrieben habe und warum er hier sitze oder wohin er denn wolle. Er schaut nur vor sich und die Welt, in diesem Nebel verschleiert, kommt ihm undurchsichtig und unwirklich vor, und einen Moment lang ergreift ihn tief im Innern Angst, die einen ergreift, wenn man wirklich alleine ist.
Vielleicht, denkt er, ist es so, dass alles vollkommen sinnlos ist. Vielleicht bin ich rein zufällig hier, hingesetzt auf einen Platz durch Instinkt oder irgendeinen Reiz der Sinne. Eine Zusammenballung von Kräften, die sich zufällig im Raum trafen. Voneinander angezogen, ja, aber hätten sie noch etwas anderes angezogen oder etwas fallenlassen, es wäre alles ganz anders gekommen; ein unvorhersehbares Spiel von Materie und Reaktionen. Und ich, der ich jetzt hier sitze und denke, bin nur das Ergebnis eines Selbsterhaltungstriebes, einer eingepflanzten Lust und einer passenden Gelegenheit. Ein unbewusster Wille zu Überleben steuert mich, da ich mich ohnehin nicht einfach hinlegen und tot sein kann. Und niemand wollte mich, sondern man wollte Jemanden und was herauskam, war eben ich und dann ist es halt so. Das ist es, was bleibt, wenn man die Ideale wegnimmt: die vollendeten Tatsachen. Denn ich lebe in einer Welt aus Ideen, als erstes über mich selbst und dann über andere, dann über das, was zwischen uns stattfindet und was es bedeutet. Und diese Ideen sind so übermächtig, so existenziell, dass man ohne sie das Leben nicht ertragen kann; man braucht sie nötiger als Essen und Trinken. Solange man mit anderen umgeht und zusammen ist, werden sie ständig genährt, doch ist man einmal lange Zeit alleine, wirklich alleine, so wie ich jetzt hier, und die Erinnerungen und Vorstellungen wurden schon tausende Male erinnert und vorgestellt und verblassen langsam wie der Boden in diesem Nebel hier, dann wird die Idee immer mehr auf das Selbst zurückgedrängt, gleicht sich der realen Kreatur an, und da ist - wenn man sich anschaut - nichts außer einer tiefen Leere, einer totalen Dunkelheit. Solange, ja, solange ich mit anderen bin, kann ich mir etwas vormachen und sie machen mir ja auch etwas vor, doch alleine, wenn`s nur lange genug ist, so wie ich jetzt hier bin, kann ich mir selbst nichts mehr vormachen. Ich bin ein gefallenes Wesen, in die Welt gefallen durch Neigung und Verdichtung, und lebe und webe dieses Geflecht aus Illusionen, um zu rechtfertigen, dass ich es bin. Ich bilde mir ein, eine Bedeutung zu haben, einen Wert und einen Sinn für jemanden, der mich wirklich liebt wie ich bin, ohne einfach nur die Gegebenheiten zu nehmen und es dann Liebe zu nennen. Doch das ist Illusion.
Nach diesen Gedanken ist es ihm, als kenne er niemanden, als sei er immer schon alleine gewesen, als sei alles (selbst die Gedanken) aus dem Nichts gekommen, erregt durch Anschauung und Begehren, und werde wieder ins Nichts vergehen. Und die Welt erscheint ihm riesig und kalt und er hat keinen Platz in ihr, weil er belanglos ist. Und je klarer ihm das wird, desto mehr kreisen seine Gedanken um ihn selbst, wie die Schneeflocken zu seinen Füßen, und er zweifelt an seiner Existenz.
Vielleicht, denkt er, bin ich ja auch nur eine Idee.
Dann bewegt sich plötzlich alles und bebt, die Schneeflocken wirbeln durcheinander und tanzen wild umher und alles wird ein weißes Wirrwarr. Er sieht es, doch ist weiter unbewegt und auf seinem Platz und er selbst.

Ich stehe im Laden und schüttel die Schneekugel, betrachte, wie die dicken Schneeflocken durch das Wasser schwirren und denke mir, was für seltsame Ideen die Menschen doch haben.

Donnerstag, 3. November 2016

Diese Narben

 Da ist ein Mädchen mit zerschnittenen Armen und Handgelenken. Eigentlich ist es eine junge Frau, doch wenn man sie sieht, denkt man an ein Mädchen. Sie sitzt, dick und aufgedunsen, wie ein Kind da, das die Erwachsenen dazu ermahnt haben, über seine Fehler nachzudenken und erst wieder aus dem Zimmer zu kommen, wenn es einsichtig geworden ist. So sitzt sie da, als geschähen ihr die Dinge einfach, als gleite die Welt an ihr vorbei und sie denkt sich: Was ist denn passiert?, und versteht nichts und hat keine Ahnung von der Welt und vom Leben. Und ehe sie in einem Augenblick etwas erkennen kann, ist`s schon vorüber und die nächste Wahrnehmung ist schon da und schwer genug zu ertragen. So runtergedrosselt auf die Gegenwart, dass alles überraschend und verwunderlich ist, und die Erinnerungen sind trübe und unwahr und mit Schmerz in die Arme gezeichnet, um die eigene Realität noch zu fühlen, und die Erwartungen machen tiefe Angst.
In die Arme sind breite Narben eingegraben und leicht ist man versucht zu denken, das sei die ganze Geschichte eines Menschen. Du bist irgendwann durchgedreht oder warst vielleicht immerschon krank, von Natur aus, schlechte Vererbung oder ein böses Erlebnis, asoziale Eltern, die immer nur gequalmt und gesoffen haben oder einfach nur zu viel Fernsehen und zu wenig Fantasie. Und jetzt hockst du da und versuchst, dich von Serien und Filmen in eine andere Welt entführen zu lassen, doch du siehst nur flache bewegte Bilder und hörst irgendein Gerede. Und du fühlst dich nicht wohl in deiner Haut, würdest sie dir am liebsten vom Körper schneiden, wenn der Arzt die Empfindung nicht durch Medikamente minimiert hätte. Doch nun schmeckt das Essen fad und alles ist dir taub und neblig, die Nebenwirkungen sind die Krankheit, die sie behandeln sollen, man müsste lachen, wenn es nicht so traurig wäre; aber es ist so traurig. Du stehst morgens auf wegen der Tagesstruktur und weißt eigentlich gar nicht, warum, und was du im Badezimmerspiegel siehst, kannst du kaum aushalten, nur, wenn du es ignorierst und du das eigentlich nicht bist; da bist du dir ja ohnehin nicht so sicher. Schaust du aus dem Fenster, dann siehst du den hässlichen kleinen Vorgarten, ein brauner Unkrautteppich, auf dem lange scharfe Halme wie Gitterstäbe oder die Stacheln einer Fallgrube hochragen, und keiner kümmert sich darum. Beim Zaun hört deine Welt bereits auf, dahinter ist eine andere, in der Menschen ihr Leben leben. Genauer hört sie schon an deinem Fenster auf, das du mit deinem Atem beschlägst, und eigentlich schon auf deiner Haut. Du kommst über dich selbst nicht hinweg und das ist eigentlich die Krankheit.
Und wenn ich sie so sehe und sie ein verlegenes "Tschüss" erwidert, dann denke ich, dass ich ihr gerne sagen würde, dass dies alles nur ein Missverständnis sei. Dass irgendwas, irgendwer sie gekränkt habe und sie hat es missverstanden und geglaubt, das sei die ganze Geschichte eines Menschen. Sie sei unwert und werde nicht geliebt und alle haben sie verlassen oder werden sie verlassen, und sie sei hässlich und abstoßend und keiner kann sie ertragen. Und wer sie erträgt und gut zu ihr ist, der ist verdächtig und kann es letztlich nicht wirklich so meinen. Ich will ihr sagen, dass es nicht wahr sei, dass sie wertvoll ist und geliebt wird, nicht verlassen und nicht verloren ist, und dass sie schön ist und Menschen es gut mit ihr meinen.
Und ich denke, dass ich ihr gerne sagen würde, dass dies alles vorbeigehen wird. Dass diese Narben vergehen werden und dieser ganze Leib weggenommen wird und sie wird einen neuen Leib und neue Haut bekommen, als ziehe sie ein frisches, schönes Kleid an. Und dass sie wie in einen klaren Himmel sehen wird, als seien die dunklen Wolken abgezogen, und sie wird riechen und schmecken und fühlen, als sei es das erste Mal und alles wird sie überwältigen, so schön ist es. Da wird sie endlich bei sich selbst ankommen, das Ebenbild Gottes, und wird keine Angst mehr haben.
Und dann denke ich, dass es nicht meine Aufgabe, geschweige mein Recht ist (zumal ungefragt und vielleicht ist ja alles ganz anders), und ich hoffe, sie versteht mich ohne Worte.