Von der Liebe zu den Feinden

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid. (Mt 5,43-45a)

Woher kommt diese Weisung: "Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen"? Ist sie irgendwo niedergeschrieben und als Gebot gegeben - im Alten Testament oder irgendeiner anderen Schrift? Nein, und hier sagt Jesus, der diese Worte spricht, auch nicht, "wie geschrieben steht" oder "wie zu den Alten gesagt ist", sondern: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist". Dieses Denken ist in den Herzen der Menschen niedergeschrieben, es entspricht unserer Natur, so zu empfinden: Die, die mir nahe und gut sind, denen bin auch ich gerne nahe und gut, und diejenigen, die mir gegenüber feindlich gesinnt sind, mich sogar angreifen und mir Schlechtes wünschen, denen gegenüber bin auch ich feindlich eingestellt.

Das ist doch vollkommen klar und nachvollziehbar, mag man denken, vor allem, wenn der andere ja "angefangen" hat und man selbst gar nichts gemacht hat, nicht wahr? Diese Logik, die in Kinderzimmern und Sandkästen ihren Anfang nimmt, setzt sich bis zu gestandenen Erwachsenen fort, und wenn das nicht so fatal wäre, könnte man schmunzeln und sagen, es seien kindische Streitigkeiten und bald sind sie vergessen und man spielt wieder miteinander als wäre nichts gewesen. Das aber kann der Mensch so schlecht. Was Kindern noch zu eigen ist, nämlich ohne Feinde leben zu können und zu wollen, das fällt dem Erwachsenen sehr schwer. Er braucht die Sicherheit zu wissen, wer seine "Nächsten" und wer seine Feinde sind, und er hat im Leben Kriterien erlernt, nach denen er das sortiert und einordnet. Wo das Kinderherz spricht: "Ich will keinen Feind haben", spricht das Herz des Erwachsenen: "Ich will den oder diesen Feind nicht haben", und verwendet seine Zeit und Energie darauf zu klären, wer der Feind ist und ihn ausfindig zu machen. Wo Kinder, ganz von selbst und ganz im Sinne Jesu, verstehen: Mein Nächster ist der, der gerade bei mir ist, fragen Erwachsene: "Wer ist denn mein Nächster?" (Lk 10,29)

Wohl auch deshalb sagte Jesus: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen! (Mt 18,3), denn das Kinderherz ist hierin, wie in vielen anderen Dingen, näher bei Gott. 

Nicht den Feind zu hassen, sondern die Feindschaft, nicht den Gegner vernichten, sondern den Hass bezwingen zu wollen, der unser menschliches Miteinander so sehr vergiftet und verwundet - das ist das Gebot Jesu, und macht uns zu Söhnen und Töchtern unseres Vaters im Himmel.

Wir leiden unter Hass, unter bösen Worten, Beleidigungen, Anfeindungen oder gar Verfolgungen, und eigentlich sehnen wir uns danach, dass es aufhört. Tief in uns, wo dieses Kinderherz vielleicht noch schlummert, will Jesus mit diesen Worten zu uns sprechen und uns zeigen, dass wir den Anfang machen sollen, den Anfang zum Ende der Feindschaft und des Hasses. Genauso, wie wir nicht fragen und suchen sollen, wer unser "Nächster" ist, sondern wem wir der Nächste werden können, wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, sollen wir nicht fragen und suchen, wer unser Feind ist, sondern für ihn beten und ihn segnen und ihm den Frieden anbieten, denn: Ist es möglich, soviel an euch liegt, so haltet Frieden mit allen Menschen. (Röm 12,18)

Gewinnt man auf diese Weise eines Menschen Herz, und nicht der "Feind" ist besiegt, sondern die Feindschaft, dann hat man den größten Sieg errungen: den Sieg im Kampf gegen das Böse, und man hat alles gewonnen: einen Menschen, der keine Feindschaft mehr will, sondern Frieden. Wir alle wissen, wie viel schöner es ist, dass nicht der Feind zu Schaden kommt, sondern er kein Feind mehr ist, und Frieden wird, wo vorher Feindschaft war. 



Herr Jesus, hilf uns dabei, diese deine Worte in uns wahr werden zu lassen und zu leben. Wir brauchen es so dringend in dieser Welt, in unserem Miteinander, in unseren Herzen. Amen.  

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