Anfang, Mitte und Ende

Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. Und als sie ihn sahen, warfen sie sich vor ihm nieder; etliche aber zweifelten. Und Jesus kam auf sie zu und redete mit ihnen und sprach: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! (Matthäus 28,16-20)

Ich habe mal einen Prediger sagen hören, diese Verse seien "wie ein Sandwich". - Ein "göttliches Sandwich", das uns Christinnen und Christen Nahrung und Stärkung ist. Nahrung und Stärkung durch die nun fast zweitausend Jahre hindurch, seit unser Herr von dieser Erde zu seinem Vater ging. Es ist immer wieder faszinierend, wie ein paar Zeilen aus der Bibel das vermögen, wenn man genau hinsieht und sie in sein Herz aufnimmt. Unsere ganze Geschichte ist in diesen Worten festgehalten. Hättest du das gedacht? Unsere ganze Geschichte in drei Sätzen: Anfang, Mitte und Ende. Für den Fall, dass dir das zu wenig ist, zu allgemein, und du dich zu wenig gesehen fühlst: Keine Sorge! Die Details sind in Gottes Büchern niedergeschrieben; er übersieht nichts und vergisst dich nicht. Doch als Kurzfassung - noch knapper geht es nicht - ist hier die Geschichte der Christenheit beschrieben. Mögen diese Worte auch uns immer wieder Nahrung und Stärkung sein, mögen sie dir und mir zum Segen werden. 

Wir haben hier eine den meisten Christen altbekannte und oft gehörte Mitte, den Missionsbefehl Jesu: So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker. Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. - Gerade für uns zur Verkündigung Berufene (Ordinierte) ein sehr vertrauter Satz; man wird hellhörig an der Stelle, wo einem gesagt wird, was man zu tun hat, nicht wahr? "Macht zu Jüngern alle Völker", lasst alle Menschen aus allen Völkern (ohne Unterschied) hören und wissen von diesem Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der uns geliebt hat und seinen Sohn zu uns sandte, damit wir gerettet werden aus der Trennung von Gott und seine Kinder werden; lasst alle Menschen aus allen Völkern hören von diesem Evangelium, auf dass der Heilige Geist ihre Herzen gewinne und aus dem Hören der Glaube komme (Röm 10,17). Tauft sie auf den Namen dieses Gottes, der ein Gott der Beziehung ist - der Vater und der Sohn und der Heilige Geist - und der uns diese Beziehung schenken will. Und "lehrt sie", lasst eure Gemeinde einen Ort sein, wo meine Schule ist und wo sie lernen, was ich euch befohlen habe.

Das sollen wir tun. Das ist unser Auftrag und unsere Aufgabe, und eine andere haben wir nicht. Alles andere sind Fußnoten. Und wann immer wir uns in Gedanken und Fragen verstricken, was wir denn als Christen tun sollen, was jetzt nottut, was die Menschen brauchen und wofür wir einstehen sollen, ist es heilsam, zu seinen klaren und einfachen Worten, zu seinem Gebot zurückzukehren und es zu verinnerlichen. Denn die Zeit, die Umstände und Widrigkeiten in der Welt und in unseren Herzen machen, dass wir uns in solchen Gedanken und Fragen verstricken, und das Licht auf unserem Weg ist nur Er und Sein Wort: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. (Ps 119,105) - Das also sollen wir tun. Es ist Jesu Auftrag an uns, keine Bitte und kein Vorschlag, sondern sein Gebot. 

Doch dieser Auftrag, dieser Befehl, diese Mitte wird von zwei Seiten zusammengehalten, eben wie bei einem Sandwich, sonst fällt sie auseinander, der Befehl verliert all seine Kraft und der Auftrag seinen Sinn. "So", heißt es im Text, oder: "Darum geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker ..." Warum? "Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum geht nun hin ..." Weil ihm, Jesus Christus, alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, darum sollen wir hingehen und es allen Menschen verkünden, sie hören und wissen lassen von Ihm. Nicht, weil er ein guter Weisheitslehrer war, ein Reformer, ein spirituelles Vorbild oder was auch immer, oder weil das "christliche Orientierungsangebot" ja auch ganz erbaulich und förderlich für eine Gesellschaft ist, oder weil wir das "christliche Abendland" sind und dies unsere Kultur ist. [Es ist interessant, dass wir heute angesichts der Herausforderungen durch die Migration und in aufgeheizten politischen Debatten plötzlich ein "christliches Abendland" sind, doch das ist ein Thema für eine eigene Andacht.]

Nein, nicht aus diesen Gründen sollen wir ihn und sein Evangelium verkünden, die Menschen taufen und lehren, sondern weil ihm gegeben ist "alle Macht im Himmel und auf Erden", weil er der Sohn des lebendigen Gottes ist und uns "kein anderer Name gegeben ist unter dem Himmel, in dem wir sollen selig werden" (Apg 4,12). Hier ist nicht die Rede von einem religiösen Orientierungsangebot oder von "Kultur", so sehr das für uns Menschen auch prägend und wichtig ist, sondern es ist die Rede von Dem, dem alles gehört. Kein weiser Lehrer und kein spirituelles Vorbild würden so etwas von sich behaupten! Ebenso würde niemand auf die Idee kommen, von sich zu sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als durch mich. (Joh 14,6) Wer so etwas von sich sagt, der spricht die Wahrheit, oder er ist vollkommen irre; und deshalb funktioniert der "gute Weisheitslehrer Jesus" auch nicht, ohne dass man immer wieder mit seinen eigenen Worten aneinandergeraten muss und sich daran stößt wie an mächtigen Steinen auf dem Wanderweg.

Ist er für uns, ist er für dich, ist er für mich Der, dem gegeben ist alle Macht im Himmel und auf Erden? Ist es Gottes Sohn selbst, der uns in die Welt hinausgeschickt hat oder nicht? Kurzum: ist er dein, ist er mein Retter und Befreier, ist er für dich und mich gestorben und ist auferstanden und hat uns das ewige Leben versprochen, und dass er alles vollenden wird? - Das ist die eigentliche Frage dahinter. Wer hat da dein Herz ergriffen und gewonnen, sodass du hingehen willst und allen Menschen davon erzählen und sie einladen und aufnehmen willst in Seine Gemeinde und sie Seine gute Lehre lehren willst? Andere Lehrer und Religionsstifter überdauern die Zeiten auch einfach nur als Lehrer und Religionsstifter und sind bis heute bekannt und prägend, aber dieser hier nicht. Bei Ihm ist es untrennbar zusammengebunden: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Darum geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker ... 

Und der Abschluss dieser Worte hält die Mitte von der anderen Seite zusammen: Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit! An anderer Stelle sagt er: Ich lasse euch nicht als Waisen zurück; ich komme zu euch. (Joh 14,18) Wäre dem nicht so, dann wäre die christliche Botschaft nach Jahren, Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten, ausgestorben. Die größte Macht mag uns angestoßen haben und beauftragt haben, diese Botschaft, diese Erzählung von diesem Mann, seine Taten und seine Worte mögen unser Herz ergriffen haben, doch wir überleben nicht, wenn Er nicht mit seinem heiligen Geist bei uns ist! Diese Kerze wäre runtergebrannt, wäre schwächer geworden, aus Helligkeit wäre Dämmerung geworden und aus Dämmerung Nacht, in der das letzte Licht eines glimmenden Dochtes verschwindet und sich in Rauch auflöst. 

Denn der Weg ist lang und oft schwer und die Zeit vergeht. Die ersten Jüngerinnen und Jünger dachten, er komme bald wieder, wie er es gesagt hatte, und das "Ende der Weltzeit" (wörtlich aion, "des Zeitalters") meine wirklich ein baldiges Ende ihres Zeitalters. Doch aus dem Zeitalter wurden viele Zeitalter, und sein Licht leuchtet ungebrochen in der Finsternis. Wir mussten immer wieder neu lernen, was das heißt: "Den Tag aber und die Stunde weiß niemand!" (Mk 13,32a), und ihm zu vertrauen und dass "nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn" (Röm 8,38-39).

Ohne Ihn, ohne Seinen Heiligen Geist geht das nicht! Was wären wir ohne ihn? Deshalb sagt er es uns und hält uns von beiden Seiten mit diesen Versprechen, damit wir tun können, wozu er uns beauftragt hat: Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt!

Glaubst du das? Oder zweifelst du manchmal, wenn du dich in dieser Welt umschaust, dass Er wirklich alle Macht im Himmel und auf Erden haben sollte? Und zweifelst du, was du tun sollst und was jetzt nottut, und ob er wirklich noch bei dir ist oder ob er dich verlassen hat? Dann sage es Ihm! Wie du ihm Freude und Dank sagst für die glücklichen Tage, so sage ihm Zweifel und Sorgen in den schweren! Wem soll man denn diese Welt anvertrauen, wenn nicht ihm? Wen soll man fragen, was zu tun ist, wenn nicht ihn? Und wem soll man das Gefühl der Einsamkeit klagen, wenn nicht ihm, der uns sagte, dass er alles - Anfang, Mitte und Ende - in seinen Händen hält und der "derselbe ist gestern und heute und auch in Ewigkeit!" (Hebr 13,8)

Wende dich zu Ihm! Er übersieht nichts und er hat dich nicht vergessen! All deine Tage, all deine Sorgen und Zweifel, all deine Ängste und Fragen, dein ganzes Leben ist niedergeschrieben in seinen Büchern, kein Schmerz und keine Träne sind ihm unbekannt, und "das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen." (Mt 12,20a)

Gott segne dich. 

Amen. 




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