Samstag, 15. April 2017

Wen ihr ehrt ...

"Hier stehe ich und kann nicht anders! Gott helfe mir, Amen!"
 Diese und andere legendäre Sätze hört und liest man vor allem in diesem Jahr sehr oft. Am 31. Oktober wird der Augustinermönch Martin Luther seine berühmten 95 Thesen vor fünfhundert Jahren an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben und damit zu einem Pionier und zum bekanntesten Gesicht der Reformation werden.
 Er wird nach und nach mit allem brechen, was bisher herrschte: eine Kirche, die ihre Aufgabe und die Botschaft, die sie tragen sollte, längst vergessen hatte, die zum Bild des Antichristen geworden war, weil man sich dort selbst zu Gott machte, über Heil und Unheil verfügte und es verkaufte wie Waren auf dem Markt. Er wird selbst zur Ware werden, die heute Bücher, Plakate, Spielfiguren und Musicals schmückt; ein Ersatzpapst einer Kirche, die sich rühmt, keinen Papst zu haben, sondern allein Christus als ihren Herrn und ihr Haupt.
 Er wird die Freiheit des Gewissens vor sich selbst und vor Gott entdecken, die Gerechtigkeit aus Glauben, den Glauben an Jesus Christus. Er wird vom guten Pfad abkommen, die Freiheit des Gewissens versaufen und mit Gewissenlosigkeit tauschen, mit dem Glauben alles rechtfertigen: die schlimmsten Texte und Beleidigungen, die Zustimmung zu grausamsten Folterungen und Bestrafungen Andersdenkender, wie es einst der verhassten Mutterkirche vorgeworfen wurde, obgleich er einmal gesagt hatte, man dürfe niemanden zum Glauben zwingen.
 Man wird sagen, es sei eben eine harte und grobe Zeit und Sprache gewesen, damals bei dem Luther, und er habe eben ein Maul gehabt und vieles gar nicht so gewollt und gemeint. Doch liest man bei anderen Christen jener Zeit nicht solche Texte, nicht solche Worte; in der antiken, biblischen Zeit unseres Herrn und unserer Apostel, die an Härte und Grausamkeit nichts fehlen ließ, lesen wir nicht solche Texte, nicht solche Worte. Und wenn die ganze Welt so redete, so sollte es doch beim Christen anders sein, oder nicht? Und was wir wollen oder nicht, was wir anrichten oder nicht, dem Christen sollte es doch klar sein, oder nicht?
 Von der Freiheit des Gewissens wird man viel reden und es als Errungenschaft der Reformation preisen. Von der Gerechtigkeit (allein) aus Glauben wird man viel reden; dass es der Glaube an Jesus Christus ist, der eine und einzige Weg, davon wird man weniger reden; dass Glaube ohne Werke tot ist, dass die Werke Christi Liebe, Sanftmut, Barmherzigkeit, Treue, Unbestechlichkeit, Wahrhaftigkeit und dergleichen Tugenden sind, gegen jedermann, den Nächsten, dass der Herr nicht bloß die böse Tat, sondern schon den bösen Gedanken beurteilt, davon wird man weniger reden.
 Er, Martin Luther, wird eine großartige Bibelübersetzung schreiben. Nicht die genaueste, aber mit Sicherheit die schönste in deutscher Sprache; das größte Werk seines Lebens. Er wird den einzig guten Maßstab zur Auslegung der Schrift an die Hand geben, das ist Jesus Christus selbst, und wird selbst dagegen verstoßen, indem er manche Texte vorzieht und hervorhebt, andere zurückstellt und gar als "stroherne Epistel" herabsetzt, obwohl so viel Gutes und Wahres darinsteht.
 Die Übersetzung wird man ehren, als Meilenstein deutscher Literatur und wegen ihres enormen Einflusses auf die deutsche Sprache und Kulturgeschichte; und manche werden sie sogar dadurch ehren, dass sie sie lesen und aus ihr lernen.

Es geht nicht um Luther. Gott hat diese beeindruckende Persönlichkeit gebraucht in einer Zeit, wo es vonnöten war, um das Wesentliche wieder auszugraben, das von so viel Prunk und Schund zugeschüttet war. Gleichsam ist er ein schillerndes und tragisches Beispiel dafür, was Macht, Einfluss und Rausch mit einem Menschen machen, und wie sogar jemand, der so wunderbare Texte schrieb und so frei war, vom guten Weg abkommen und Knecht werden kann - der Fürsten und vor allem seiner selbst.
 Wir sollten Acht haben, dass es uns nicht genauso geht und wir etwa für die Anerkennung von Oberen und der Gesellschaft die Lehre Gottes drangeben, nicht wahr? Dass die Freiheit des Gewissens nicht die Freiheit vom Gewissen werde; dass die Rechtfertigung nicht "allein" aus Glauben komme, noch dazu aus irgendeinem Glauben, sondern dass er uns nach Gesinnung, Worten und Taten beurteilen wird; dass er nicht eine religiöse Variante sei, ein "christliches Sinn-Angebot", sondern er ist der Weg zu Gott und die Versöhnung mit ihm.
 Wollen wir die Reformation feiern und ihr gedenken, so sollten wir uns eine Frage stellen, die damals alles entschied, heute alles entscheidet, und ferner alles entscheiden wird: Wen ehren wir?

Herr, unser Gott, du bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft; denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen. 
(Offb 4,11)

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